Nur noch ein Sieg fehlt

Ker­ber am heu­ti­gen Sams­tag vor Wim­ble­don-Wun­der ge­gen Se­re­na Wil­li­ams

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - SPORT - Von Kris­ti­na Puck

An­ge­li­que Ker­ber ist zu­rück in der Welt­spit­ze und steht wie 2016 im Wim­ble­don-End­spiel. Ge­reift will die 30-Jäh­ri­ge ers­te deut­sche Ge­win­ne­rin des be­rühm­ten Ten­nis-Tur­niers seit St­ef­fi Graf wer­den. Ih­re Geg­ne­rin Se­re­na Wil­li­ams schreibt an ih­rer ei­ge­nen Ge­schich­te.

LON­DON Dies­mal soll Ker­bers Wim­ble­don-Wun­der wahr wer­den, der Gran­dSlam-Coup über Wil­li­ams ge­lin­gen. Mit dem Lern­ef­fekt nach dem gran­dio­sen, aber ver­lo­re­nen End­spiel vor zwei Jah­ren will es die Kie­le­rin am heu­ti­gen Sams­tag (15 Uhr, ZDF) ge­gen die nun jun­ge Mut­ter bes­ser ma­chen. „Ich weiß, dass ich das Po­ten­zi­al ha­be, sol­che Din­ger zu ge­win­nen“, sagt Ker­ber. „Da­mals wuss­te ich nicht, was auf mich zu­kommt. Jetzt weiß ich, wie es sich an­fühlt.“

Nach er­nüch­tern­den Rück­schlä­gen zeigt sich die 30-Jäh­ri­ge men­tal ge­reift, er­fah­re­ner und gibt sich wie­der selbst­be­wusst. Die Si­tua­ti­on ist ei­ne kom­plett an­de­re als 2016, auch weil Se­re­na Wil­li­ams nur zehn Mo­na­te nach der Ge­burt ih­rer Toch­ter an­tritt. „Sie ist zu­rück­ge­kom­men. Ich bin zu­rück­ge­kom­men von 2017. Das ist ei­ne Her­aus­for­de­rung“, sagt Ker­ber. „Wer weiß, was noch pas­sie­ren kann?“

Sie hat es schon ein­mal ge­schafft. In Mel­bourne, als sie vor zwei Jah­ren mit dem Aus­tra­li­an-Open-Ti­tel ver­blüff­te und zur ers­ten deut­schen Grand-Slam-Sie­ge­rin seit Graf auf­stieg, hat sie Wil­li­ams in ei­nem gro­ßen Fi­na­le be­siegt. „An­gie will die­sen Ti­tel un­be­dingt, das spürt man“, sagt die Frau­en-Che­fin Bar­ba­ra Ritt­ner.

Nach zu­letzt sechs Gran­dSlam-Auf­trit­ten oh­ne End­spiel hat Ker­ber ih­ren Weg wie­der ge­fun­den. Sie hat die Frust-Mo­na­te der ver­gan­ge­nen Sai­son hin­ter sich ge­las­sen, als sie den Er­war­tun­gen weit hin­ter­her­lief. Ihr Ent­wick­lungs­pro­zess nach dem Wim­ble­don-End­spiel 2016 spül­te sie rauf zur Num­mer eins und zum zwei­ten Grand-Slam-Ti­tel bei den US Open, dann in Mo­na­ten vol­ler er­nüch­tern­der Er­leb­nis­se weg von der ab­so­lu­ten Welt­spit­ze. Jetzt ist sie wie­der da.

Im End­spiel wird die ehe­ma­li­ge Welt­rang­lis­ten-Ers­te ner­vös den Cent­re­court be­tre­ten, wie im­mer vor sol­chen Spie­len. „Ich ha­be jetzt die Er­fah­rung, dass die Ner­vo­si­tät vor­bei­geht. Ich weiß, dass ich ru­hig blei­ben muss. Dass das Match auch viel im Kopf ent­schie­den wird“, schil­dert sie.

Vor zwei Jah­ren lie­fer­te Ker­ber ein star­kes ers­tes Wim­ble­don-Fi­na­le ab, am En­de wa­ren Prä­zi­si­on und Power von Wil­li­ams ei­nen Tick zu gut. Un­ter ih­rem jet­zi­gen Trai­ner Wim Fis­set­te, der vor fünf Jah­ren auch Sabine Li­si­cki ins End­spiel von Lon­don führ­te, hat die Links­hän­de­rin ih­ren Auf­schlag ver­bes­sert. Der dürf­te auch ge­gen Wil­li­ams ei­ne ent­schei­den­de Rol­le spie­len.

Fis­set­te ist ein Sta­tis­ti­kLieb­ha­ber, wie Ker­ber ver­rät. Er wird Wil­li­ams ganz ge­nau ana­ly­sie­ren. Die­sen für sie un­an­ge­neh­men Schritt von ih­rem lang­jäh­ri­gen Coach Tor­ben Beltz hin zum Bel­gi­er hat Ker­ber ge­wählt, um für die ent­schei­den­den Mo­men­te wie­der be­reit zu sein.

Schon der Jah­res­auf­takt mit der knap­pen Nie­der­la­ge im Halb­fi­na­le der Aus­tra­li­an Open ver­lief er­folg­reich, jetzt will ei­ne wie­der­er­stark­te Ker­ber erst­mals Wim­ble­don­sie­ge­rin wer­den. „Sie spielt so gut. Ich glau­be, sie ist un­glaub­lich selbst­be­wusst. Ich muss be­reit sein für das Match mei­nes Le­bens“, sagt Wil­li­ams.

Wenn es um die sie­ben­ma­li­ge Wim­ble­don­sie­ge­rin geht, geht es fast im­mer um Re­kor­de. Dies­mal kann sie mit ih­rem 24. Ti­tel bei ei­nem Grand Slam den All­zeit-Re­kord der Aus­tra­lie­rin Mar­ga­ret Court ein­stel­len. Dies­mal aber wä­re ein Er­folg spe­zi­el­ler als sonst. Es wä­re ihr ers­ter Ti­tel als Mut­ter, bei ih­rem erst vier­ten Tur­nier nach der Rück­kehr. Als lie­be­vol­le Mut­ter er­zählt sie, wie sie ein schlech­tes Ge­wis­sen hat, wenn sie ih­re zehn Mo­na­te al­te Toch­ter zu lang al­lein lässt. Als lang­jäh­ri­ge Welt­rang­lis­ten-Ers­te hat sie ih­ren Ehr­geiz trotz al­lem nicht ein­ge­büßt. Im Halb­fi­na­le mach­te die US-Ame­ri­ka­ne­rin ge­gen Ju­lia Gör­ges ih­ren 20. Wim­ble­don-Sieg in Se­rie per­fekt, gab im Tur­nier­ver­lauf wie Ker­ber nur ei­nen Satz ab. „Wenn sie so spielt, dann ist sie ei­ne Klas­se für sich“, sagt Ritt­ner.

Fo­to: Wit­ters/Wal­lace

Selbst­be­wusst geht An­ge­li­que Ker­ber in das Fi­na­le von Wim­ble­don.

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