„Die Nach­fra­ge ist nicht das Pro­blem“

Nach­schub bei Grip­pe­impf­stoff stockt nicht nur in Lot­te und Os­na­brück

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - WESTFÄLISCHE TAGESPOST - Von An­ge­li­ka Hitz­ke

Die Impf­sai­son hat­te kaum be­gon­nen, da mel­de­te der Bran­chen­dienst Apo­the­ke Ad­hoc schon, dass die Vier­fach-Impf­stof­fe ge­gen Grip­pe so gut wie aus­ver­kauft sei­en.

LOT­TE/OS­NA­BRÜCK Wer sich noch für den be­vor­ste­hen­den Win­ter ge­gen In­flu­en­za wapp­nen wol­le, müs­se sich be­ei­len, weil die Hersteller die Impf­stoff­pro­duk­ti­on be­reits be­en­det hät­ten und auch kei­ne Wa­re mehr nach­kom­me. Ganz so dra­ma­tisch ist die Si­tua­ti­on zwar noch nicht. Da­für be­trifft das Grund­pro­blem auch an­de­re Arz­nei­mit­tel.

Auf­ge­schreckt von der Mel­dung, mach­te sich am Di­ens­tag auch die Au­to­rin auf den Weg in ih­re Haus­arzt­pra­xis an der Os­na­brü­cker Park­stra­ße, um sich schnell noch ei­ne Sprit­ze zur Grip­pe­pro­phy­la­xe ver­pas­sen zu las­sen. Zu spät: „Der Impf­stoff ist schon al­le. Wir ha­ben aber wel­chen nach­be­stellt“, er­fuhr sie. In die­sem Jahr, so be­rich­te­te die Sprech­stun­den­hil­fe auf Nach­fra­ge, hät­ten sich bis­her deut­lich mehr Pa­ti­en­ten ge­gen Grip­pe imp­fen las­sen als im glei­chen Zei­t­raum des Vor­jah­res. Man wer­de sie be­nach­rich­ti­gen, wenn wie­der Impf­stoff da sei. Sie hat­te Glück: Schon am nächs­ten Tag kam der An­ruf, und sie konn­te sich ei­ne Do­sis In­flu­vac Te­tra ver­ab­rei­chen las­sen.

Elf Vier­fach-Impf­stof­fe

Das ist ei­ner von elf mit Stam­man­pas­sung für die Sai­son 2018/19 zu­ge­las­se­nen Vier­fach-Impf­stof­fen, de­ren Lis­te von Aflu­ria bis Xa­naf­lu reicht. Wo wel­cher Impf­stoff noch er­hält­lich ist, ist von Pra­xis zu Pra­xis und von Apo­the­ke zu Apo­the­ke un­ter­schied­lich: „Wir ha­ben noch ge­nug Impf­stoff, ob­wohl deut­lich mehr Nach­fra­ge da ist als letz­tes Jahr“, sagt ei­ne Sprech­stun­den­hil­fe aus dem als im Vor­jahr wol­len sich der­zeit ge­gen Grip­pe imp­fen las­sen. Wahr­schein­lich hat die Grip­pe­wel­le des ver­gan­ge­nen Win­ters sie auf­ge­schreckt. Archivfoto: Ca­ro­li­ne Sei­del/dpa

Ärz­te­haus an der Mel­ler Stra­ße in Os­na­brück. Mög­li­cher­wei­se hat die Grip­pe­wel­le des ver­gan­ge­nen Win­ters vie­le da­zu be­wo­gen, sich die­ses Jahr imp­fen zu las­sen.

Deut­lich mehr Pa­ti­en­ten als im glei­chen Zei­t­raum 2017 je­den­falls ha­ben sich bis­her in der Pra­xis des Ge­orgs­ma­ri­en­hüt­ter All­ge­mein­me­di­zi­ners Dr. Chris­toph Sper­ves­la­ge schon imp­fen las­sen. So vie­le, dass ihm die­se Wo­che der Impf­stoff schon aus­ging: „Un­ser ist jetzt weg, aber wir krie­gen nächs­te Wo­che wie­der 30 bis 50 Do­sen“, sagt er.

Be­darf vor­ab ge­schätzt

„In der Tat kann es der­zeit schwie­rig sein, an Grip­pe­impf­stoff zu kom­men. Die In­dus­trie hat die Groß­händ­ler be­lie­fert und die wie­der­um ih­re Ab­neh­mer wie Apo­the­ken

oder Arzt­pra­xen. Und wenn die Vor­rä­te dort zur Nei­ge ge­hen, kann es schwer wer­den, Nach­schub zu be­kom­men. Hin­ter­grund ist wohl, dass die In­dus­trie den Be­darf vor­ab ab­schätzt und nor­ma­ler­wei­se nicht nach­pro­du­ziert“, er­läu­ter­te Spre­cher Burk­hard Rie­pen­hoff auf An­fra­ge an den Ge­sund­heits­dienst des Land­krei­ses Os­na­brück.

Nach­schub et­wa in der An­to­ni­us-Apo­the­ke im GMHüt­ter Stadt­teil Holzhausen gibt es nach Aus­kunft von Ul­ri­ke La­er­mann „im­mer nur stück­chen­wei­se“. Die phar­ma­zeu­tisch-kauf­män­ni­sche An­ge­stell­te be­rich­tet, dass nur noch we­ni­ge Do­sen vor­rä­tig sei­en. Ver­gan­ge­ne Wo­che sei zwar ei­ne Lie­fe­rung mit Impf­stof­fen ge­kom­men, „aber die wa­ren von den Ärz­ten vor­be­stellt“.

In der Bad-Apo­the­ke im Ku­r­ort Bad Ro­then­fel­de wird der Impf­stoff im­mer nur auf Kun­den­an­fra­ge beim Groß­händ­ler be­stellt; ob er aber auch ge­lie­fert wer­de, än­de­re sich von Tag zu Tag, er­klärt ei­ne Mit­ar­bei­te­rin: „Vor­rä­tig ha­ben wir nichts!“

Lie­fer­eng­päs­se

Dass es zwi­schen­durch im­mer mal wie­der Lie­fer­eng­päs­se gibt, be­stä­ti­gen auch Her­mann Lei­ber, In­ha­ber der Os­na­brü­cker Dom-Apo­the­ke, Mal­te Kunz von der Apo­the­ke am MHO (Ma­ri­en­hos­pi­tal Os­na­brück) und An­ke Marx von der West­fa­len-Apo­the­ke am Ber­li­ner Platz in Lot­te-Bü­ren.

In der Dom-Apo­the­ke ist der­zeit bei­spiels­wei­se der Impf­stoff In­flu­split ver­grif­fen, wäh­rend Va­xi­grip noch da ist. „Im Mo­ment be­kommt

man nichts nach. Wie lan­ge das an­hält, kann man nicht sa­gen“, be­rich­tet Lei­ber. Es kön­ne prin­zi­pi­ell schon noch nach­pro­du­ziert wer­den, so­fern die Hersteller das wol­len; die Fra­ge ist nur, wann. Das gel­te aber auch für an­de­re Arz­nei­mit­tel wie zum Bei­spiel Ibu­pro­fen, das ei­nes der meist ver­ord­ne­ten Me­di­ka­men­te, aber zur­zeit eben­falls nicht lie­fer­bar sei.

In der Apo­the­ke am MHO ist laut Kunz noch et­was an Impf­stoff da, aber „nicht viel“. Die Rest­be­stän­de wür­den ver­mut­lich die­se Wo­che noch auf­ge­braucht, Nach­schub sei an­ge­for­dert, die Be­schaf­fung aber schwie­rig: Für die Kas­sen­pa­ti­en­ten müss­ten die Arzt­pra­xen auf­grund der Ra­batt­ver­trä­ge zwi­schen Her­stel­lern und Kran­ken­kas­sen je­des Jahr vor­ab Groß­pa­ckun­gen be­stel­len und aus dem Sprech­stun­den­be­darf ver­ord­nen, er­klärt er. Pri­vat­pa­ti­en­ten könn­ten sich den Impf­stoff theo­re­tisch in der Apo­the­ke selbst be­sor­gen und vom Arzt sprit­zen las­sen. Nur: Zeh­ner­pa­ckun­gen, al­so klei­ne Men­gen Grip­pe­impf­stoff – und das gel­te für In­flu­vac, In­flu­split und Va­xi­grip glei­cher­ma­ßen –, sei­en im Mo­ment nicht lie­fer­bar. „Da sind nur noch ein­zel­ne Pa­ckun­gen vor­rä­tig.“

An­ke Marx be­klagt eben­falls „wie je­des Jahr“mas­si­ve Lie­fer­eng­päs­se. „Wir krie­gen auch schon An­fra­gen aus Os­na­brück“, sagt die Apo­the­ke­rin aus der nord­rhein-west­fä­li­schen Nach­bar­ge­mein­de. Und das be­tref­fe nicht nur die Grip­peImpf­stof­fe, son­dern vie­le Me­di­ka­men­te: „Wir kämp­fen nur noch dar­um, den Pa­ti­en­ten die Arz­nei­mit­tel be­sor­gen zu kön­nen“, be­rich­tet sie und be­tont: „Die Nach­fra­ge ist nicht das Pro­blem.“Ob­wohl die ver­schie­de­nen Prä­pa­ra­te von ver­schie­de­nen Fir­men an­ge­bo­ten wür­den, könn­ten zeit­wei­se „dann al­le nicht lie­fern“.

Preis­dum­ping

Die Ur­sa­che da­für sieht Marx „im Preis­dum­ping“: Seit gut zehn Jah­ren füh­re das Ra­batt­sys­tem da­zu, dass im­mer mehr Phar­ma­her­stel­ler Me­di­ka­men­te weit weg in Dritt­län­dern, et­wa in Asi­en, pro­du­zie­ren lie­ßen. Dar­un­ter lei­de oft nicht nur die ra­sche Nach­schub­lie­fe­rung, son­dern auf Dau­er auch die Qua­li­tät: „Ich ha­be noch nie so vie­le Rück­ru­fe we­gen Ve­r­un­rei­ni­gun­gen ge­habt wie in den letz­ten Mo­na­ten.“

Die Kran­ken­kas­sen leg­ten kei­ne Zah­len of­fen, so­dass Preis­ge­stal­tung und Ge­win­ne nicht mehr nach­voll­zieh­bar sei­en. „Das hat das gan­ze Sys­tem ins Wan­ken ge­bracht“, kri­ti­siert die Bü­re­ner Apo­the­ke­rin, dass dies letzt­lich auf Kos­ten der Pa­ti­en­ten ge­he.

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