Rus­si­scher Bot­schaf­ter wirft Ukrai­ne ei­ne Ins­ze­nie­rung vor

Net­scha­jew kri­ti­siert Be­richt­er­stat­tung über Zwi­schen­fall vor der Krim / „Gren­zern blieb nichts üb­rig, als Ge­walt an­zu­wen­den“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - POLITIK - Von Burk­hard Ewert

OS­NA­BRÜCK Der rus­si­sche Bot­schaf­ter in Deutsch­land, Ser­gej Net­scha­jew, wirft west­li­chen Me­di­en in der Be­richt­er­stat­tung über den Vor­fall in der Stra­ße von Kertsch man­geln­de Sorg­falt und Ir­re­füh­rung vor. Im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on sagt der Di­plo­mat, we­gen der Grenz­ver­let­zung ukrai­ni­scher Ma­ri­ne­schif­fe kön­ne kei­nes­wegs ei­ne recht­li­che Un­si­cher­heit gel­tend ge­macht wer­den.

Herr Net­scha­jew, Russ­land steht wie­der am Pran­ger, dies­mal weil es ukrai­ni­sche Schif­fe und See­leu­te vor der Krim fest­ge­setzt hat. Wie ist Ih­re Sicht?

Russ­land an den Pran­ger zu stel­len ist kaum rea­lis­tisch. Da in der west­li­chen Me­dien­land­schaft zahl­rei­che Spe­ku­la­tio­nen und Mut­ma­ßun­gen be­züg­lich des Zwi­schen­falls kur­sie­ren, möch­te ich den fak­ti­schen Sach­ver­halt dar­le­gen. Am 25. No­vem­ber sind drei Schif­fe der ukrai­ni­schen See­streit­kräf­te aus Odes­sa aus­ge­lau­fen und ha­ben Kurs auf die Stra­ße von Kertsch ge­nom­men. Auf ih­rem Weg sind sie in die Ge­wäs­ser der Rus­si­schen Fö­de­ra­ti­on ge­fah­ren, oh­ne die rus­si­sche Sei­te vor­her in Kennt­nis ge­setzt zu ha­ben. Der Vor­fall hat sich im Schwar­zen und nicht im Asow­schen Meer er­eig­net, und zwar an ei­nem Ort, der be­reits vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung Russ­lands mit der Krim im Jahr 2014 im Ho­heits­ge­wäs­ser un­se­res Lan­des lag, das als sol­ches von der Ukrai­ne so­wie der in­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft an­er­kannt wur­de.

Auch der deut­sche Au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas hat Ihr Vor­ge­hen als in­ak­zep­ta­bel be­zeich­net. War­um hat Russ­land mit Ge­walt re­agiert?

Die Grenz­schüt­zer ha­ben sich mit den ukrai­ni­schen Schif­fen mehr­mals in Ver­bin­dung ge­setzt. Die le­gi­ti­me For­de­rung, sich un­ter an­de­rem ei­nem dort gel­ten­den Lot­senzwang zu un­ter­zie­hen, wur­de igno­riert. Die ukrai­ni­schen Schif­fe ma­nö­vrier­ten ris­kant und ge­fähr­de­ten die Schiff­fahrt. Das ver­ant­wor­tungs­lo­se „Kat­zund-Maus-Spiel“dau­er­te meh­re­re St­un­den an. Un­ter die­sen Um­stän­den blieb den rus­si­schen Gren­zern nichts an­de­res üb­rig, als Ge­walt an­zu­wen­den. Dank ih­rer Pro­fes­sio­na­li­tät konn­ten mensch­li­che Op­fer ver­mie­den wer­den. Die Schif­fe, die die rus­si­sche Staats­gren­ze ver­letzt ha­ben, wur­den fest­ge­setzt.

Müs­sen des­halb auch die See­leu­te fest­ge­hal­ten wer­den? Spe­ku­lie­ren Sie auf ei­nen Aus­tausch?

Es wur­de ein Straf­ver­fah­ren we­gen ei­nes il­le­ga­len Grenz­über­tritts ein­ge­lei­tet. Ich möch­te aus­drück­lich her­vor­he­ben, dass sich Kiew über die Durch­fahrts­re­geln in der Stra­ße von Kertsch voll­kom­men im Kla­ren war und sich bis­her dar­an auch ge­hal­ten hat. Noch vor Kur­zem, im Sep­tem­ber, sind Schif­fe der ukrai­ni­schen Ma­ri­ne mit­hil­fe Ser­gej Net­scha­jew

rus­si­scher Lot­sen un­ge­hin­dert durch die Meer­enge ge­langt. Was die Si­cher­heits­maß­nah­men selbst an­geht, so sind sie ob­jek­tiv nö­tig, weil aus der Ukrai­ne stets Dro­hun­gen kom­men, die Krim-Brü­cke zu spren­gen.

Und war­um nun die Haft?

Bei den Er­mitt­lun­gen ist zu­ta­ge ge­tre­ten, dass die Ope­ra­ti­on nicht von den Schiffs­ka­pi­tä­nen, son­dern von Mit­ar­bei­tern des ukrai­ni­schen Ge­heim­diens­tes SBU ge­lei­tet wur­de, die sich auf den Schif­fen auf­hiel­ten. Aus den auf den Schif­fen auf­ge­fun­de­nen Pa­pie­ren er­gibt sich ganz ein­deu­tig, dass sie im Rah­men ei­ner Son­der­ope­ra­ti­on han­del­ten. Sie soll­ten die Durch­fahrt oh­ne An­mel­dung aus­füh­ren und jeg­li­chem Kon­takt mit den rus­si­schen Be­hör­den und Streit­kräf­ten aus­wei­chen. Da­her liegt die Schluss­fol­ge­rung na­he: Wir ha­ben es mit ei­ner sorg­fäl­tig vor­be­rei­te­ten Pro­vo­ka­ti­on zu tun.

Wel­chen Zweck soll­te die ha­ben?

Das ha­ben wir uns zu­nächst auch ge­fragt. Die Ant­wort ließ auf sich nicht lan­ge war­ten. Kiew hat un­ver­züg­lich das Kriegs­recht aus­ge­ru­fen. Im Vor­feld der Prä­si­dent­schafts­wahl wer­den die Span­nun­gen künst­lich an­ge­heizt. Das soll dem am­tie­ren­den Prä­si­den­ten in die Hän­de spie­len, sei­nen po­li­ti­schen Kon­kur­ren­ten die Teil­nah­me am Wahl­kampf er­heb­lich er­schwe­ren oder so­gar ei­ne Ab­sa­ge von Wah­len er­mög­li­chen.

Der Wes­ten neigt in die­ser Fra­ge der ukrai­ni­schen Sicht zu...

Der ukrai­ni­schen Re­gie­rung ge­lingt es mit Pro­vo­ka­tio­nen wie die­ser im­mer wie­der, die Auf­merk­sam­keit des Wes­tens auf sich zu zie­hen und um ei­ne wei­te­re Fi­nanz- und Mi­li­tär­hil­fe zu bit­ten. Das­sel­be ge­schieht auch jetzt. Wir se­hen au­ßer­dem, dass die ukrai­ni­sche Füh­rung kurz vor be­deut­sa­men in­ter­na­tio­na­len Fo­ren stets Grün­de er­fin­det, um ei­ne neue Run­de der Hys­te­rie we­gen der „rus­si­schen Ag­gres­si­on“aus­zu­lö­sen. Dies­mal war es vor dem G-20-Gip­fel. Die Be­für­wor­ter Kiews auch un­ter un­se­ren eu­ro­päi­schen Part­nern ma­chen den Rum­mel im­mer ger­ne mit. War­um und wel­che Rol­le ih­nen da­bei zu­steht, dar­über kön­nen wir nur spe­ku­lie­ren.

Und Russ­land, ver­ste­he ich rich­tig, hal­ten Sie für völ­lig schuld­los an der La­ge?

Der rus­si­sche Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin hat zu die­ser Si­tua­ti­on umfassende Kom­men­ta­re ge­ge­ben. Russ­land ver­tei­digt sei­ne In­ter­es­sen. Ei­ne wei­te­re Es­ka­la­ti­ons­spi­ra­le braucht Russ­land si­cher­lich nicht.

Fo­to: dpa

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