Mer­kel glaubt an Gro­ße Ko­ali­ti­on

SPD for­dert wei­ter Rück­tritt des Ver­fas­sungs­schutz­chefs / Neue Zwei­fel an Maa­ßen

Neue Osnabrucker Zeitung - Stadt Osnabruck - - VORDERSEITE - Von Bea­te Ten­fel­de und Ma­ri­on Trim­born

Platzt die Gro­ße Ko­ali­ti­on we­gen ei­nes Kon­flikts um den Chef des Ver­fas­sungs­schut­zes? Die Kanz­le­rin be­ru­higt. Aber es gibt neue Fra­gen.

BERLIN/VIL­NI­US Wie lan­ge wird die Gro­ße Ko­ali­ti­on noch hal­ten? Da­zu hat sich nun die Bun­des­kanz­le­rin zu Wort ge­mel­det. An­ge­la Mer­kel (CDU) zeig­te sich fest da­von über­zeugt, dass das Re­gie­rungs­bünd­nis nicht am Kon­flikt um Ver­fas­sungs­schutz­prä­si­dent Hans-Ge­org Maa­ßen zer­bre­chen wird.

„So wich­tig die Po­si­ti­on des Prä­si­den­ten des Bun­des­ver­fas­sungs­schut­zes auch ist, so klar ist auch, dass die Ko­ali­ti­on an der Fra­ge des Prä­si­den­ten ei­ner nach­ge­ord­ne­ten Be­hör­de nicht zer­bre­chen wird“, sag­te Mer­kel ges­tern nach ei­nem Tref­fen mit ih­ren drei bal­ti­schen Amts­kol­le­gen in Vil­ni­us. Die SPD, die Maa­ßens Eig­nung im Kampf ge­gen Rechts­ex­tre­mis­mus an­zwei­felt, pocht auf sei­ne Ab­lö­sung – an­dern­falls könn­te die Ko­ali­ti­on auf dem Spiel ste­hen.

Auch Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley von der SPD glaubt an den Be­stand der Groko. Bar­ley sag­te in ei­nem

In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on: „Die SPD nimmt ih­re Ver­ant­wor­tung in die­ser Re­gie­rung sehr ernst. Das er­war­te ich auch von den an­de­ren be­tei­lig­ten Par­tei­en.“Deutsch­land sei in ei­ner schwie­ri­gen in­nen­po­li­ti­schen Si­tua­ti­on. „Um­so wich­ti­ger ist ei­ne ge­schlos­se­ne und star­ke Re­gie­rung. In den letz­ten Wo­chen ha­ben CDU und CSU viel En­er­gie in in­ner­par­tei­li­che

Kon­flik­te ge­steckt.“

Die Par­tei­chefs set­zen ih­re Ge­sprä­che am Di­ens­tag fort. Ei­ne Ei­ni­gung ist schwie­rig, da Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) als Di­enst­herr Maa­ßens die­sem trotz des­sen um­strit­te­ner Aus­sa­gen zu aus­län­der­feind­li­chen Vor­fäl­len in Chem­nitz wie­der­holt das Ver­trau­en aus­ge­spro­chen hat.

Jus­tiz­mi­nis­te­rin Bar­ley er­war­tet kon­se­quen­tes Vor­ge­hen ge­gen je­ne, die bei den rechts­ra­di­ka­len Aus­schrei­tun­gen in Chem­nitz den Hit­ler­gruß ge­zeigt ha­ben. Nach den jüngs­ten De­bat­ten hat die Uni­on ei­ner neu­en Um­fra­ge zu­fol­ge an Zu­stim­mung ver­lo­ren und liegt nur noch bei 30 Pro­zent.

SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tär Lars Kling­beil warf Mer­kel Füh­rungs­schwä­che vor. „Es hat Bun­des­kanz­ler vor Frau Mer­kel ge­ge­ben, die es sich nicht hät­ten ge­fal­len las­sen, von ei­nem Be­hör­den­chef in die­ser Art vor­ge­führt zu wer­den“, sag­te er der „Saar­brü­cker Zei­tung“. Maa­ßen hat­te Mer­kel und ih­rem Spre­cher wi­der­spro­chen, wo­nach es nach der Tö­tung ei­nes Deut­schen in Chem­nitz Hetz­jag­den auf Aus­län­der ge­ge­ben ha­be.

Ex-SPD-Chef Sig­mar Ga­b­ri­el for­der­te Bun­des­in­nen­mi­nis­ter See­ho­fer auf, sich rasch von Maa­ßen zu tren­nen. „Tut er das nicht, steht mehr auf dem Spiel als sein ei­ge­ner Mi­nis­ter­pos­ten“, sag­te Ga­b­ri­el dem „Spie­gel“. „Dann geht es um die Re­gie­rung als Gan­zes.“

Zu­dem gibt es neue Vor­wür­fe ge­gen Maa­ßen nach der An­hö­rung ei­ner Ver­fas­sungs­schüt­ze­rin im Bun­des­tags­un­ter­su­chungs­aus­schuss. Lin­ke und Grü­ne sind über­zeugt, dass Maa­ßen nach dem An­schlag des Is­la­mis­ten Anis Am­ri auf den Ber­li­ner Weih­nachts­markt 2016 die Öf­fent­lich­keit über die Rol­le des Ver­fas­sungs­schut­zes täusch­te.

Kommt es zum Bruch der Gro­ßen Ko­ali­ti­on we­gen des Streit­falls Maa­ßen? Kön­nen die Bür­ger noch Ver­trau­en in den Rechts­staat ha­ben? Bleibt es oh­ne Fol­gen, wenn Rechts­ra­di­ka­le den Hit­ler­gruß zei­gen? Da­zu im In­ter­view Jus­tiz­mi­nis­te­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley (SPD). Frau Bar­ley, was ist los in Chem­nitz, Kö­then und an­ders­wo? Ist das die Wie­der­an­nä­he­rung Deutsch­lands an sei­ne braune Ver­gan­gen­heit?

Es macht mir gro­ße Sor­gen, was da pas­siert. Der de­mo­kra­ti­sche Grund­kon­sens und die ge­mein­sa­men Wer­te, auf de­nen un­se­re Ge­sell­schaft ba­siert, sind of­fen­bar nicht so ge­fes­tigt, wie wir glaub­ten. Ich war­ne aber da­vor, be­stimm­te Städ­te oder Re­gio­nen zu stig­ma­ti­sie­ren.

AfD und Neo­na­zis Sei­te an Sei­te ge­gen Aus­län­der und da­zwi­schen die so­ge­nann­ten be­sorg­ten Bür­ger: ein Wen­de­punkt?

Dass die AfD mit Na­zis und Rechts­ex­tre­men zu­sam­men mar­schiert, das ist ein kla­res State­ment. Die AfD lässt die Mas­ken fal­len. Wer da mit­läuft, si­gna­li­siert Ge­mein­sam­kei­ten. Wer nicht als Ku­lis­se für ei­nen rechts­ra­di­ka­len Mob die­nen will, darf bei sol­chen De­mons­tra­tio­nen nicht ein­fach mit­lau­fen.

Rechts­ra­di­ka­le konn­ten in Chem­nitz un­be­scha­det den Hit­ler­gruß zei­gen, vor den Au­gen der Po­li­zei …

Das heißt nicht, dass die Tä­ter straf­los aus­ge­hen. An­hand von Vi­de­os wer­den et­wa Ge­walt­tä­ter am Ran­de des G-20-Gip­fels 2017 in Ham­burg noch heu­te zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen. Auch in Chem­nitz wer­den Straf­ver­fah­ren fol­gen. Dort wa­ren vie­le De­mons­tran­ten und we­ni­ge Po­li­zis­ten, die ha­ben nicht im­mer so­fort ein­grei­fen kön­nen.

Hat Ver­fas­sungs­schutz­Prä­si­dent Hans-Ge­org Maa­ßen hin­rei­chend für Klä­rung der Vor­wür­fe ge­sorgt, die Vor­gän­ge in Chem­nitz zu ver­harm­lo­sen und un­ter dem Schutz des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters po­li­tisch zu agie­ren? Die SPD for­dert sei­ne Ab­lö­sung …

Die In­for­ma­ti­ons­po­li­tik von Herrn Maa­ßen in der Ver­gan­gen­heit wirft Fra­gen auf. Er muss auch die Rol­le des Ver­fas­sungs­schut­zes im Fall des Ber­li­ner Ter­ro­ris­ten Anis Am­ri auf­klä­ren. Als Jus­tiz­mi­nis­te­rin er­war­te ich ins­be­son­de­re Ant­wor­ten, in­wie­weit sei­ne Be­hör­de im Um­feld des Breit­scheid­platz-At­ten­tä­ters ak­tiv war.

Die Jung­so­zia­lis­ten for­dern den Aus­stieg aus der Groko für den Fall, dass Maa­ßen im Amt bleibt. Kann sich die SPD dem Druck der Ba­sis ent­zie­hen?

Die SPD nimmt ih­re Ver­ant­wor­tung in die­ser Re­gie­rung sehr ernst. Das er­war­te ich auch von den an­de­ren be­tei­lig­ten Par­tei­en. Wir sind in ei­ner schwie­ri­gen in­nen­po­li­ti­schen Si­tua­ti­on. Um­so wich­ti­ger ist ei­ne ge­schlos­se­ne und star­ke Re­gie­rung. In den letz­ten Wo­chen ha­ben CDU und CSU viel En­er­gie in in­ner­par­tei­li­che Kon­flik­te ge­steckt. Ich wür­de mir wün­schen, dass Frau Mer­kel und Herr See­ho­fer hier für die Zu­kunft wie­der ei­nen ge­mein­sa­men Weg fin­den.

Es gibt we­gen Ver­schlep­pung von Asyl­an­trä­gen Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gun­gen für Straf­tä­ter, an­de­rer­seits wer­den Flücht­lin­ge, die sich als Aus­zu­bil­den­de in­te­grie­ren, ab­ge­scho­ben. Lei­det so das Ver­trau­en in den Staat?

Ja – nie­mand ver­steht es, wenn die Fal­schen ab­ge­scho­ben wer­den. Es drängt sich manch­mal der Ein­druck auf, dass man­che Be­hör­den sich die raus­su­chen, die sie am ein­fachs­ten grei­fen kön­nen. Das ist an Werk­bän­ken und in In­te­gra­ti­ons­klas­sen der Fall, wäh­rend an­de­re Flücht­lin­ge oh­ne Blei­be­recht sich durch Un­ter­tau­chen der Ab­schie­bung ent­zie­hen. Ich kann ver­ste­hen, dass Un­ter­neh­men pro­tes­tie­ren, wenn in­te­gra­ti­ons­wil­li­ge Lehr­lin­ge aus dem Be­trieb ge­holt wer­den. Und an­de­rer­seits das Un­ver­ständ­nis, wenn Ge­fähr­der nicht ab­ge­scho­ben wer­den kön­nen.

Muss mehr Geld auch in den Jus­tiz­ap­pa­rat in­ves­tiert wer­den, weil er völ­lig über­las­tet ist?

Im Ko­ali­ti­ons­ver­trag ha­ben wir uns ver­stän­digt, den Rechts­staat noch wei­ter zu stär­ken. Be­stand­teil ei­nes Pakts für den Rechts­staat zwi­schen Bund und Län­dern sind et­wa 2000 neue Stel­len für Rich­ter und zu­sätz­li­ches Per­so­nal an den Ge­rich­ten. Wir müs­sen aber auch neue We­ge ge­hen. In den Nie­der­lan­den gibt es ein gu­tes Mo­dell, um Über­las­tung zu ver­mei­den. Weil Asyl­be­wer­ber von An­fang an über ih­re Aus­sich­ten auf­ge­klärt wer­den, gibt es deut­lich nied­ri­ge­re Kla­ge­zah­len.

The­men­wech­sel: Die ver­schärf­te Miet­preis­brem­se, die Sie gera­de im Ka­bi­nett vor­ge­legt ha­ben, ist um­strit­ten. Kommt sie zu spät?

Nein, aber wir So­zi­al­de­mo­kra­ten hät­ten ger­ne in der letz­ten Le­gis­la­tur­pe­ri­ode schon mehr ge­macht. Da hat sich die Uni­on aber lei­der ge­sperrt. Mit mei­nem Mie­ter­schutz­ge­setz ge­ben wir den Mie­tern jetzt mehr Macht. Der Ver­mie­ter muss künf­tig Aus­kunft dar­über ge­ben, war­um die Mie­te mehr als zehn Pro­zent über der orts­üb­li­chen Mie­te liegt. Tut er das nicht, kann der Mie­ter die Mie­te re­du­zie­ren, wenn der Ver­mie­ter ge­gen die Miet­preis­brem­se ver­stößt. Nach ei­ner Mo­der­ni­sie­rung darf der Ver­mie­ter zu­dem deut­lich we­ni­ger Kos­ten auf die Mie­te um­le­gen. Und drit­tens ge­hen wir da­ge­gen vor, dass Ver­mie­ter mit Schi­ka­nen alt­ein­ge­ses­se­ne Mie­ter aus Woh­nun­gen raus­drän­gen, um die dann teu­er wei­ter­zu­ver­mie­ten oder in Ei­gen­tums­woh­nun­gen um­zu­wan­deln.

Wel­che Chan­cen hat der SPD-Plan, an Or­ten mit an­ge­spann­tem Woh­nungs­markt, wie zum Bei­spiel in Mün­chen, die Mie­ten für fünf Jah­re ein­zu­frie­ren?

Es geht ja nicht dar­um, die Mie­te kom­plett ein­zu­frie­ren, son­dern sie wür­de an den An­stieg der In­fla­ti­ons­ra­te ge­bun­den blei­ben. Ein sol­cher Schritt wä­re ei­ne gu­te Sa­che, um in die Dy­na­mik der ex­plo­die­ren­den Mie­ten mal ei­ne Pau­se rein­zu­brin­gen. Die Mie­ten zum Sin­ken zu brin­gen schaf­fen wir lang­fris­tig nur da­durch, dass mehr be­zahl­ba­re Woh­nun­gen ge­baut wer­den. Da­für un­ter­neh­men wir ja be­reits enor­me An­stren­gun­gen. Aber Bau­en braucht nun mal Zeit.

Ist ein Miet­preis­stopp recht­lich mög­lich? Im­mer­hin geht es um ei­nen Ein­griff ins Ei­gen­tums­recht …

In Ar­ti­kel 14 des Grund­ge­set­zes steht, dass Ei­gen­tum ver­pflich­tet. Gera­de Wohn­raum un­ter­liegt ja be­reits heu­te häu­fig ei­ner So­zi­al­bin­dung. Hier kann man gera­de auf Ebe­ne der Län­der und Kom­mu­nen viel tun.

Sind stei­gen­de Mie­ten die neue so­zia­le Fra­ge?

Ja, stei­gen­de Mie­ten sind die neue so­zia­le Fra­ge. Denn die­ses Pro­blem be­trifft fast je­den in un­se­rer Ge­sell­schaft – die Fa­mi­lie, den Po­li­zis­ten oder die Kran­ken­schwes­ter, die sich plötz­lich in der Stadt kei­ne Woh­nung mehr leis­ten kön­nen. Kom­mu­nen und Län­der ha­ben in den letz­ten Jah­ren zu mei­nem gro­ßen Leid­we­sen vie­le ih­rer Woh­nun­gen ver­kauft. Das war falsch. Die feh­len jetzt als be­zahl­ba­rer Wohn­raum.

Fo­to: ima­go/pho­to­thek

Drängt auf Straf­ver­fol­gung für je­ne, die bei den Aus­schrei­tun­gen in Chem­nitz den Hit­ler­gruß ge­zeigt ha­ben: Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley (SPD).

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