Dia­lek­te in Deutsch­land in Ge­fahr?

For­scher ge­ben be­droh­ten Idio­men und Dia­lek­ten kei­ne Über­le­bens­chan­ce

Neue Osnabrucker Zeitung - Stadt Osnabruck - - VORDERSEITE - Von Chris­ti­ne Adam

OS­NA­BRÜCK For­scher se­hen schwarz für den Fort­be­stand von be­droh­ten Spra­chen oder Dia­lek­ten. Bis zum En­de des Jahr­hun­derts sei­en sie so­gar welt­weit aus­ge­stor­ben, sagt der Frank­fur­ter Sprach­wis­sen­schaft­ler Jost Gip­pert. Sein Köl­ner Kol­le­ge Ni­ko­laus P. Him­mel­mann ist da noch il­lu­si­ons­lo­ser und hält die­sen Pro­zess in Eu­ro­pa schon jetzt für halb­wegs ab­ge­schlos­sen, weil vie­le Mun­d­ar­ten kaum mehr ge­spro­chen wür­den. En­ga­gier­te Wie­der­be­le­bungs­ver­su­che wie beim Sa­ter­frie­si­schen, Sor­bi­schen oder Frie­si­schen hal­ten die For­scher für ver­geb­lich, so­lan­ge Fa­mi­li­en kei­ne Dia­lek­te mehr spre­chen. Steu­ern wir nun auf ei­nen sprach­li­chen Ein­heits­brei zu?

Be­we­gen wir uns sprach­lich und kul­tu­rell auf ei­ne Hor­ror­vi­si­on zu, auf ei­nen sprach­li­chen Ein­heits­brei oh­ne re­gio­na­le Un­ter­schie­de? Sprach­for­scher ge­ben be­droh­ten Spra­chen und Dia­lek­ten kei­ne Über­le­bens­chan­ce.

OS­NA­BRÜCK Bis zum En­de des 21. Jahr­hun­derts wer­den Spra­chen und re­gio­na­le Dia­lek­te, die jetzt schon be­droht sind, aus­ge­stor­ben sein – dar­über schei­nen sich Sprach­for­scher weit­ge­hend ei­nig zu sein. Sprach­wis­sen­schaft­ler Prof. Dr. Ni­ko­laus P. Him­mel­mann von der Uni­ver­si­tät Köln sieht die­sen Pro­zess noch il­lu­si­ons­lo­ser: „Das Ver­schwin­den von Dia­lek­ten in Eu­ro­pa ist jetzt schon halb­wegs ab­ge­schlos­sen, denn sie wer­den kaum mehr ge­spro­chen. Und die­ses Ver­schwin­den voll­zieht sich re­la­tiv schnell“, sagt er im Ge­spräch.

Grün­de da­für gibt es ge­nug: Land­flucht, zu­neh­men­de glo­ba­le Ver­net­zung, in frü­he­ren Jah­ren Dia­lekt­feind­lich­keit be­son­ders in Bil­dungs­ein­rich­tun­gen von Schu­le bis Uni und An­pas­sungs­druck, den über­ge­ord­ne­te, pres­ti­ge­rei­che­re Spra­chen aus­üben. Un­wi­der­ruf­lich ver­lo­ren geht da­bei, was in ei­ner Re­gi­on als geo­gra­fi­sche, kul­tu­rel­le oder sons­ti­ge Be­son­der­heit wahr­ge­nom­men und be­zeich­net wird.

Him­mel­mann, der für sein In­sti­tut für Sprach­wis­sen­schaft und Lin­gu­is­tik gera­de in In­do­ne­si­en forscht, be­ob­ach­tet den­sel­ben Pro­zess welt­weit: „Ent­war­nung gibt es nicht. Sprach­li­che Di­ver­si­tä­ten ver­schwin­den.“

Re­gio­lek­te wach­sen

An­stel­le der Dia­lek­te wür­den groß­räu­mi­ge­re Re­gio­lek­te stär­ker aus­ge­baut, pro­gnos­ti­ziert er und meint da­mit in Deutsch­land et­wa die rhei­ni­sche Um­gangs­spra­che, das Bai­ri­sche oder das Schwä­bi­sche. Aber auch den Re­gio­lek­ten wird kei­ne Dau­er be­schie­den sein. „Spricht ein äl­te­rer Fuß­bal­ler wie Franz Be­cken­bau­er noch deut­lich er­kenn­ba­res Bai­risch, so ist im Hoch­deut­schen ei­nes jün­ge­ren Spie­lers wie Thomas Müller nur noch mit Mü­he die bai­ri­sche Sprach­her­kunft zu hö­ren“, nennt Jost Gip­pert, Pro­fes­sor für Ver­glei­chen­de Sprach­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Frankfurt, ein Bei­spiel.

Ein zen­tra­les Ele­ment aus dem Ur­sa­chen­bün­del be­to­nen die Sprach­for­scher: Wenn in der Fa­mi­lie ei­ne Spra­che oder ein Dia­lekt nicht mehr ge­spro­chen wird, dann gibt es kei­ne Über­le­bens­chan­ce, al­len schu­li­schen oder in­sti­tu­tio­nel­len Be­le­bungs­ver­su­chen zum Trotz. Ihr Er­fah­rungs­wert lau­tet: Was der Groß­va­ter noch ak­tiv ge­spro­chen hat, der Sohn aber nur noch ver­steht, das ist in der En­kel­ge­ne­ra­ti­on ver­lo­ren.

Ge­nau dem ver­su­chen Or­te im Land­kreis Clop­pen­burg, in de­nen als ein­zi­gen in Deutsch­land noch Sa­ter­frie­sisch, ein Dia­lekt des Ost­frie­si­schen, ge­spro­chen wird, hoch­en­ga­giert ent­ge­gen­zu­wir­ken. Kin­dern wird seit Jah­ren in Ki­tas und Schu­len Sa­ter­frie­sisch bei­ge­bracht. Orts­schil­der in Schar­rel oder Rams­loh et­wa (auf Sa­ter­frie­sisch: Skäd­del und Roomelse) sind zwei­spra­chig be­schrif­tet.

Ist das ein mög­li­ches Mo­dell, Spra­chen oder Dia­lek­te zu ret­ten? Jost Gip­pert winkt ab: „So­lan­ge nicht der ge­sam­te Un­ter­richt in der be­droh­ten Spra­che ab­ge­hal­ten wird, lässt sich die Spra­che nicht am Le­ben hal­ten.“

Frie­sisch in Ge­fahr

Ja­rich Ho­ek­s­tra, Pro­fes­sor für Fri­sis­tik an der Chris­ti­an-Al­brechts-Uni­ver­si­tät in Kiel, schätzt, dass noch 1000 bis 2000 Men­schen Sa­ter­frie­sisch spre­chen. An­sons­ten ha­be das Ost­frie­si­sche, frü­her ein­mal ei­ne Spra­che und längst vom ost­frie­si­schen Platt, ei­nem nie­der­säch­si­schen Dia­lekt, er­setzt, nur noch in den Nie­der­lan­den ei­ne gro­ße Spre­cher­ge­mein­schaft von 300000–400000 Men­schen. Das Nord­frie­si­sche an der schles­wig-hol­stei­ni­schen West­küs­te le­be von nur noch 8000 Spre­chern und sei ge­fähr­det.

Ei­ni­ger­ma­ßen sta­bil, aber lang­fris­tig auch in Ge­fahr sei das West­frie­si­sche, ob­wohl es mit 400 000 Spre­chern deut­lich mehr Spre­cher be­sit­ze als das nicht vom Auss­ter­ben be­droh­te Is­län­di­sche. Als Grund für den Rück­gang des West­frie­si­schen nennt Ho­ek­s­tra den star­ken Kon­kur­renz­druck der Lan­des­spra­che Nie­der­län­disch mit ih­rem hö­he­ren ge­sell­schaft­li­chen Pres­ti­ge.

Jost Gip­pert sieht im deut­schen Sprach­raum das Nie­der­sor­bi­sche (um Cott­bus her­um) als stark be­droht, wäh­rend das Ober­sor­bi­sche (in der Ober­lau­sitz) noch bes­ser prä­sent, aber auch oh­ne Zu­kunfts­per­spek­ti­ve sei. Das Ruhr­ge­biets­platt, mit dem er selbst noch auf­ge­wach­sen ist, sei kom­plett weg. Und beim Meck­len­bur­ger Platt be­ob­ach­tet er mit Sor­ge, dass bei Kon­ver­sa­tio­nen kei­ne zwei Sät­ze mehr auf Platt aus­ge­tauscht wür­den. „Die heu­te 80- bis 90-Jäh­ri­gen neh­men vie­le Spra­chen mit in ihr Gr­ab“, bi­lan­ziert er die all­ge­mei­ne La­ge. In Eu­ro­pa sieht er das Bre­to­ni­sche oder das Rä­to­ro­ma­ni­sche in der Schweiz in Ge­fahr. Er weist aber auch auf die vie­len Spra­chen hin, die Mi­gran­ten mit nach Deutsch­land brin­gen. „Wie stel­len wir uns künf­tig da­zu, wenn ih­re Dia­lek­te be­droht sind?“, fragt er.

Ei­ne Hor­ror­vi­si­on?

Be­we­gen wir uns sprach­lich ins­ge­samt auf ei­ne Hor­ror­vi­si­on zu, auf ei­nen Ein­heits­brei oh­ne re­gio­na­le Un­ter­schie­de? „Eng­lisch rund um die Welt?“, setzt Jost Gip­pert la­chend nach. „Nein, ganz so ein­heit­lich wird der Brei bis zum Jahr­hun­dert­ende wohl nicht sein“, meint er. Zu­dem sich Un­vor­her­seh­ba­res ent­wi­ckeln und ei­ne neue Spra­chen­viel­falt ent­ste­hen könn­te.

Mehr zu Sprachthe­men fin­den Sie un­ter noz.de/kul­tur

Fo­to: ima­go/epd

Spra­chen und Bräu­che ste­hen für kul­tu­rel­le Viel­falt: Die wun­der­bar ei­gen­wil­li­ge Tra­di­ti­on des Os­ter­rei­tens wä­re in Ge­fahr, mit dem Sor­bi­schen in Ver­ges­sen­heit zu ge­ra­ten.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.