Von Alb­träu­men und Geld­sor­gen

Wes­ter­kap­pel­ner Brand­stif­ter-Pro­zess: Ge­schä­dig­te sa­gen aus

Neue Osnabrucker Zeitung - Stadt Osnabruck - - REGION - Von Ma­xi­mi­li­an von den Ben­ken

WES­TER­KAP­PELN/MÜNS­TER Was wa­ren die Fol­gen der Tat? Wie war das Ver­hält­nis der bei­den jun­gen Ira­ker zum In­ha­ber des Ori­ent­la­dens und sei­nem Bru­der? Am Don­ners­tag ka­men im Pro­zess um die Brand­stif­tung in Wes­ter­kap­peln Ne­ben­klä­ger, Nach­barn und Ge­schä­dig­te zu Wort.

Au­ßer­dem be­frag­te das Schwur­ge­richt an die­sem lan­gen ach­ten Ver­hand­lungs­tag ei­ne Po­li­zei­haupt­kom­mis­sa­rin zur Ver­neh­mung ei­nes der mut­maß­li­chen Haupt­tä­ter.

Ein 40-jäh­ri­ger, der mit sei­ner Fa­mi­lie über dem an­ge­zün­de­ten La­den­lo­kal wohnt, be­rich­te­te: „Ich bin durch Ge­räu­sche wach ge­wor­den und ha­be dann ei­nen lau­ten Knall ge­hört.“Mit sei­ner Frau und den drei Kin­dern sei er aus der Woh­nung ge­flüch­tet. Das Er­leb­nis ha­be al­le mit­ge­nom­men: „Da­nach stan­den wir al­le un­ter Schock, hat­ten Angst und we­nig Schlaf.“Ins­be­son­de­re sei­ne fünf­jäh­ri­ge Toch­ter lei­de bis heu­te dar­un­ter und traue sich nicht, al­lei­ne zu schla­fen: „Sie hat Alb­träu­me, weint, sprach viel im Kin­der­gar­ten dar­über, führt Selbst­ge­sprä­che und wur­de ag­gres­siv.“Das Mäd­chen be­kom­me nun ei­ne the­ra­peu­ti­sche Be­hand­lung.

Bis zum 15. Au­gust durf­te die Fa­mi­lie nicht in ih­re Woh­nung. „Im Ba­de­zim­mer war das Fens­ter of­fen, da wa­ren die Wän­de rich­tig schwarz.“Die Fens­ter und Ta­pe­ten muss­ten kom­plett er­neu­ert und ge­stri­chen wer­den. Zu­dem muss­ten sie ver­ruß­te Schrän­ke, Gar­di­nen und Spiel­zeug der Kin­der ent­sor­gen. We­gen des Lösch­was­sers gab es auch Schä­den im Kel­ler­raum. Auf et­wa 8000 Eu­ro be­zif­fer­te er den Scha­den ins­ge­samt. Die bei­den an­ge­klag­ten Brü­der kann­te er durch Ein­käu­fe in dem La­den, wie er er­zähl­te: „In mei­nen Au­gen wa­ren das lie­be Men­schen, die ha­ben al­len ge­hol­fen – bis zu die­sem Vor­fall.“

Ei­ne 32-jäh­ri­ge Nach­ba­rin be­fand sich in der Tat­nacht mit ih­rem gera­de fünf Ta­ge jun­gen Ba­by in ih­rer Woh­nung. Auch sie stand län­ger un­ter Schock: „Ich ha­be zwei Wo­chen nachts ge­weint und konn­te nicht schla­fen.“Die jun­ge Fa­mi­lie ist da­her in ei­ne an­de­re Woh­nung um­ge­zo­gen.

Ein an­de­rer An­woh­ner be­rich­te­te von der Nacht: „Ich war am Hus­ten, als ob ein La­ger­feu­er in der Woh­nung war.“Den Ruß von sei­nen Mö­beln ent­fern­te er selbst, sei­ne Woh­nung konn­te ge­rei­nigt wer­den – drei Wo­chen muss­te er wo­an­ders woh­nen.

So­fern das Ge­richt die­se Fol­gen als hin­rei­chend kon­kre­te Ge­sund­heits­ge­fah­ren wer­tet, droht den An­ge­klag­ten das hö­he­re Straf­maß ei­ner schwe­ren Brand­stif­tung.

Die Be­woh­ner des Hau­ses hat­ten nach An­ga­ben ih­rer An­wäl­te kei­ne Haus­rat­ver­si­che­rung. Aus den Rei­hen der Ne­ben­klä­ger-Ver­tre­ter gab es im Pro­zess­ver­lauf des­halb die An­re­gung, vi­el­leicht ei­nen Hilfs­fonds für die Ge­schä­dig­ten ins Le­ben zu ru­fen.

Als wei­te­re Zeu­gin sag­te am Don­ners­tag die In­ha­be­rin des be­nach­bar­ten Schmuck­ge­schäf­tes aus. Durch die zer­bors­te­nen Schei­ben war „der gan­ze La­den vol­ler Glas­split­ter“. Sie be­rich­te­te von ins­ge­samt „et­wa 100000 Eu­ro Scha­den“. Zu­dem sei­en meh­re­re Swa­rov­ski-St­ei­ne, fünf Ket­ten und ein Glas­bren­ner ge­stoh­len wor­den. Das dies­be­züg­li­che Er­mitt­lungs­ver­fah­ren hat die Po­li­zei vor Kur­zem man­gels Tat­ver­dacht ein­ge­stellt. Ein Ver­tei­di­ger zwei­fel­te die an­ge­ge­be­ne Scha­dens­hö­he mehr­mals of­fen an, wor­auf­hin die In­ha­be­rin ver­si­cher­te, dem Ge­richt ei­ne Kos­ten­auf­stel­lung zu­kom­men las­sen zu wol­len.

Schwer ver­letzt

Der Ver­hand­lungs­tag schloss dann mit ei­ner aus­führ­li­chen Ver­neh­mung der Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sa­rin, die die 22 und 23 Jah­re al­ten Ira­ker am 1. März nach ih­rer Flucht an der Gren­ze zu Bel­gi­en von schwer be­waff­ne­ten bel­gi­schen Be­am­ten über­nahm. Die Po­li­zis­tin be­rich­te­te: „Die wa­ren schwer ver­letzt und hat­ten noch deut­lichs­te Brand­ver­let­zun­gen.“Bei­de zeig­ten sich schnell ge­stän­dig, den Brand ge­legt zu ha­ben. Sie ver­nahm ei­nen der bei­den, nach­dem der Er­mitt­lungs­rich­ter die­sen be­frag­te.

Nun im Pro­zess tra­ten erst­mals die Wi­der­sprü­che, in die sich der Ira­ker bei den Aus­sa­gen ver­strick­te, ans Licht. So hieß es ge­gen­über dem Rich­ter, er ken­ne die Brü­der „seit sie­ben Mo­na­ten“– ge­gen­über der Po­li­zis­tin sag­te er erst „seit zwei Wo­chen“und zehn Mi­nu­ten spä­ter „seit ei­ner Wo­che“.

Eben­so sprach er nur ge­gen­über dem Er­mitt­lungs­rich­ter da­von, dass bei­de an­geb­lich über ei­nen Schul­den­er­lass von 1500 Eu­ro hin­aus noch­mals 2500 Eu­ro für die Tat er­hal­ten soll­ten. Die Kom­mis­sa­rin sag­te nun: „Es war vie­les nicht plau­si­bel.“Ge­naue­re Nach­fra­gen stell­te sie da­mals bei der Ver­neh­mung aber nicht an.

Im Raum steht die Fra­ge, ob die Ira­ker sich mög­li­cher­wei­se an den – im Pro­zess bis­lang kom­plett schwei­gen­den – Brü­dern rä­chen und die­se fälsch­li­cher­wei­se be­las­ten woll­ten. Fest steht je­doch wohl, dass es di­rek­te Ver­bin­dung zwi­schen den Wes­ter­kap­pel­ner Brü­dern und den Ira­kern gab, wie auch aus den aus­ge­wer­te­ten Han­dy­da­ten her­vor­geht.

Zu­dem er­gab ein Chat, den die Po­li­zis­tin aus­wer­te­te: Der La­den­in­ha­ber hat­te im De­zem­ber und Ja­nu­ar Geld­sor­gen ge­äu­ßert und woll­te sich 5000 Eu­ro lei­hen. An­de­rer­seits ver­sprach er sei­ner Freun­din, die ihm In­ter­net­an­ge­bo­te bis zu 20 000 Eu­ro zu­schick­te, bald ein Au­to zu kau­fen.

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