Di­ckes Fell und star­ke Ner­ven

Im Ein­zel­han­del ist gu­te Lau­ne Pflicht

Neue Osnabrucker Zeitung - Stadt Osnabruck - - BRANCHEN-SPEZIAL - Dpa/tmn

Über­füll­te Ge­schäf­te und an­stren­gen­den Kun­den: Im Ein­zel­han­del geht es zeit­wei­se rau zu. Trotz­dem ent­schei­den sich dort je­des Jahr vie­le Ju­gend­li­che für ei­ne Aus­bil­dung. Die gu­ten Auf­stiegs­chan­cen könn­ten das Ge­heim­nis sein.

HAM­BURG Ei­gent­lich ha­ben die zwei Jah­re als Au-pair in Ka­na­da sie auf die Idee ge­bracht: Jea­ni­na Tamm­lings Gast­mut­ter muss­te gut ge­klei­det ins Bü­ro. Da­bei war sie aber nicht sehr stil­si­cher. „Da ha­be ich ihr ge­hol­fen, sich ein­zu­klei­den. Das hat mir so viel Spaß ge­macht, dass ich wuss­te: Das will ich mal be­ruf­lich ma­chen.“Zu­rück in Deutsch­land be­warb sie sich bei ei­nem gro­ßen Be­klei­dungs­haus in Ham­burg und be­kam die Lehr­stel­le.

„Der Kon­takt mit den Kun­den und die Be­schäf­ti­gung mit Mo­de ist für mich die per­fek­te Kom­bi­na­ti­on, ich füh­le mich an­ge­kom­men“, sagt Tamm­ling. Vor we­ni­gen Wo­chen hat sie er­folg­reich ih­ren Ab­schluss ge­macht. Nun ar­bei­tet sie im Ver­kauf.

Wie Jea­ni­na Tamm­ling ent­schei­den sich je­des Jahr Tau­sen­de von Ju­gend­li­chen, ei­ne Aus­bil­dung zum Kauf­mann oder zur Kauf­frau im Ein­zel­han­del zu ma­chen. Nach An­ga­ben des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts war es 2017 mit 28 500 Ver­trä­gen der häu­figs­te Aus­bil­dungs­be­ruf. Der Job ist viel­sei­tig: Die Leh­re ist in Tex­til­ge­schäf­ten, im Le­bens­mit­tel­han­del, in Schmuck- und Schuh­lä­den mög­lich. Auch in Mö­bel­häu­sern, im Elek­tro­han­del und in Dro­ge­ri­en wird Per­so­nal ge­sucht.

Die Lehr­in­hal­te sind über­all ähn­lich: „Die ers­ten bei­den Jah­re sind mit der Aus­bil­dung zum Ver­käu­fer iden­tisch“, sagt Mar­tin We­de­mann von der Han­dels­kam­mer Ham­burg. Es ge­he um Kun­den­be­ra­tung, den Ver­kauf, Sor­ti­ments­kennt­nis­se oder die Prä­sen­ta­ti­on der Wa­ren im La­den. Im drit­ten Lehr­jahr ge­he es dann in den In­nen­dienst. Da wer­de die kauf­män­ni­sche Sicht wich­tig. Die Aus­zu­bil­den­den küm­mer­ten sich stär­ker um Rech­nungs­we­sen, Buch­hal­tung, Wa­ren­ein­kauf und Per­so­nal­füh­rung.

In der Be­rufs­schu­le wird die Theo­rie ver­mit­telt: Je nach Un­ter­neh­men und Bun­des­land sind die Aus­zu­bil­den­den ent­we­der an zwei Ta­gen in der Wo­che für sechs Schul­stun­den dort oder block­wei­se sechs Wo­chen im Halb­jahr.

„Sehr of­fen und freund­lich zu sein, ist auf je­den Fall ei­ne wich­ti­ge Vor­aus­set­zung für den Be­ruf“, sagt Jea­ni­na Tamm­ling. „Nicht je­den Kun­den, der das Ge­schäft be­tritt, spre­che ich so­fort an. Ich si­gna­li­sie­re im­mer mit ei­nem freund­li­chen Ni­cken, dass ich ihn re­gis­triert ha­be und zur Ver­fü­gung ste­he“, sagt sie. Laut We­de­mann von der Han­dels­kam­mer gibt es ei­ne wei­te­re wich­ti­ge Vor­aus­set­zung: Die Aus­zu­bil­den­den soll­ten kör­per­lich fit sein. Denn sie müs­sen den gan­zen Tag ste­hen. Au­ßer­dem sei ein ge­pfleg­tes Äu­ße­res ein Muss.

Of­fen­heit ist für Tamm­lings Aus­bil­dungs­be­treue­rin Ju­lia Tor­now das we­sent­li­che Kri­te­ri­um, wenn es um die Eig­nung für den Ein­zel­han­del geht. Sie ist beim Be­klei­dungs­haus in Ham­burg für die Aus­wahl­ver­fah­ren zu­stän­dig. Wich­ti­ger als der Ein­stel­lungs­test sei die Per­sön­lich­keit des Be­wer­bers. Die Aus­zu­bil­den­den stün­den vom ers­ten Tag an im Ver­kauf. Für den Kun­den­kon­takt müss­ten sie auf­ge­schlos­sen und kon­takt­freu­dig sein.

Doch auch die Schul­bil­dung spielt ei­ne wich­ti­ge Rolle: Selbst wenn für den Be­ruf kein Schul­ab­schluss vor­ge­schrie­ben ist, nimmt das Be­klei­dungs­un­ter­neh­men wie fast al­le Be­trie­be nur Aus­zu­bil­den­de mit ei­nem gu­ten Haupt­schul­ab­schluss. „Der Be­rufs­schul­stoff ist an­spruchs­voll. Da­her soll­ten Haupt­schü­ler ei­nen No­ten­durch­schnitt von Zwei ha­ben. Aber auch bei Re­al­schü­lern ach­ten wir auf gu­te Leis­tun­gen in Deutsch und Ma­the“, sagt Tor­now.

Leicht zu be­kom­men, sind die be­gehr­ten Stel­len nicht. Zehn Be­wer­ber auf ei­ne Stel­le sind kei­ne Sel­ten­heit. Doch Män­ner ha­ben der­zeit be­son­ders gu­te Chan­cen: „Die Re­la­ti­on bei den Kauf­leu­ten im Ein­zel­han­del be­trägt et­wa 40 Pro­zent Män­ner zu 60 Pro­zent Frau­en“, sagt Wil­fried Mal­cher, Ge­schäfts­füh­rer des Han­dels­ver­bands Deutsch­land(HDE). Das soll sich wei­ter an­glei­chen.

Jea­ni­na Tamm­ling hat sich an das Ar­beits­le­ben schnell ge­wöhnt. Nur an den Um­gang mit un­freund­li­chen Kun­den muss­te sie sich erst ge­wöh­nen: „Na­tür­lich gibt es auch Kun­den, die schon mit schlech­ter Lau­ne unser Haus be­tre­ten. Wich­tig ist, dass ich ih­nen ge­gen­über nett bin und Ver­ständ­nis zei­ge. Ich muss­te erst ler­nen, sol­che Si­tua­tio­nen nicht per­sön­lich zu neh­men.“

Wer es schafft, im­mer freund­lich zu blei­ben und zu lä­cheln, kann nicht nur durch Pro­vi­sio­nen sein Ge­halt auf­bes­sern. Bei vie­len Un­ter­neh­men sind auch die Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten gut. Nach der Aus­bil­dung kön­ne man et­wa den Han­delsas­sis­ten­ten oder den Han­dels­fach­wirt ma­chen und an­schlie­ßend ei­ne Fi­lia­le über­neh­men. Die Per­spek­ti­ven sind gut: „70 Pro­zent der Füh­rungs­kräf­te im Ein­zel­han­del sind nur über be­trieb­li­che Aus- und Fort­bil­dung nach oben ge­kom­men“, sagt HDE-Ge­schäfts­füh­rer Mal­cher.

Fo­to: Ma­ria Hu­ber

Muss­te sich an den Um­gang mit an­stren­gen­den Kun­den erst ge­wöh­nen: Jea­ni­na Tamm­ling ar­bei­tet bei ei­nem gro­ßen Be­klei­dungs­haus in Ham­burg als Ein­zel­han­dels­kauf­frau.

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