Ei­ne Er­fin­dung aus Bre­men

IM LE­BEN, SEI­TE 3

Neue Osnabrucker Zeitung - Stadt Osnabruck - - WOCHENENDE! - Von Karl Hüb­ner

Die 60er-Jah­re. Zweit­wa­gen sind sel­ten, ein­ge­kauft wird meis­tens zu Fuß. Das be­deu­tet auch, dass al­len­falls ein paar ein­zel­ne Bier­fla­schen im Ein­kaufs­netz zap­peln kön­nen. Mar­ke­ting­stra­te­gen der Bre­mer Braue­rei Beck & Co. wol­len das än­dern – und zu­gleich ihr In­lands­ge­schäft an­kur­beln (so­gar der [zu der Zeit noch ei­gen­stän­di­ge] Lo­kal­ri­va­le und Ge­län­de­nach­bar Haa­ke-Beck ist grö­ßer). Das Tüf­teln an ei­nem neu­en Ver­pa­ckungs­kon­zept ist er­folg­reich: 1968 ver­lässt zum ers­ten Mal ein Sech­ser­trä­ger mit Mehr­weg­fla­schen ei­ne deut­sche Braue­rei: der „Beck’ ser“. Ein Jahr nach Ein­füh­rung ih­res Do­sen-Drei­er­packs ist das der nächs­te Ver­pa­ckungs­coup der Han­se­städ­ter.

Zwei Grün­de sorg­ten da­für, dass die In­no­va­ti­on aus­ge­rech­net den Bre­mern ge­lang. Zum ei­nen hat­te die glo­bal agie­ren­de Braue­rei („In über 140 Län­dern der Welt“lau­te­te ein frü­he­rer Beck’ s-Slo­gan) in Nord­ame­ri­ka be­reits Er­fah­run­gen mit Sech­ser­trä­gern ge­sam­melt. Zum an­de­ren „wurde Beck’ s da­mals noch nicht in Kunst­stoff­käs­ten an den Han­del ge­lie­fert, son­dern in Um­kar­tons aus Hart­pap­pe“, wie sich der da­ma­li­ge Mar­ke­ting-Ver­ant­wort­li­che bei Beck & Co., Hans Hei­der, im Jahr 1998 er­in­ner­te. Die­se Kar­tons lie­ßen sich völ­lig pro­blem­los statt mit 24 Ein­zel­fla­schen auch mit vier Sech­ser­trä­gern be­stü­cken. Ein Um­stand, der die In­ves­ti­ti­ons­kos­ten im Rah­men hielt. An­de­re Braue­rei­en ver­wen­de­ten da­ge­gen schon mo­der­ne Kunst­stoff­käs­ten. Die­se be­sa­ßen ein star­res Git­ter für die Ein­zel­fla­schen und wa­ren für Sech­ser­trä­ger un­ge­eig­net.

Et­was Ent­wick­lungs­ar­beit muss­te Beck & Co. aber trotz­dem noch leis­ten. Denn das in Nord­ame­ri­ka eta­blier­te Six­pack war der „Open Bas­ket Car­ri­er“– ein recht­ecki­ges Körb­chen mit sechs Ver­tie­fun­gen, in die man die Fla­schen stel­len konn­te. „Für den deut­schen Markt war die­se Va­ri­an­te da­mals zu teu­er“, er­klärt Jens Ecker­mann, heu­te ge­schäfts­füh­ren­der Ge­sell­schaf­ter von WB Ver­pa­ckun­gen in Bre­men. Zu­vor war Ecker­mann über zwei Jahr­zehn­te für Eu­ro­pa Car­ton (heu­te ÅR Pa­cka­ging) tä­tig – und da­mit für je­nes Un­ter­neh­men, das in den spä­ten 60ern Ent­wick­lungs­part­ner von Beck & Co. in Sa­chen Sech­ser­trä­ger war.

„Auf der Su­che nach ei­ner güns­ti­ge­ren Lö­sung er­sann man schließ­lich den „Slee­ver“, auch „Wrap“ge­nannt“, so Ecker­mann. Ei­ne ein­fa­che Man­schet­te aus Kar­ton, die die sechs Fla­schen um­schloss und an­fangs noch mit ei­nem ech­ten Hand­griff aus­ge­stat­tet war. Wäh­rend die Hül­le heu­te oft ver­leimt ist, wur­den die En­den der frü­hen Sech­ser­trä­ger noch in­ein­an­der­ge- steckt. „Die Pro­duk­ti­ons­kos­ten des Slee­vers be­tru­gen nur et­wa ein Drit­tel de­rer für den Open Bas­ket Car­ri­er“, sagt Ecker­mann.

Längst ein Klas­si­ker

Der „Beck’ ser“wurde ein Er­folg, und der Ab­satz des Bre­mer Biers leg­te spür­bar zu. Al­ler­dings konn­te die Braue­rei ihr Beck’ s nicht ewig in den alt­mo­di­schen Hart­papp­kar­tons aus­lie­fern. Und so brach­ten die Bre­mer 1978 die nächs­te In­no­va­ti­on auf den Markt: ei­nen Kunst­stoff­kas­ten, in den man wahl­wei­se ent­we­der 24 ein­zel­ne Fla­schen oder vier Sech­ser­trä­ger stel­len konn­te. Heu­te ist die­ser Pi­n­o­len­kas­ten Stan­dard.

Auch das Six­pack selbst durch­lief Wei­ter­ent­wick­lun­gen. Zu Beginn der 1980er-Jah­re er­setz­ten zwei Lö­cher in der Man­schet­te den Hen­kel. Und ei­ne ver­bes­ser­te Reiß­fes­tig­keit er­laub­te es, im­mer dün­ne­res Kar­ton­ma­te­ri­al ein­zu­set­zen. Heu­te ge­nü­gen rund 40 Gramm Kar­ton, um knapp vier Ki­lo­gramm Glas und Bier si­cher zu tra­gen.

Der Sech­ser­trä­ger ist längst ein Klas­si­ker. Er steht in je­dem Ge­trän­ke­markt, und die meis­ten gän­gi­gen Bier­mar­ken sind dar­in ver­füg­bar. Auch WB Ver­pa­ckun­gen in Bre­men be­lie­fert Braue­rei­en mit ent­spre­chen­den Kar­ton­zu­schnit­ten – „fer­tig ge­stanzt und ge­mäß Kun­den­wunsch be­druckt“, wie Ge­schäfts­füh­rer Jens Ecker­mann er­klärt. In den Braue­rei­en wer­den die­se dann am En­de der Ab­füll­an­la­gen voll­au­to­ma­tisch um je­weils sechs Fla­schen ge­fal­tet und, je An­la­gen­typ, zu­sam­men­ge­steckt oder ver­leimt.

Vor ei­ni­gen Jah­ren mel­de­te die Deutsch­land-Ge­sell­schaft von An­heu­ser-Busch InBev, zu der Beck & Co. heu­te ge­hört, dass hier­zu­lan­de mehr als je­der zwei­te Kon­su­ment sein Beck’ s im Six­pack kau­fe. Sol­che Quo­ten er­freu­en auch Jens Ecker­mann, denn WB Ver­pa­ckun­gen ist ei­ner der Zu­lie­fe­rer an die Bre­mer Braue­rei. Der Ver­pa­ckungs­ex­per­te hat be­ob­ach­tet, dass die Braue­rei­en Six­packs zu­neh­mend auch für Mar­ke­ting-Zwe­cke nut­zen, et­wa um neue Sor­ten oder Ak­ti­ons­wa­re pro­mi­nent im Han­del zu plat­zie­ren. In­ter­es­san­ter­wei­se sei da­bei so­gar der – einst zu kost­spie­li­ge – Open Bas­ket Car­ri­er jetzt auch in Deutsch­land im Kom­men.

Auch klei­ne­re Braue­rei­en, ins­be­son­de­re Her­stel­ler von Craft Beer, ha­ben den Open Bas­ket für sich ent­deckt. Ecker­mann weiß auch, war­um: Wäh­rend die Six­pack-Man­schet­te aus­schließ­lich ma­schi­nell um die Fla­schen ge­legt wer­den kann, las­sen sich die Sech­ser-Kör­be auch von Hand be­stü­cken. So­wohl bei Ak­ti­ons­wa­re als auch in klei­ne­ren (Craft)Braue­rei­en sei dies ein Vor­teil. Dem Bier­freund dürf­te es egal sein. Haupt­sa­che, die sechs Fla­schen las­sen sich be­quem tra­gen.

Fo­tos: im­a­go/Rü­di­ger Wölk/Horst Ru­del Fell­bach/ McPHOTO/screen­shot

„Beck’ser“, so wurde das Six-Pack 1968 ver­mark­tet. Auf dem ame­ri­ka­ni­schen Markt wa­ren Plas­ti­krin­ge für Do­sen und „Kör­be“be­reits be­kannt.

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