Dür­re: Bau­ern blei­ben auf Mil­li­ar­den­scha­den sit­zen

„Die­ser Som­mer wirkt nach“IM IN­TER­VIEW

Neue Osnabrucker Zeitung - Stadt Osnabruck - - VORDERSEITE - Von Dirk Fis­ser

OS­NA­BRÜCK Trotz der mil­lio­nen­schwe­ren Dür­reh­il­fe von Bund und Län­dern blei­ben die deut­schen Bau­ern nach dem Dür­re­som­mer 2018 auf ei­nem Mil­li­ar­den­scha­den sit­zen. Im In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on sag­te Bau­ern­ver­bands­prä­si­dent Joa­chim Ruk­wied vor Be­ginn der Agrar- und Er­näh­rungs­mes­se „Grü­ne Wo­che“: „Selbst wenn wir die in Aus­sicht ge­stell­ten Dür­reh­il­fen in Hö­he von 340 Mil­lio­nen Eu­ro ab­zie­hen, blei­ben et­wa 2,5 Mil­li­ar­den Eu­ro an Schä­den.“Be­trof­fe­ne Be­trie­be sei­en über die nächs­ten Jah­re hin­weg be­las­tet. „Die­ser Som­mer wirkt nach“, sag­te Ruk­wied. Mehr als 8000 Be­trie­be hät­ten ei­nen An­trag auf Dür­reh­il­fe in den Län­dern ge­stellt. „Das zeigt auch die gro­ße Not.“

Der Dür­re-Som­mer wirkt nach: Laut Bau­ern­ver­bands­prä­si­dent Joa­chim Ruk­wied blei­ben die Land­wir­te auf ei­nem Scha­den von 2,5 Mil­li­ar­den Eu­ro sit­zen. Vor Be­ginn der „Grü­nen Wo­che“be­män­gelt Ruk­wied aber auch das ge­sell­schaft­li­che Kli­ma.

Herr Ruk­wied, hin­ter uns liegt ein his­to­risch tro­cke­nes Jahr. Hat die Land­wirt­schaft die Fol­gen schon über­wun­den?

Die Land­wirt­schaft kann die Fol­gen des Dür­re­som­mers noch nicht über­wun­den ha­ben. Selbst wenn wir die in Aus­sicht ge­stell­ten Dür­reh­il­fen in Hö­he von 340 Mil­lio­nen Eu­ro ab­zie­hen, blei­ben et­wa 2,5 Mil­li­ar­den Eu­ro an Schä­den. So ei­ne Sum­me ver­kraf­ten Sie nicht in so kur­zer Zeit. Das be­las­tet die Be­trie­be die nächs­ten Jah­re. Die­ser Som­mer wirkt nach. Über 8000 Be­trie­be ha­ben An­trä­ge ge­stellt. Das zeigt auch die gro­ße Not.

Mitt­ler­wei­le reg­net es re­gel­mä­ßig. Reicht das aus, um dem Bo­den zu­rück­zu­ge­ben, was ihm an Feuch­tig­keit im Som­mer und Herbst ab­han­den­ge­kom­men ist?

Im Schnitt ha­ben wir noch ein Nie­der­schlags­de­fi­zit. Das gilt nicht für al­le Re­gio­nen Deutsch­lands. Dort, wo jetzt Schnee liegt wie in Bayern, wer­den die Re­ser­ven wohl bald wie­der auf­ge­füllt sein. In wei­ten Tei­len der Re­pu­blik brau­chen wir aber ei­nen nie­der­schlags­rei­chen Win­ter.

Es ist ver­mehrt von psy­cho­lo­gi­schen Pro­ble­men bei Land­wir­ten zu le­sen. Wie steht es um die Psy­che der Bau­ern? Aus­nah­me­si­tua­tio­nen wie der Dür­re­som­mer ver­ur­sa­chen auf vie­len Be­trie­ben er­heb­li­che fi­nan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten. Das kann na­tür­lich ein Burn-out be­güns­ti­gen. Ge­ra­de dann, wenn die fi­nan­zi­el­le Ver­ant­wor­tung für Bau­ern­hof und Fa­mi­lie auf den Schul­tern des Land­wirts las­tet und kei­ne wei­te­ren Ein­nah­men da sind. Das geht na­tür­lich an die psy­chi­sche Sub­stanz. Un­se­re Mit­glie­der mel­den uns aber auch zu­rück, dass ihnen die ge­sell­schaft­li­che De­bat­te zu schaf­fen macht.

In­wie­fern?

Wir Bau­ern füh­len uns und un­ser Tun nicht aus­rei­chend ge­wert­schätzt. Land­wir­te er­näh­ren die Be­völ­ke­rung und sind gleich­zei­tig in Be­rei­chen wie Um­welt- und Tier­schutz ak­tiv und in­no­va­tiv. Die­se Leis­tung wird oft­mals ver­kannt, da fehlt es an An­er­ken­nung. Das be­las­tet die Fa­mi­li­en. Ge­ra­de dann, wenn es um die Hof­nach­fol­ge geht. Wir er­le­ben es im­mer wie­der, dass Hof­nach­fol­ger ab­sprin­gen, weil sie von der ge­sell­schaft­li­chen Dis­kus­si­on ent­nervt sind und lie­ber ei­nen an­de­ren Beruf er­grei­fen als die El­tern. Sie wol­len nicht stän­dig Sün­den­bock sein.

Die Neu­ord­nung der EUAgrar­sub­ven­tio­nen steht an. Die EU-Kom­mis­si­on will die Di­rekt­zah­lun­gen für Flä­chen stär­ker an Um­welt­auf­la­gen kop­peln. Rich­tig so?

Bau­ern sind po­li­ti­sche Rea­lis­ten. Des­we­gen ge­hen wir da­von aus, dass Um­welt­as­pek­te künf­tig ei­ne noch wich­ti­ge­re Rol­le spie­len wer­den. Wir ver­wei­gern uns dem nicht. Für uns ist aber ei­ne Ba­lan­ce zwi­schen Um­welt und Wirt­schaft­lich­keit wich­tig. Die fi­nan­zi­el­le Zu­kunfts­fä­hig­keit der Bau­ern­hö­fe darf nicht ge­fähr­det wer­den. Für vie­le Be­trie­be sind die Di­rekt­zah­lun­gen le­bens­wich­tig. Wo­vor ha­ben Bau­ern ei­gent­lich mehr Angst? Vor dem Wolf oder den Tier­recht­lern, die heim­lich in Stäl­len fil­men?

Für Wei­de­hal­ter ist das si­cher­lich der Wolf. Ver­set­zen Sie sich doch ein­mal in de­ren La­ge: Die Schä­fer küm­mern sich mit viel Herz­blut um ih­re Tiere. De­nen tut das in der See­le weh, wenn et­wa Scha­fe ge­ris­sen wer­den. Die sind Teil ih­res Le­bens. Der fi­nan­zi­el­le Scha­den ist da schon fast se­kun­där. In­so­fern hat der Schutz der Nutz­tie­re höchs­te Prio­ri­tät.

Bun­des­land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner will sich in­ner­halb der Bun­des­re­gie­rung für ei­nen leich­te­ren Ab­schuss von so­ge­nann­ten Pro­blem­wöl­fen ein­set­zen, die Her­den zu oft zu na­he kom­men. Reicht das? Es muss mög­lich sein, Pro­blem­wöl­fe ab­zu­schie­ßen. Aber wir müs­sen mehr tun, das reicht nicht. Der Wolf ist in Deutschland nicht mehr ge­fähr­det. Wenn wir die Wei­de­hal­tung in Deutschland – al­so auf den Dei­chen in Nord­deutsch­land oder den Al­men im Sü­den – er­hal­ten wol­len, dann kom­men wir um ei­ne Be­stands­re­gu­lie­rung der Wöl­fe nicht um­hin. Deutschland ist Kul­tur­raum und kei­ne Wild­nis. Es kann nicht sein, dass der Wolf die Wei­de­hal­tung ver­drängt.

In Nie­der­sach­sen gab es in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten zahl­rei­che Ver­öf­fent­li­chun­gen von Tier­schutz­skan­da­len durch Tier­recht­ler. Geht es in der De­bat­te um Tier­schutz nicht oh­ne Tier­recht­ler?

Die Ge­set­ze in Deutschland sind ein­zu­hal­ten. Ich ge­he da­von aus, dass, mit der Aus­nah­me von schwar­zen Scha­fen, mei­ne Bau­ern-Kol­le­gen die­se Ge­set­ze ein­hal­ten.

Muss man als Dach­ver­band nicht ei­ne an­de­re Art des Um­gangs mit die­sen so­ge­nann­ten schwar­zen Scha­fen fin­den? Im­mer­hin re­den wir in Deutschland seit Jahr­zehn­ten über Tier­schutz­skan­da­le.

Wir dis­tan­zie­ren uns von je­dem Land­wirt, der sich be­wusst nicht ge­set­zes­kon­form ver­hält.

Und wie sieht es mit Raus­wür­fen aus dem Ver­band aus?

Das wird auf Ebe­ne der Krei­sund Lan­des­ver­bän­de ent­schie­den. Ziel­füh­ren­der als ein Rauswurf kann oft­mals die Be­ra­tung und die Un­ter­stüt­zung der be­trof­fe­nen Be­trie­be sein. Ich ge­he da­von aus, dass Tier­schutz­ver­stö­ße auf den meis­ten Be­trie­ben nicht aus Bös­wil­lig­keit pas­sie­ren, son­dern ei­ner Über­for­de­rung oder an­de­rer Pro­ble­me ge­schul­det sind.

Es wird dis­ku­tiert, ob Ver­ei­ne wie die „Deut­sche Um­welt­hil­fe“zu Recht als ge­mein­nüt­zig an­er­kannt sind und da­mit Steu­er­vor­tei­le ge­nie­ßen. Wie be­wer­ten Sie das für Tier­rechts­ver­ei­ne wie zum Bei­spiel Pe­ta oder die „Soko Tier­schutz“?

Die Ge­mein­nüt­zig­keit von Tier­rechts­ver­ei­nen muss über­prüft wer­den. Na­tür­lich ist das Er­geb­nis of­fen. Aber wir sind der Mei­nung, dass hier ein­mal ge­nau­er hin­ge­schaut wer­den muss. mehr Ge­sprä­che auf noz.de/in­ter­view

Fo­to: dpa/Jan Woi­tas

Tro­cke­ne Wie­sen: Durch die feh­len­den Heu­ern­ten wäh­rend der Dür­re­pe­ri­ode muss­ten zahl­rei­che Land­wir­te in Deutschland schon im Som­mer das Win­ter­fut­ter an ih­re Tiere ver­füt­tern.

Fo­to: dpa

Joa­chim Ruk­wied Wort­füh­rer im O-Ton:

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