Schutz­strei­fen müss­ten so­gar noch viel brei­ter sein

Neue Osnabrucker Zeitung - Stadt Osnabruck - - WELTSPIEGE­L - Kon­rad Lohr­mann Bad Es­sen Prof. Dr. Kath­rin Kiehl Osnabrück

Zu den Ar­ti­keln „Bau­ern ge­gen fünf Me­ter Spritz­schutz – Che­mie auf dem Acker: CDU und SPD hal­ten Ein-Me­terSchutz­strei­fen an Ge­wäs­sern für aus­rei­chend“(Ausgabe vom 26. Fe­bru­ar) und „Brei­te­rer Schutz­strei­fen ge­for­dert – Ver­bän­de: Mehr Ge­wäs­ser­schutz“(Ausgabe vom 27. Fe­bru­ar) ha­ben uns wei­te­re Le­ser­brie­fe er­reicht.

„[. . .] Nach ei­nem Gespräch mit dem Chef des Bau­ern­ver­ban­des Land­volk im Kreis Osnabrück strich Land­rat Lüb­bers­mann mal ge­ra­de den in der Vor­la­ge ste­hen­den Fün­fMe­ter-Schutz­strei­fen auf ei­nen Me­ter zu­sam­men, se­kun­diert von CDU und SPD. Bei der ,prä­zi­sen Pflan­zen­schut­zTech­nik‘ in der Land­wirt­schaft sei­en die für die Um­set­zung der eu­ro­päi­schen FFHRicht­li­ni­en Ge­wäs­ser-Schutz­strei­fen vor­ge­se­he­nen fünf Me­ter doch gar nicht not­wen­dig.

Dass Land­wir­te ih­re In­ter­es­sen ver­tre­ten und es da auch im­mer wie­der zu Kon­flik­ten mit dem Na­tur­schutz kommt, ist ja in Ord­nung. Sie den­ken halt von ih­ren Be­trie­ben aus wirt­schaft­lich und nicht in ers­ter Li­nie vom Stand­punkt des Na­tur­schut­zes aus. Dass aber un­ser Land­rat of­fen­bar auch nicht weiß (un­ter­stützt von den Par­tei­en­ver­tre­tern), wo­zu die Richt­li­ni­en für die FFH-Ge­bie­te die­nen sol­len, be­frem­det ei­nen schon. Wann be­grei­fen wir denn end­lich, und auch die ent­spre­chen­den Chefs von Land­volk und Bau­ern­ver­bän­den, dass es in der Na­tur Zu­sam­men­hän­ge gibt?

Der Fünf-Me­ter-Be­reich ist be­reits ein Kom­pro­miss. Um wirk­lich al­le land­wirt­schaft­lich be­ding­ten Be­ein­träch­ti­gun­gen der Ge­wäs­ser aus­zu­schlie­ßen – es geht ja nicht nur ums Sprit­zen mit Pes­ti­zi­den, son­dern auch um Dün­gung und über­haupt die land­wirt­schaft­li­che Be­ar­bei­tung und Nut­zung –, müss­te der Strei­fen we­sent­lich brei­ter sein und auch die in die Fließ­ge­wäs­ser­ein­mün­den­denGrä­ben zum Teil mit ein­be­zo­gen wer­den. [. . .]

Der Ge­wäs­ser­rand­strei­fen dient eben nicht nur dem Er­halt der Bach­neu­n­au­gen und an­de­rer ge­schütz­ter Fi­sch­ar­ten, son­dern der Strei­fen ist ins­be­son­de­re auch für In­sek­ten und an­de­re Klein­le­be­we­sen von gro­ßer Be­deu­tung. [. . .]

Die Be­dro­hung der In­sek­ten wur­de ge­ra­de im letz­ten Jah­rim­mer­mehr­pu­blik–von Be­trof­fe­nen wie Gärt­nern und Obst­bau­ern mit drin­gen­dem Hand­lungs­be­darf vor­ge­tra­gen. So­mit ist der Rand­strei­fen ein für ver­schie­de­ne Na­tur­ha­bi­ta­te ver­net­zen­des Bin­de­glied und dem da­mit ein­her­ge­hen­den Aus­tausch von Klein­le­be­we­sen al­ler Art. Er ist so­mit auch für die Land­wirt­schaft nicht oh­ne po­si­ti­ve Be­deu­tung.

Ich glau­be nicht, dass Land­rat Lüb­bers­mann, die Par­tei­en­ver­tre­ter und die Land­wir­te das nicht wis­sen. Aber ver­su­chen kann man es ja mal, für et­was Ei­gen­in­ter­es­se ei­nen Schutz­zweck kur­zer­hand durch Strei­chung ei­ner Vor­ga­be aus­zu­he­beln. Es trifft ja auch nur un­se­re Nach­kom­men, wenn wir ei­ne ver­wüs­te­te Welt hin­ter­las­sen. Viel­leicht müs­sen wir tat­säch­lich erst noch ler­nen, hö­her zu sprin­gen.“ Ein Land­wirt

„Der in dem Ent­wurf ei­ner Be­schluss­vor­la­ge für den Kreis-Umweltauss­chuss von der Kreis­ver­wal­tung ge­plan­te Fünf-Me­ter-Schutz­strei­fen zur Um­set­zung der eu­ro­päi­schen ,Na­tu­ra-2000-Richt­li­nie‘ im ,Land­schafts­schutz­ge­biet El­se und Obe­re Ha­se‘ ent­spricht den Vor­ga­ben der Eu­ro­päi­schen Uni­on und ist hin­sicht­lich der Puf­fer­wir­kung ge­gen­über Stof­f­e­in­trä­gen aus fach­li­cher Sicht auch min­des­tens not­wen­dig.

Ei­ne Ein­schrän­kung auf le­dig­lich ei­nen Me­ter brei­te Schutz­strei­fen an Ge­wäs­sern – wie ihn SPD und CDU nun für das ,Land­schafts­schutz­ge­biet El­se und Obe­re Ha­se‘ vor­schla­gen – ist aus fach­li­cher Per­spek­ti­ve nicht be­grün­det und nicht be­gründ­bar.

In Zei­ten von wach­sen­der ge­sell­schaft­li­cher und po­li­ti­scher Auf­merk­sam­keit für Bi­o­di­ver­si­tät, wie ge­ra­de ak­tu­ell aus dem Volks­be­geh­ren für In­sek­ten­schutz in Bay­ern deut­lich wur­de, wird ei­ne sol­che Ein­schrän­kung nicht der öko­lo­gi­schen Ver­ant­wor­tung ge­recht, die auch die Land­wirt­schaft über­neh­men soll­te. Ab­ge­se­hen von ei­ner mög­li­chen Ab­puf­fe­rung stoff­li­cher Ge­wäs­ser­be­las­tungs­wir­kun­gen, die vor al­lem von den an­gren­zen­den – zu­meist kon­ven­tio­nell be­wirt­schaf­te­ten – Acker- und Gründ­land­flä­chen über die hier mas­siv aus­ge­brach­ten or­ga­ni­schen und mi­ne­ra­li­schen Dün­ger so­wie die un­ter­schied­lichs­ten Pes­ti­zi­de aus­ge­hen, ha­ben brei­te­re, mög­lichst un­ge­nutz­te Rand­strei­fen an Ge­wäs­ser­rän­dern auch wei­te­re wich­ti­ge öko­lo­gi­sche Funk­tio­nen: Mög­lichst struk­turund ar­ten­rei­che Ge­wäs­ser­säu­me sind in un­se­ren weit­ge­hend aus­ge­räum­ten Agrar­räu­men von enor­mer öko­lo­gi­scher Be­deu­tung, weil sie wich­ti­ge Rück­zugs­bio­to­pe für zahl­rei­che und un­ter­schied­lichs­te Spe­zi­es nicht nur aus den Klas­sen der In­sek­ten und Spin­nen­tie­re sind. Auch hier­für wür­de ein Me­ter Brei­te nicht an­nä­hernd aus­rei­chen.

Ab­ge­se­hen von den hier nur an­ge­ris­se­nen fach­li­chen Grün­den, die klar ge­gen ei­ne Re­duk­ti­on der Brei­te von Ge­wäs­ser­rand­strei­fen auf ei­nen Me­ter spre­chen, gibt es auch prag­ma­ti­sche recht­li­che Grün­de für den Land­kreis, ei­ne sol­che Re­duk­ti­on über ei­ne ent­spre­chen­de Schutz­ge­biets­ver­ord­nung nicht zu­zu­las­sen: Es dro­hen im Fal­le ei­ner Nicht­ein­hal­tung von EUNa­tur­schutz­richt­li­ni­en ge­ra­de in FFH-Ge­bie­ten de­ren Aber­ken­nung und da­mit in der Fol­ge emp­find­li­che Straf­zah­lun­gen nach Brüs­sel.“

Dr. Andre­as Lech­ner Prof. Dr. Joa­chim Härt­ling Dr. Lau­ra Her­zog

Dr. Jörg Klas­mei­er Prof. Dr. Clau­dia Pahl-Wostl Osnabrück

„Wer sol­che Po­li­tik macht, braucht sich über das ak­tu­el­le In­sek­ten- und Vo­gel­ster­ben nicht zu wun­dern! [. . .]

In Lehr­bü­chern der Öko­lo­gie und Geo­gra­fie ist nach­zu­le­sen, dass zu ei­nem Fließ­ge­wäs­ser so­wohl der Was­ser­kör­per als auch sei­ne Ufer und die an­gren­zen­de Aue ge­hö­ren. Der in der FFH-Richt­li­nie und der Was­ser­rah­men­richt­li­nie der EU für al­le Mit­glied­staa­ten vor­ge­schrie­be­ne güns­ti­ge Er­hal­tungs­zu­stand von Fließ­ge­wäs­sern kann nur ge­währ­leis­tet wer­den, wenn auch ei­ne ge­wis­se Dy­na­mik des Ge­wäs­sers und sei­ner Ufer er­mög­licht wird.

So be­nö­tigt zum Bei­spiel der Eis­vo­gel Steil­wän­de an Ufe­r­ab­brü­chen, um dort sei­ne Brut­höh­le zu bau­en. Die fließ­ge­wäs­ser- und au­en­ty­pi­sche Zo­nie­rung der Ufer­ve­ge­ta­ti­on, die zahl­rei­chen In­sek­ten­ar­ten und Vö­geln wert­vol­le Le­bens­räu­me bie­tet, wird durch die Be­wirt­schaf­tung bis auf ei­nen Me­ter an das Ge­wäs­ser her­an zer­stört.

Acker­bau di­rekt an Fließ­ge­wäs­sern ist nicht nur we­gen der mög­li­chen Ab­drift von Pes­ti­zi­den pro­ble­ma­tisch, son­dern auch aus Kli­ma­schutz­grün­den. Durch die vie­ler­orts [. . .] vor­han­de­nen Ent­wäs­se­rungs­grä­ben und die re­gel­mä­ßi­ge Be­lüf­tung kommt es beim Umpflü­gen zur CO2-Frei­set­zung. Bei Stark­re­gen wer­den zu­dem nicht nur Pes­ti­zi­de, son­dern auch Bo­den­par­ti­kel mit dem da­ran ge­bun­de­nen Phos­phor in Bä­che und Flüs­se ge­spült [. . .]. Brei­te Schutz­strei­fen [. . .] ver­hin­dern sol­che Ein­trä­ge und si­chern die Bi­o­di­ver­si­tät. Aus fach­li­cher Sicht müss­ten sie min­des­tens zehn Me­ter breit sein, wenn die na­tür­li­che Dy­na­mik ge­schütz­ter Fließ­ge­wäs­ser be­rück­sich­tigt wer­den soll – und so­gar das ist noch we­nig!“

Fo­to: im­a­go/Wolf­gang Zwanz­ger

spritzt jun­ge Pflan­zen mit ei­nem Pflan­zen­schutz­mit­tel.

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