McAl­lis­ter be­grüßt Ur­teil aus Schott­land

Bri­ti­sche Be­völ­ke­rung we­gen Br­ex­its tief ge­spal­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Stadt Osnabruck - - VORDERSEIT­E - Von Ka­trin Pribyl

Der CDU-Eu­ro­pa­po­li­ti­ker Da­vid McAl­lis­ter hat den schot­ti­schen Rich­ter­spruch ge­gen die Be­ur­lau­bung des bri­ti­schen Par­la­ments be­grüßt. „Die Ent­schei­dung des schot­ti­schen Be­ru­fungs­ge­richts zeigt deut­lich, dass es nicht nur po­li­ti­sche, son­dern auch ernst zu neh­men­de ju­ris­ti­sche Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit der an­ge­ord­ne­ten Zwangs­pau­se gibt“, sag­te McAl­lis­ter ges­tern in Brüs­sel. Das letz­te Wort ha­be nun der Obers­te Ge­richts­hof.

Pre­mier­mi­nis­ter Bo­ris John­son hat­te das bri­ti­sche Par­la­ment An­fang der Wo­che in ei­ne Zwangs­pau­se ge­schickt. Das hat ein schot­ti­sches Be­ru­fungs­ge­richt für nich­tig und so­gar „il­le­gal“er­klärt.

LON­DON Ei­gent­lich stellt sich der bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter je­den Mitt­woch­mit­tag Punkt zwölf Uhr den Fra­gen der Ab­ge­ord­ne­ten. Das mit­un­ter äu­ßerst un­ter­halt­sa­me Spek­ta­kel im Par­la­ment zwi­schen Re­gie­rungs­chef und Op­po­si­ti­ons­füh­rer er­in­nert an ein De­bat­ten-Du­ell, am En­de macht die Pres­se denn auch stets ei­nen Ge­win­ner und ei­nen Ver­lie­rer aus. Ges­tern aber herrsch­te Stil­le im Un­ter­haus. Es ist seit Di­ens­tag­mor­gen sus­pen­diert.

Nun könn­te es je­doch wie­der ein­mal an­ders kom­men, als noch An­fang der Wo­che ver­mu­tet. Keh­ren die bri­ti­schen Ab­ge­ord­ne­ten schon deut­lich frü­her aus der fünf­wö­chi­gen Zwangs­pau­se zu­rück? Ein schot­ti­sches Be­ru­fungs­ge­richt er­klär­te die von Pre­mier­mi­nis­ter Bo­ris John­son ver­an­lass­te Su­s­pen­die­rung des Par­la­ments ges­tern für „null und nich­tig“– und da­mit für un­zu­läs­sig. Trotz­dem blie­ben die ab­ge­wetz­ten grü­nen Ban­k­rei­hen im Un­ter­haus leer. Die Ent­schei­dung be­deu­tet nicht, dass die Re­gie­rung, die sich „ent­täuscht“über das Ur­teil zeig­te, ih­ren Schritt zu­rück­neh­men muss. Aus der Dow­ning Street hieß es viel­mehr, man wol­le Be­ru­fung ein­le­gen. Die Aus­ein­an­der­set­zung geht al­so vor das obers­te

Ge­richt im Land, dem Su­pre­me Court in Lon­don. Mit ei­ner end­gül­ti­gen Ent­schei­dung wird nächs­te Wo­che ge­rech­net. Und so geht der Kri­mi auf der In­sel wei­ter, den John­son doch ei­gent­lich vor­erst be­en­den woll­te.

Es war kurz nach halb zwei am frü­hen Di­ens­tag­mor­gen, als die Ver­tre­te­rin von Kö­ni­gin Eliz­a­beth II., ge­folgt von haupt­säch­lich kon­ser­va­ti­ven Par­la­men­ta­ri­ern und be­glei­tet von „Sha­me on you“-Ru­fen („Schan­de über euch“) aus den Op­po­si­ti­ons­rei­hen, aus dem Un­ter­haus schritt. Im schwar­zen Ge­wand, den Eben­holz­stab mit dem ver­gol­de­ten Lö­wen über die Schul­ter ge­legt, führ­te Sa­rah Clar­ke die Ab­ge­ord­ne­ten hin­über ins Ober­haus, wo schluss­end­lich vor fast lee­ren Sitz­rei­hen die Proro­ga­ti­on ver­kün­det wur­de, die Su­s­pen­die­rung des Par­la­ments. Man­che mein­ten, mit der so­ge­nann­ten „Black Rod“, der ho­hen Be­am­tin bei den Lords, ver­ließ auch die par­la­men­ta­ri­sche De­mo­kra­tie die Kam­mer.

Es war ei­ne denk­wür­di­ge Nacht im Kö­nig­reich, die noch lan­ge in Er­in­ne­rung blei­ben wird. Ab­ge­ord­ne­te der Op­po­si­ti­on boy­kot­tier­ten aus Pro­test ge­gen die Zwangs­pau­se die Ze­re­mo­nie mit all ih­rem Pomp, mit all ih­ren lan­gen Tra­di­tio­nen. Ei­ne, die aus Zei­ten stammt, als al­le Macht beim Mon­ar­chen lag. Viel Ge­schich­te. Groß­bri­tan­ni­en eben.

Die Po­li­ti­ker hiel­ten Zet­tel in die Hö­he, auf de­nen „Si­len­ced“, „stumm­ge­schal­tet“, ge­schrie­ben stand. Ei­ni­ge woll­ten gar den Spea­ker, John Ber­cow, da­von ab­hal­ten, sich zu er­he­ben und Clar­ke zu fol­gen, wie es das Pro­to­koll ver­langt. Es kam zu tu­mult­ar­ti­gen Sze­nen. Die dra­ma­ti­schen Vor­gän­ge im auf Eti­ket­te und Ze­re­mo­ni­ell be­ste­hen­den Un­ter­haus in West­mins­ter als au­ßer­ge­wöhn­lich zu be­zeich­nen wä­re noch ei­ne Un­ter­trei­bung. Selbst in die­sen au­ßer­ge­wöhn­li­chen Zei­ten, die Groß­bri­tan­ni­en ge­ra­de er­lebt. Es han­de­le sich um „ei­nen Akt exe­ku­ti­ver Er­mäch­ti­gung“, sag­te ein sicht­lich ver­är­ger­ter Ber­cow und ver­wies dar­auf, dass die Proro­ga­ti­on ge­gen den Wil­len der meis­ten Par­la­men­ta­ri­er statt­fin­de. Noch da­zu in Kri­sen­zei­ten wie den jet­zi­gen.

Der um­strit­te­ne Spre­cher, der schon fast wie üb­lich auch in die­ser Nacht den Zorn der eu­ro­pa­skep­ti­schen Hard­li­ner auf sich zog, hat­te am Mon­tag sei­nen Rück­tritt an­ge­kün­digt. Zwar hat der Mann mit sei­nen mah­nen­den „Or­der“-Ru­fen auch au­ßer­halb Groß­bri­tan­ni­ens bei­na­he so et­was wie Kult­sta­tus er­langt. Der mo­de­ra­te Ord­nungs­hü­ter Ih­rer Ma­jes­tät, von dem be­kannt ist, dass er beim Re­fe­ren­dum für den EU-Ver­bleib ge­stimmt hat, ist längst zum Lieb­lings­feind eu­ro­pa­skep­ti­schen Hard­li­ner ge­wor­den. Für sie stellt Ber­cow ei­nen „Br­ex­it-Zer­stö­rer“dar. Im­mer wie­der ließ der ei­gent­lich zur Über­par­tei­lich­keit ver­pflich­te­te Ber­cow näm­lich An­trä­ge zu, die der Re­gie­rung nicht pass­ten. An­de­re Ma­le ver­wei­ger­te der Kon­ser­va­ti­ve re­gie­rungs­freund­li­che An­trä­ge da­ge­gen. Das sorg­te für Un­mut. „Mr Spea­ker“wur­de so als Ver­tei­di­ger des Par­la­men­ta­ris­mus häu­fig zum Ge­gen­spie­ler der je­wei­li­gen Pre­mier­mi­nis­ter, erst von The­re­sa May, nun von Bo­ris John­son.

Im Kö­nig­reich gibt es kei­ne ge­schrie­be­ne Ver­fas­sung, statt­des­sen wird al­les mit­hil­fe von Tra­di­tio­nen, Ge­pflo­gen­hei­ten und ei­ni­gen Ge­set­zes­tex­ten ge­re­gelt. Oft sind Streit­fra­gen des­halb ei­ne Sa­che der In­ter­pre­ta­ti­on. Nicht sel­ten ver­wei­sen Po­li­ti­ker zu­dem auf Prä­ze­denz­fäl­le aus längst ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten. Auch die so­ge­nann­te Proro­ga­ti­on, de­rer sich John­son nun be­dient, stammt noch aus ei­ner Zeit, als al­le Macht beim Mon­ar­chen lag. Der Herr­scher konn­te die Zwangs­pau­se für sei­ne Zwe­cke nut­zen und den Ein­fluss der Ab­ge­ord­ne­ten so­wie ih­re Ent­schei­dungs­ge­walt be­schnei­den.

„Das bri­ti­sche Sys­tem wur­de nicht als De­mo­kra­tie kon­zi­piert“, er­klärt der His­to­ri­ker Ro­bert Saun­ders. Viel­mehr ha­be es sich über die Zeit an das de­mo­kra­ti­sche Wahl­recht an­ge­passt. So­lan­ge Re­gie­run­gen die ab­so­lu­te Mehr­heit im Par­la­ment hiel­ten, war die­ser Um­stand laut Saun­ders kein Pro­blem, da es nur sel­ten zu Kol­li­sio­nen zwi­schen Par­la­ment und Exe­ku­ti­ve kam. Mit ei­nem Pre­mier, der le­dig­lich von der kon­ser­va­ti­ven Par­tei zum Re­gie­rungs­chef ge­wählt wur­de und kei­ne Mehr­heit stellt, hat sich die Si­tua­ti­on ver­än­dert.

Der Br­ex­it hat in der In­sti­tu­ti­on Spu­ren hin­ter­las­sen. Die Op­po­si­ti­on be­fin­det sich in of­fe­ner Re­vol­te, selbst ei­ni­ge Kon­ser­va­ti­ve re­bel­lier­ten ge­gen den un­ge­wöhn­li­chen Schritt des Re­gie­rungs­chefs. Nur tun sie das seit der Zwangs­pau­se jetzt nicht mehr aus dem In­nern des West­mins­ter-Pa­lasts. Soll­te das Ur­teil am Di­ens­tag für die Re­gie­rung aus­ge­hen, kehrt das Par­la­ment erst am 14. Ok­to­ber zu­rück, kurz vor dem EU-Gip­fel, bei dem Re­gie­rungs­chef John­son ei­nen neu­en De­al mit Brüs­sel ver­ein­ba­ren will.

Ge­lingt ihm die Ra­ti­fi­zie­rung ei­nes Ab­kom­mens nicht bis zum 19. Ok­to­ber, muss er laut No-No-De­al-Ge­setz, das am Mon­tag in Kraft ge­tre­ten ist, um ei­ne Ver­län­ge­rung der Schei­dungs­frist bit­ten. Der of­fi­zi­el­le Stich­tag ist der 31. Ok­to­ber. Doch trotz des Ge­set­zes, mit dem John­sons Geg­ner ei­nen un­ge­ord­ne­ten Br­ex­it fürs Ers­te ver­hin­dert ha­ben, be­steht der Pre­mier auf sein Ver­spre­chen, er wer­de kei­nes­falls ei­nen Auf­schub des Ter­mins be­an­tra­gen.

Ei­gent­lich for­dert John­son Neu­wah­len. Doch wie be­reits in der ver­gan­ge­nen Wo­che schei­ter­te er am Mon­tag aber­mals mit sei­nem An­trag. Die La­bour-Par­tei zeigt sich zwar grund­sätz­lich be­reit für ei­nen vor­zei­ti­gen Ur­nen­gang, will aber zu­erst si­cher­stel­len, dass der Pre­mier nicht doch noch ei­nen Aus­tritt oh­ne Ver­trag durch­setzt. Da­mit er­litt der Pre­mier seit sei­nem Amts­an­tritt be­reits die sechs­te Nie­der­la­ge – in sechs Ab­stim­mun­gen.

Eben­falls un­er­freu­lich dürf­te für Dow­ning Street ei­ne wei­te­re Ent­schei­dung sein. So ging als ei­ne der letz­ten Hand­lun­gen des Par­la­ments ein An­trag durch, nach dem die Re­gie­rung Do­ku­men­te zur Not­fall­pla­nung bei ei­nem un­ge­ord­ne­ten EU-Aus­tritt ver­öf­fent­li­chen muss. Ei­ni­ge De­tails sind be­reits be­kannt. So war­nen die Ver­fas­ser der Pa­pie­re et­wa vor ki­lo­me­ter­lan­gen Staus an den Hä­fen auf der In­sel wie auch vor ei­nem Man­gel an Me­di­ka­men­ten und Le­bens­mit­teln, soll­te es zu ei­ner Schei­dung oh­ne De­al kom­men. Bri­san­ter aber dürf­te die Auf­for­de­rung an John­sons Be­ra­ter sein, ih­re Kom­mu­ni­ka­ti­on zur Pla­nung der Su­s­pen­die­rung des Par­la­ments of­fen­zu­le­gen.

Im Fo­kus steht vor al­lem Do­mi­nic Cum­mings, der kon­tro­vers dis­ku­tier­te Chef­stra­te­ge in der Dow­ning Street, den Be­ob­ach­ter für den au­to­ri­tä­ren Füh­rungs­stil des Pre­miers ver­ant­wort­lich ma­chen. Wel­che Stra­te­gie ver­folgt der Lei­ter der Br­ex­it-Kam­pa­gne vor dem EU-Re­fe­ren­dum, der sich ger­ne als Ver­fech­ter des Volks­wil­lens sti­li­siert? Wür­de der Pre­mier wirk­lich das Ge­setz igno­rie­ren und ein Schlupf­loch fin­den, um das Land oh­ne Ab­kom­men aus der EU zu füh­ren? Sei­ne Kri­ti­ker dro­hen da­mit, den Streit dann vor Ge­richt aus­zu­fech­ten.

Oder aber John­son tritt zu­rück. Wer je­doch im An­schluss – die Kon­ser­va­ti­ven ha­ben ih­re Mehr­heit im Un­ter­haus ein­ge­büßt – ei­ne Re­gie­rung bil­den könn­te, ist frag­lich. Der alt­lin­ke La­bour-Chef Je­re­my Cor­byn ist um­strit­ten, nicht nur we­gen sei­ner un­kla­ren Br­ex­it-Po­si­ti­on. John­son dürf­te mit solch ei­nem ris­kan­ten Schritt auf schnel­le Neu­wah­len hof­fen. In Um­fra­gen liegt er vor sei­nem Wi­der­sa­cher, und mit sei­nem har­ten Kurs in Sa­chen EU-Aus­tritt will er sich die Stim­men der Br­ex­it-An­hän­ger si­chern, von de­nen die Hälf­te auf ei­nen No De­al be­steht, wie Stu­di­en zei­gen. Ein wei­te­res Vier­tel der Lea­veWäh­ler von 2016 wä­re im­mer­hin ein­ver­stan­den mit dem un­ge­re­gel­ten Aus­tritt. Soll­te John­son ent­ge­gen sei­nen Ver­spre­chen die Schei­dung auf­schie­ben, wür­de der Kon­ser­va­ti­ve et­li­che Un­ter­stüt­zer an die eu­ro­pa­feind­li­che Br­ex­itPar­tei un­ter Rechts­po­pu­list Ni­gel Fa­ra­ge ver­lie­ren, sagt der re­nom­mier­te Wahl­for­scher

„Es han­delt sich um ei­nen Akt exe­ku­ti­ver Er­mäch­ti­gung“John Ber­cow, bri­ti­scher Par­la­ments­prä­si­dent

„Bei ei­ner Auf­schie­bung könn­te Rechts­po­pu­list Fa­ra­ge pro­fi­tie­ren“John Cur­ti­ce, Wahl­for­scher

John Cur­ti­ce von der Uni­ver­si­tät Stra­th­cly­de.

Groß­bri­tan­ni­ens Be­völ­ke­rung bleibt tief ge­spal­ten. Und die Mei­nun­gen ha­ben sich in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten eher ver­här­tet als ge­än­dert. Laut Um­fra­gen wür­de bei ei­nem er­neu­ten Re­fe­ren­dum das pro-eu­ro­päi­sche La­ger ge­win­nen. Doch die­se leich­te Ver­schie­bung liegt dar­an, dass sich die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der jun­gen Men­schen, die 2016 noch nicht ihr Kreuz set­zen durf­ten, für den EU-Ver­bleib aus­spre­chen wür­den.

Ob John­son wirk­lich zu­rück­tritt, um so Neu­wah­len her­bei­zu­füh­ren, ist frag­lich. Der nä­her­lie­gen­de Weg aus der Sack­gas­se wä­re viel­mehr ei­ne Ei­ni­gung mit der EU. Hin­ter den Ku­lis­sen wird be­reits ge­mun­kelt, John­son könn­te das von sei­ner Vor­gän­ge­rin The­re­sa May aus­ge­han­del­te Ab­kom­men leicht ab­än­dern, um es dann dem Par­la­ment aber­mals vor­zu­le­gen. So wird spe­ku­liert, dass er den um­strit­te­nen Back­stop, die Ga­ran­tie­klau­sel für ei­ne of­fe­ne Gren­ze auf der iri­schen In­sel, auf Nord­ir­land be­schrän­ken wür­de. Die Fol­ge: Nicht zwi­schen der Re­pu­blik Ir­land und der Pro­vinz wür­den Wa­ren­kon­trol­len statt­fin­den, son­dern not­falls zwi­schen Nord­ir­land und Groß­bri­tan­ni­en.

Fo­to: dpa/Kirs­ty O’Con­nor

Wie ein Fels in der Bran­dung des Br­ex­it-Cha­os er­scheint der­zeit das bri­ti­sche Par­la­ment in Lon­don (hier der große Mit­tel­turm).

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