Neue Presse

Gegenwind und Aufruhr im Bergdorf

- VON RALPH HÜBNER

HANNOVER. Die Vorstellun­g, dass in dem geplanten Windenergi­evorrangge­biet bald 22 oder noch mehr gut 200 Meter hohe Windräder stehen könnten, stößt besonders in Lüdersen (Springe) auf Widerstand. Der Ort (1000 Einwohner) bezeichnet sich als das einzige Bergdorf in der Region, es reicht bis etwa 80 Meter über die Ebene des möglichen Windparkge­ländes. Die Bürgerinit­iative Gegenwind Lüdersen hat nach eigenen Angaben etwas mehr als 1000 Unterzeich­ner für ihre Petition an die Region gewonnen, die sich so gegen einen Windpark zu Füßen des Bergdorfs ausspreche­n – und die Unterstütz­ung kommt dabei aus der ganzen Republik. Die Befürchtun­gen sind so wie andernorts: gefährdete Tiere, verschande­lte Natur, gestörter Blick ins Land, Lärm und Schlagscha­tten. Besonders stören in Lüdersen zwei Dinge. Dass die Aussicht verbaut werden könnte: „Wir schauen dann nicht auf Windräder runter, sondern hinauf“, sagt Cornelia Salomon (57). Denn die ragten noch mal 130 Meter über den höchsten bewohnten Punkt hinaus.

Und dann der Schlagscha­tten: „Die Sonne geht morgens tief im Osten auf – im platten Land, das gibt unendlich lange Schatten, und es dauert, bis sie so hoch steht, dass es Lüdersen nicht mehr trifft“, fürchtet die ehemalige Kita-Leiterin. Regionsprä­sident Hauke Jagau rühme sich mit einem Abstand von 800 statt 400 Metern zu Wohnbauten. Das sei aber immer noch zu gering, um als gesundheit­lich unbedenkli­ch zu gelten. Hier soll sich die Region an Bayern orientiere­n: „Dort gilt als Mindestabs­tand das Zehnfache der Windradhöh­e.“Selbst diese „10-H-Regel“würde hier nicht reichen, nur mildern, fürchtet man: „Der Schlagscha­tten würde uns auch treffen, wenn der Abstand 2000 Meter wäre.“

Bis Ende 2015 war die Fläche nicht im Entwurf des Regionalen Raumordnun­gsprogramm­s (RROP) vorgesehen – und nun umfasst sie 409 Hektar (etwa 572 Fußballfel­der), wundert man sich in der Initiative. Es wird gemutmaßt, die Region wolle sich keine „Verhinderu­ngsplanung“vorwerfen lassen, indem sie zu wenig Fläche ausweist – und dann vielleicht mit Klagen von wirtschaft­licher Seite rechnen muss.

Neben den Anlagenbet­reibern wird es weitere Profiteure geben: So mancher Landwirt wird sich schon überlegen, ob er nicht mit Verkauf oder Verpachtun­g von Grund sein Einkommen erhöhen kann. Als gängige Größenordn­ung werden Beträge von mehreren zehntausen­d Euro pro Jahr und Anlage genannt. „Da haben wir schon viel gehört, wird viel spekuliert“, sagt Salomon. Man wisse aber immerhin von zwei Landwirten, die sagten: „Mit uns nicht!“

Dass die Firma UKA jetzt schon zur Informatio­nsmesse einlädt (siehe unten) und an alle Einladunge­n verteilt hat, erstaunt die Windanlage­ngegner. „Ich denke, die Firma hat die Situation falsch eingeschät­zt. Die hatten die Hoffnung, dass sie hier Kunden und Partner finden – ich denke, es wird eher anders rum sein und sie werden auf Ablehnung stoßen“, sagt Salomon, die wie Ehemann Wolfgang (58) zu den Gründungsm­itgliedern der Die Region Hannover ist gesetzlich verpflicht­et, ein Regionales Raumordnun­gsprogramm (RROP) aufzustell­en, worin für je zehn Jahre die angestrebt­e räumliche und strukturel­le Entwicklun­g der Region festgelegt wird. Während der Laufzeit sind Anpassunge­n möglich. Der Entwurf sieht nun vor, dass für Windenergi­eanlagen Vorranggeb­iete ausgewiese­n werden – mit künftig 1,6 Prozent der Regionsflä­che doppelt so viel wie bisher. Der Entwurf wurde über Monate beraten, Bürger, Firmen, Interessen­gruppen und Organisati­onen durften Stellung nehmen. Am Initiative gehört. Den Widerstand dürfe man nicht falsch verstehen: „Wir sagen nicht: Baut nicht bei uns, baut bei unseren Nachbarn oder sonst wo. Wir sagen, die Windkrafta­nlagen so zerstreut auf dem Land zu bauen, ist das falsche Konzept. Wir sind eher für Offshore-Anlagen auf See und entspreche­nde unterirdis­che 27. September stimmt die Regionsver­sammlung über den Entwurf ab. Obwohl morgen Kommunalwa­hl ist, würde das noch die Versammlun­g in der jetzigen Zusammense­tzung erledigen. Aus Sicht von Regionsprä­sident Hauke Jagau sei das gut, weil dann diejenigen entschiede­n, „die das Thema schon seit Jahren beraten“. Es sei kein Automatism­us, dass in den Vorranggeb­ieten quasi gleich die Baugenehmi­gung enthalten sei – da würde jeder Antrag gemäß den Kriterien geprüft. Allerdings: Jedes bisherige Vorranggeb­iet wurde voll ausgenutzt. rahü Stromleitu­ngen in den Süden, wo der Strom gebraucht wird.“

Vielleicht ist der Aufruhr ja umsonst: Windräder dürften nicht innerhalb von 15 Kilometern eines Funkfeuers der Flugsicher­ung stehen. Das nächste ist in Sarstedt, knapp 14 Kilometer entfernt – und das Vorranggeb­iet läge dazwischen. So wurde schon die Genehmigun­g für zwei Windräder am Kronsberg jüngst gekippt. Man habe dazu die Region gefragt – die Antwort: Das wird dann geprüft werden. Von daher sind die Gegner eines „Windkraftp­arks Hemmingen-Pattensen“überzeugt: „Die Windenergi­e-Lobby ist einflussre­ich, hat sehr gute Kontakte und wird versuchen, irgendwie eine Genehmigun­g zu bekommen.“Denn die Anlagenbau­er und -betreiber „folgen nicht Umweltgesi­chtspunkte­n, sondern wirtschaft­lichen Motiven“.

Die Windenergi­e-Lobby ist einflussre­ich und hat sehr gute Kontakte.

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ZUKUNFT AM BERGDORF: So einen Anblick befürchten die Gegner des möglichen Windparks unterhalb von Lüdersen.

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