WAR­UM SAGT MAN OHR­WURM?

Neue Presse - - BALANCE -

Ein Team um die bri­ti­sche Mu­sik­wis­sen­schaft­le­rin Kel­ly Ja­ku­bow­ski be­frag­te in ei­ner groß an­ge­leg­ten Stu­die 3000 Per­so­nen zu ih­ren Ohr­wür­mern. „Lie­der, die im Ge­dächt­nis hän­gen blei­ben, ha­ben of­fen­bar ein schnel­les Tem­po, ei­ne gän­gi­ge Me­lo­die so­wie un­ge­wöhn­li­che In­ter­val­le oder Wie­der­ho­lun­gen – so, wie wir sie am An­fang von ‚Smo­ke on the Wa­ter‘ oder im Re­frain von ‚Bad Ro­mance‘ hö­ren kön­nen“, er­klärt Ja­ku­bow­ski. Aus an­de­ren Stu­di­en wuss­te sie be­reits: Lie­der, die gera­de oft im Ra­dio lau­fen, ent­wi­ckeln sich häu­fi­ger zu Ohr­wür­mern. In der Stu­die lan­de­te La­dy Ga­gas „Bad Ro­mance“auf Platz eins der meist­ge­nann­ten „sti­cky me­lo­dies“– der Song von 2009 war im Zei­t­raum der Be­fra­gung gera­de ak­tu­ell.

Da­durch ist der Me­cha­nis­mus ma­gi­scher Me­lo­di­en aber noch nicht ent­schlüs­selt. Leich­ter tut sich die Wis­sen­schaft da­mit, das Phä­no­men zu be­schrei­ben. Ohr­wür­mer sind näm­lich „un­er­wünsch­tes mu­si­ka­li­sches Ge­dächt­nis“, sagt Eck­art Altenmüller, Lei­ter des In­sti­tuts für Mu­sik­phy­sio­lo­gie und Mu­si­ker-me­di­zin an der Mu­sik­hoch­schu­le Han­no­ver. Ver­satz­stü­cke von Me­lo­di­en pop­pen plötz­lich aus dem Ge­dächt­nis auf. „Aus­lö­ser kann ei­ne As­so­zia­ti­on sein, vi­el­leicht ein Ge­ruch oder ein Klang“, er­klärt der Neu­ro­lo­ge. Vi­el­leicht hat je­man­dal­so­so­fort„last Christ­mas“im Ohr,

so­bald er Glüh­wein- So viel vor­ab: Mit dem Bild ei­nes Wurms, der sich durch das Ohr bis ins Ge­hirn win­det, hat der mu­si­ka­li­sche Ohr­wurm nichts zu tun. Wohl aber wur­de einst, ge­nau­er ge­sagt bis in die Neu­zeit, der ge­mei­ne Ohr­wurm (auch Oh­renknei­fer) zur Be­hand­lung von Ge­hö­r­er­kran­kun­gen und Taub­heit ein­ge­setzt. Al­ler­dings wur­de das bis zu 20 Mil­li­me­ter lan­ge In­sekt mit den Kn­eif­werk­zeu­gen da­zu nicht le­ben­dig ins Ohr ge­setzt, son­dern vor­ab zu Pul­ver ver­ar­bei­tet. Heu­te ist die­se Heil­me­tho­de aus der Mo­de, das Bild des durch die Ge­hör­gän­ge krie­chen­den Oh­renknei­fers hält sich aber hart­nä­ckig und hat sich, of­fen­bar weil es so pas­send scheint, auf die Mu­sik über­tra­gen.

duft wit­tert. „Das Hirn­are­al, das Me­lo­di­en spei­chert, ak­ti­viert dann auch den Be­reich, der für das Sin­gen zu­stän­dig ist. Das führt da­zu, dass man in­ner­lich mit­singt und sich selbst zu­hört. Das löst wie­der den Im­puls aus mit­zu­sin­gen. Man singt sich al­so stän­dig et­was vor und ge­rät da­durch in ei­ne End­los­schlei­fe.“

Be­son­ders an­fäl­lig für Ohr­wür­mer sind wir dann, wenn das Ge­hirn im Leerlauf ist – et­wa beim Jog­gen, Zwie­bel­schnei­den oder Staub­sau­gen. Dann näm­lich setzt das so­ge­nann­te „Mind-wan­de­ring“ein. „Das Glei­che pas­siert auch dann, wenn wir über­for­dert sind“, sagt Mu­sik­wis­sen­schaft­ler Hem­ming. Of­fen­bar dient das „Mind­wan­de­ring“dem Ge­hirn al­so da­zu, sei­ne Ak­ti­vi­tät auf ein an­ge­neh­mes mitt­le­res Ni­veau zu brin­gen. Um Ohr­wür­mer zu ver­trei­ben, emp­fiehlt Hem­ming, sich auf et­was an­de­res zu kon­zen­trie­ren: auf die Steu­er­er­klä­rung et­wa. Man kann auch ver­su­chen, ei­ne Me­lo­die mit ei­ner an­de­ren zu ver­trei­ben – am bes­ten mit ei­nem Lied, das ei­nem eher gleich­gül­tig ist, rät Altenmüller: vi­el­leicht mit emo­tio­nal nicht so über­frach­te­ten Kin­der­lie­dern. Manch­mal ver­stum­men die in­ne­ren Quäl­geis­ter aber auch, wenn man ein Stück kom­plett hört: Un­voll­stän­di­ges bleibt näm­lich be­son­ders lan­ge im Ge­dächt­nis. „An­sons­ten hilft auch Kau­gum­mikau­en“, meint Altenmüller. Da­durch wird näm­lich die Mus­ku­la­tur, die für das Sin­gen zu­stän­dig ist, be­schäf­tigt und so­mit die End­los­schlei­fe ge­stoppt. Al­ler­dings tut man den sin­gen­den Zwer­gen oft un­recht. Bei Um­fra­gen hat sich er­ge­ben, dass ihr Trei­ben we­ni­ger An­stoß er­regt als an­ge­nom­men. „Zwei Drit­tel der Ohr­wür­mer hat man oh­ne­hin von Mu­sik, die man mag“, sagt Hem­ming.

Psy­cho­ana­ly­ti­ker glau­ben zu­dem, dass die klei­nen Männ­chen im Ohr im Auf­trag

des Un­be­wuss­ten ar­bei­ten. Die End­los­me­lo­di­en ste­hen dem­nach für ver­dräng­te Wün­sche. Wer­den die­se er­füllt, herrscht Ru­he im Kopf. Der Hei­del­ber­ger Psych­ia­ter Cor­ne­li­us Eckert be­schrieb vor Jah­ren ei­nen ty­pi­schen Fall: Ein 28-Jäh­ri­ger fuhr erst­mals oh­ne sei­ne El­tern in den Ur­laub. Dort wur­de er so stark von ei­nem Ohr­wurm ge­quält, dass er sich ge­nö­tigt sah, zu­rück­zu­fah­ren. Und zwar hat­te er stän­dig den Schla­ger „Ach wärst du doch in Düsseldorf ge­blie­ben“im Kopf. Das Lied stand an­geb­lich für das star­ke Heim­weh des Man­nes.

Tröst­lich ist im­mer­hin, dass Ohr­wür­mer ei­ne nor­ma­le All­tags­er­schei­nung sind. „Nur in sehr sel­te­nen Fäl­len ist das krank­haft“, sagt Altenmüller. So kann es bei Men­schen, die er­taubt sind, vor­kom­men, dass das Ge­hirn selbst neue Me­lo­di­en pro­du­ziert. „Da­ne­ben gibt es auch akus­ti­sche Hal­lu­zi­na­tio­nen“, be­rich­tet der Neu­ro­lo­ge – et­wa bei De­menz oder Schi­zo­phre­nie. Be­rühm­tes­tes Bei­spiel für sol­che „pa­tho­lo­gi­schen Ohr­wür­mer“ist Ro­bert Schu­mann, der an­geb­lich nachts von Geis­tern Mu­sik ein­ge­flüs­tert be­kam.

Men­schen, die viel Mu­sik hö­ren und bei de­nen sie star­ke Ge­füh­le aus­löst, ha­ben öf­ter Me­lo­di­en im Kopf als an­de­re. „Auch Leu­te, die nah am Was­ser ge­baut sind und ei­ne nied­ri­ge Reiz­schwel­le ha­ben, nei­gen be­son­ders da­zu“, sagt Altenmüller. Da­her ist für ihn klar, dass wir uns Lie­der, die uns auf­wüh­len, be­son­ders gut ein­prä­gen. Das gilt auch gera­de für ne­ga­ti­ve Emo­tio­nen. Im Film „Sturz ins Lee­re“er­zählt der Berg­stei­ger Joe Simpson, wie er sich schwer ver­wun­det zum Ba­sis­la­ger zu­rück­kämpf­te und hal­lu­zi­nier­te. Aus­ge­rech­net ein Schla­ger von Bo­ney M, die er hass­te, dröhn­te ihm im­mer­zu im Kopf: „Brown girl in the ring tra la la la la“. Das weck­te sei­ne Le­bens­geis­ter: Zu Bo­ney M woll­te er nicht ster­ben. Vi­el­leicht hat ihm sein Zwer­gen­chor am En­de das Le­ben ge­ret­tet.

Ohr­wür­mer sind un­er­wünsch­tes mu­si­ka­li­sches Ge­dächt­nis. ECK­ART ALTENMÜLLER, Neu­ro­lo­ge

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