Hartz IV oh­ne Schre­cken

DGB legt Kon­zept für Re­form vor

Neue Presse - - NACHRICHTEN - VON RAS­MUS BUCH­STEI­NER

BER­LIN. „Wir wer­den Hartz IV hin­ter uns las­sen“, hat­te Andrea Nah­les An­fang No­vem­ber bei ei­nem De­bat­ten­camp ih­rer Par­tei an­ge­kün­digt. Doch wie? Die SPDChe­fin blieb va­ge. Ne­bu­lös kün­dig­te sie ein „Bür­ger­geld“als neue Grund­si­che­rung, Zu­schüs­se zu So­zi­al­ab­ga­ben und den weit­ge­hen­den Weg­fall von Sank­tio­nen an. Ein De­tail­kon­zept blieb sie schul­dig. Wenn der Par­tei­vor­stand der SPD am nächs­ten Frei­tag zu sei­ner Klau­sur­ta­gung zu­sam­men­kommt, wird die Zu­kunft von Hartz IV ein zen­tra­les The­ma sein. Auf der Gäs­te­lis­te steht der Na­me ei­nes Man­nes, der da­ge­gen kämpft, das Sys­tem völ­lig in Fra­ge zu stel­len: Detlef Schee­le, der Chef der Bun­des­agen­tur für Ar­beit.

Der Mann ist So­zi­al­de­mo­krat und war frü­her So­zi­al­se­na­tor in Ham­burg. Als Chef der Bun­des­agen­tur für Ar­beit trägt er Ver­ant­wor­tung für zehn­tau­sen­de Job­cen­ter-mit­ar­bei­ter und re­gis­triert de­ren Ve­r­un­si­che­rung an­ge­sichts der nicht nur von der SPD, son­dern auch von den Grü­nen be­feu­er­ten De­bat­te über die Ab­schaf­fung von Hartz IV.

Für den Auf­tritt bei der Spd-klau­sur hat Ba-chef Schee­le ei­nen Tag Ur­laub ge­nom­men – wohl vor al­lem, um sei­nen Ge­nos­sen ins Ge­wis­sen zu re­den. „Drang­sa­lie­ren, das fin­det in den Job­cen­tern nicht statt“, hat­te er sich kürz­lich zu Wort ge­mel­det und ei­ner völ­li­gen Ab­schaf­fung der Sank­tio­nen bei Hartz IV ei­ne Ab­sa­ge er­teilt. Nicht oh­ne Wir­kung. Man­cher in der Spd-füh­rung zwei­felt be­reits, ob es tat­säch­lich klug wä­re, die schrö­der­schen Ar­beits­markt­re­for­men kom­plett ab­zu­wi­ckeln. Doch der Druck aus den Lan­des­ver­bän­den ist er­heb­lich.

In die­se lau­fen­de De­bat­te hin­ein plat­zie­ren die Ge­werk­schaf­ten nun ein neu­es Re­form­kon­zept. Be­mer­kens­wert: Das Elf-sei­ten­pa­pier des Deut­schen Ge­werk­schafts­bun­des (DGB), das dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land (RND) vor­liegt, sieht kei­nes­falls die Ab­schaf­fung von Hartz IV vor, 1,6 Mil­lio­nen Men­schen sol­len je­doch dau­er­haft aus dem Sys­tem her­aus­ge­holt wer­den. Zu den mög­li­chen Kos­ten der Re­form gibt es in dem Pa­pier kei­ne An­ga­ben.

Zen­tra­les Ziel des DGB ist es, Ab­stiegs­ängs­te zu neh­men. Un­ter an­de­rem wird ei­ne deut­lich ver­län­ger­te Be­zugs­dau­er beim Ar­beits­lo­sen­geld I ge­for­dert – auf bis zu 34 Mo­na­te. „Das Hartz-iv-sys­tem wür­de sei­nen Schre­cken ver­lie­ren, und die so­zi­al­staat­li­chen Auf­fang­ver­spre­chen so­wie die Ver­bes­se­run­gen bei den vor­ge­la­ger­ten Si­che­rungs­sys­te­men wür­den die Ängs­te vie­ler Men­schen vor so­zia­lem Ab­stieg deut­lich mi­ni­mie­ren“, ar­gu­men­tie­ren die Ge­werk­schaf­ten.

Ar­beit­neh­mer mit min­des­tens zehn Be­schäf­ti­gungs­jah­ren sol­len laut dem Re­form­vor­schlag län­ger Ar­beits­lo­sen­geld I be­zie­hen – für je zwei Jah­re im Job wür­de dem­nach ein zu­sätz­li­cher Leis­tungs­mo­nat ge­währt. „Wer bei­spiels­wei­se ins­ge­samt 20 Jah­re so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig ge­ar­bei­tet hat, be­kä­me bis zu zehn Mo­na­te län­ger Ar­beits­lo­sen­geld“, heißt es in dem Pa­pier. Un­ter 50-Jäh­ri­ge er­hal­ten nach jet­zi­ger Rechts­la­ge Ar­beits­lo­sen­geld I höchs­tens für ein Jahr, über 50-Jäh­ri­ge ge­staf­felt nach dem Al­ter bis zu zwei Jah­re. Ex­per­ten war­nen je­doch, ei­ne ver­län­ger­te Be­zugs­dau­er kön­ne ein An­reiz sein, frü­her aus dem ak­ti­ven Be­rufs­le­ben aus­zu­stei­gen.

Geht es nach dem DGB, soll künf­tig kein Voll­zeit-be­schäf­tig­ter mehr auf die Grund­si­che­rung an­ge­wie­sen sein, nur weil er oder sie Kin­der hat. Da­zu wird ei­ne mas­si­ve Auf­sto­ckung von Wohn­geld und Kin­der­zu­schlag vor­ge­schla­gen. Zu­dem sol­len der Re­gel­satz von ak­tu­ell mo­nat­lich bis zu 416 Eu­ro neu be­rech­net und ein Recht auf Wei­ter­bil­dung so­wie ei­nen ge­för­der­ten Ar­beits­platz ein­ge­führt wer­den. Das be­ste­hen­de „Sank­ti­ons­re­gime“bei Hartz IV müs­se über­wun­den wer­den.

Der Vor­stoß des Deut­schen Ge­werk­schafts­bun­des ist in­so­fern be­mer­kens­wert, weil des­sen Po­si­tio­nen zu­letzt im­mer wie­der mehr oder we­ni­ger di­rekt zu Spd­po­li­tik ge­wor­den wa­ren – et­wa in der Ren­ten­po­li­tik. Folgt Nah­les nun den Dg­büber­le­gun­gen und er­klärt sie kur­zer­hand zur Blau­pau­se für ei­ne Hartz-iv-re­form? Bun­des­agen­tur-chef Schee­le dürf­te bei dem Ge­dan­ken schwin­de­lig wer­den.

Fo­to: dpa

GAST­RED­NER: Detlef Schee­le, Chef der Bun­des­agen­tur für Ar­beit (BA), will auf der Spd-klau­sur­ta­gung die Ge­nos­sen über­zeu­gen, Hartz IV nicht völ­lig in Fra­ge zu stel­len.

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