Der wü­ten­de West­deut­sche

Zwi­schen Her­ren­witz und Lob der De­mo­kra­tie: Die­ter Nuhr scherzt in der Swiss­li­fe­hall

Neue Presse - - Kultur - VON KAI SCHIERING

HAN­NO­VER. Mit ei­nem „Schnüpf­chen“ist Die­ter Nuhr in Han­no­ver auf­ge­schla­gen, sagt er, und vi­el­leicht sei es auch sein letz­ter Auf­tritt in der Lan­des­haupt­stadt. Huch, da er­schre­cken sich gut 3800 Zu­schau­er in der Swiss-li­fe-hall. Doch die Ent­war­nung folgt – das letz­te Mal „in der Kanz­ler­schaft von Mer­kel“.

„Nuhr hier, nur heu­te“, sein ak­tu­el­les Pro­gramm, ist zeit­ge­mäß be­stückt: Fe­in­staub-pa­ra­noia und „Pe­gi­da“-blöd­sinn, Afd-töl­pel und die Me­di­en, den Fuß­ball will er in Han­no­ver lie­ber nicht er­wäh­nen, als ge­bür­ti­ger Düs­sel­dor­fer und le­bens­lan­ger Fortu­na-fan. Rich­tig schlau wird man aus Nuhr nicht, zu zwie­späl­tig ist sein Wit­ze-ka­non. Geht es et­wa um Ge­schäf­te mit Ma­rok­ka­nern und Weiß­rus­sen, spricht er von „de­nen da un­ten“. Dann preist er die „Kom­pro­miss-pflicht“ei­ner Ge­sell­schaft, die ei­ne De­mo­kra­tie erst aus­ma­che.

Dann wie­der be­schimpft er die Me­di­en als „Ursache der Un­zu­frie­den­heit der Bür­ger“, denn „Ka­ta­stro­phen brin­gen Auf­la­ge und Klicks“. Ver­all­ge­mei­ne­run­gen und Ge­ne­ral­ver­däch­ti­gun­gen, da be­stä­ti­gen sich Vor­ur­tei­le, nie­mand be­kommt ei­ne zwei­te Chan­ce. Die Deut­sche Um­welt­hil­fe pran­gert er an, de­ren „Fe­in­staub-ver­bis­sen­heit“lie­ßen die sich gut be­zah­len. Hips­ter in Sze­ne­vier­teln ver­spot­tet er selbst­ver­ständ­lich auch.

Die­ter Nuhr ist ein wü­ten­der West­deut­scher. Er kämpft in je­de Rich­tung. Sei­ne Gen­derJo­kes sind Wit­ze über bär­ti­ge Frau­en: „Wo gibt es hier Frau­en mit Bart? In Cel­le, ha­be ich mir sa­gen las­sen.“Da kreischt der Han­no­ve­ra­ner, und der Cel­len­ser wun­dert sich. Die Bur­ka ist „ein Sack mit Sieb“, und na­tür­lich sei es je­dem selbst über­las­sen, sie zu tra­gen oder nicht – nur die Häss­li­chen müss­ten da­zu ver­pflich­tet wer­den.

Auf der an­de­ren Sei­te „möch­te er da­von nicht be­hel­ligt wer­den!“Selbst wenn sich je­mand da­bei auf den „lie­ben Gott“be­ru­fen soll­te. Der Bur­ka­ta­del kommt mit kru­den Re­li­gi­ons­ver­glei­chen, ob­wohl er doch ei­gent­lich „Ideo­lo­gen, Po­pu­lis­ten und Heils­pre­di­ger“ab­mah­nen will.

„Es gab frü­her ei­ne Stra­fe, die hieß Haus­ar­rest“– jetzt knöpft er sich die „di­cken Kin­der“vor, doch das exis­tie­ren­de Mob­bing-pro­blem an den Schu­len schätzt er kom­plett falsch ein. Da kann man nicht ein­fach Er­fah­run­gen aus den 70er-jah­ren mit heu­ti­gen Atta­cken in den Netz­wer­ken ver­glei­chen.

Die­ter Nuhr fei­ert sein 30jäh­ri­ges Büh­nen­ju­bi­lä­um, einst war er Grün­dungs­mit­glied der Grü­nen, hat sie aber ver­las­sen, als die sich in Gr­a­ben­kämp­fen zwi­schen Rea­los und Fun­dis ver­strick­ten. Manch­mal stam­melt und stot­tert er, über­schlägt sich stimm­lich, aus ge­spiel­ter Un­gläu­big­keit oder um Po­in­ten un­ter Span­nung zu set­zen, sei­ne Dy­na­mik ist pro­fes­sio­nell.

Nuhr be­harrt auf sei­ner per­sön­li­chen Frei­heit und sei­nem „Recht auf Un­ver­nunft“. Denn „der Staat ist nicht die Mut­ter al­ler Bür­ger!“Das Pu­bli­kum ist bei ihm und lacht und klatscht be­geis­tert. Nach zwei St­un­den en­det Nuhrs Ein-mann-show mit ei­nem recht­fer­ti­gen­den Hin­weis: „Wit­ze sind im­mer re­spekt­los.“★★★★★

Fo­to: Ka­trin Kut­ter

ER HAT SEI­NEN SPASS: Die­ter Nuhr scherzt in der Swiss-li­fe-hall.

Fo­to: Jauk

SPEK­TA­KU­LÄR: Sze­ne aus Kay Vo­ges’ „Ai­da“-ins­ze­nie­rung.

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