Kin­der in die Kü­che!

Um Kin­dern zu zei­gen, was ge­sun­des Es­sen ist, kön­nen sie gar nicht früh ge­nug das Ko­chen ler­nen

Neue Presse - - Familie - VON BIRK GRÜ­LING

Kar­tof­feln, ro­te Pa­pri­ka, Möh­ren – der Ge­mü­se­korb ist rand­voll. „Heu­te müs­sen wir ganz viel schnip­peln. Es gibt Ofen­ge­mü­se“, sagt Er­zie­he­rin Ute Die­ber. Ih­re An­kün­di­gung sorgt bei den fünf Kin­dern am Tisch für Be­geis­te­rung. Vor ih­nen lie­gen Kü­chen­mes­ser und Schä­ler. Ge­mein­sa­mes Ko­chen ge­hört im Bau­ern­hof­kin­der­gar­ten Wil­kens­hoff in Hol­len­stedt bei Ham­burg zum All­tag. Lie­fern in vie­len an­de­ren Ki­tas Ca­te­rer auf­ge­wärm­tes Es­sen, wird hier täg­lich frisch ge­kocht.

Ihr Früh­stück be­rei­ten die Kin­der so­gar selbst zu, mah­len Ge­trei­de für das Müs­li oder ba­cken Bröt­chen. Ein­mal pro Wo­che ko­chen Er­zie­her und Kin­der auch das Mit­tag­es­sen, oft mit hof­ei­ge­nen Pro­duk­ten. di­cke Kar­tof­fel­schei­ben schnei­den. Rou­ti­niert glei­ten die klei­nen Mes­ser über die Holz­bret­ter. Die­ber schaut ent­spannt zu, ver­teilt neu­es Ge­mü­se und er­in­nert dar­an, dass im Tun­nel der halb ge­schlos­se­nen Hand ge­schnit­ten wird. So rut­schen die Fin­ger nicht zwi­schen Mes­ser und Ge­mü­se. Das al­les ge­hört zum päd­ago­gi­schen Kon­zept des Bau­ern­hof­kin­der­gar­tens. „In un­se­rer Ge­sell­schaft geht das Ge­fühl für ge­sun­de Le­bens­mit­tel und fürs Ko­chen ver­lo­ren. Wir le­gen gro­ßen Wert dar­auf, dass die Kin­der er­le­ben, wo­her das Es­sen auf un­se­rem Tel­ler stammt“, er­klärt Die­ber. Des­halb ste­hen die Kin­der nicht nur in der Kü­che, son­dern hel­fen auch bei Aus­saat und Ern­te. gen ak­tu­el­le Zah­len des Ro­bert-koch-in­sti­tuts. Et­wa je­des sieb­te Kind zwi­schen drei und 17 Jah­ren ist zu dick. Ne­ben Be­we­gungs­man­gel ma­chen Ex­per­ten da­für zu fet­ti­ge und stark zu­cker­hal­ti­ge Le­bens­mit­tel ver­ant­wort­lich. Weil sich im­mer we­ni­ger Kin­der mit Le­bens­mit­teln und aus­ge­wo­ge­ner Er­näh­rung aus­ken­nen, weil im­mer we­ni­ger Fa­mi­li­en zu Hau­se frisch ko­chen, for­dern Ge­sund­heits­ex­per­ten mehr Er­näh­rungs­bil­dung in Ki­tas und Schu­len. Ge­nau das ist das Ziel des Pro­jekts „Ich kann ko­chen!“der Sa­rah­wie­ner-stif­tung und der Bar­mer-kran­ken­kas­se.

Päd­ago­gen wer­den in ein­tä­gi­gen Work­shops zu Ge­nuss­bot­schaf­tern aus­ge­bil­det und sol­len da­nach ei­ge­ne Koch­pro­jek­te um­set­zen. Die Hoff­nung: So er­reicht man auch Kin­der, bei de­nen zu Hau­se Ko­chen oder ei­ne ge­sun­de Er­näh­rung kaum ei­ne Rol­le spie­len.

Neun neue Ge­nuss­bot­schaf­te­rin­nen will Trai­ne­rin Le­na Thy­ra Mey­er an die­sem für das Ko­chen mit Kin­dern be­geis­tern. Nach ei­ni­gen Theo­rie­ein­hei­ten, geht es in die Lehr­kü­che. Als Vor­spei­se gibt es Sa­lat mit Cham­pi­gnons und Oran­gen, Kar­tof­feln mit selbst ge­mach­tem Ketch­up so­wie Ge­mü­se­brat­lin­ge als Haupt­gang und Frucht-va­nil­le­quark zum Nach­tisch. Das klingt nicht nur ziem­lich ge­sund, son­dern auch ganz schön auf­wen­dig. Doch Mey­er gibt Ent­war­nung. „Wir er­war­ten we­der aus­ge­bil­de­te Kö­che in der Ki­ta noch auf­wen­di­ge Drei­gän­ge-me­nüs. Im Prin­zip braucht es nicht ein­mal ei­ne Kü­che, um Kin­der spie­le­risch für Le­bens­mit­tel und ih­re Zu­be­rei­tung zu be­geis­tern“, sagt sie. Ein Bei­spiel da­für ist das But­ter­schüt­teln. Im fest ver­schraub­ten Glas wird fri­sche Sah­ne so lan­ge ge­schüt­telt, bis sie zu But­ter wird. Kin­der lie­ben die­se Auf­ga­be. Spä­ter kann die But­ter noch mit Kräu­tern ver­fei­nert und auf Bro­te ge­schmiert wer­den. Auch Le­bens­mit­tel­erfah­run­gen hält Mey­er für wich­tig. „Ge­mein­sam mit den Kin­dern kann man den Wo­chen­markt oder die Ge­mü­se­ab­tei­lung im Su­per­markt be­su­chen“, sagt sie. Im Bau­ern­hof­kin­der­gar­ten Wil­kens­hoff hat Ute Die­ber den Back­ofen im Blick, aus dem ein köst­li­cher Ge­ruch von fri­schen Kräu­tern und ge­ba­cke­nen Kar­tof­feln strömt. Die letz­ten Schrit­te des Ta­ges über­nimmt die Er­zie­he­rin heu­te selbst. Die Kü­che auf­räu­men, die klei­nen Ti­sche de­cken, gro­ße Schüs­seln mit Ofen­ge­mü­se fül­len.

Um 13 Uhr ste­hen die Kin­der mit knur­ren­dem Ma­gen vor der Tür – die ei­nen ha­ben Hun­ger vom To­ben, die an­de­ren vom Ge­mü­se­schnei­den.

Fo­to: Aleksan­dar Nakic/is­tock­pho­to

FRÜH ÜBT SICH: Kin­der kön­nen mehr, als man ih­nen manch­mal zu­traut – und sind froh, wenn sie beim Ko­chen mit­hel­fen kön­nen. Da­bei ler­nen sie fürs Le­ben.

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