Si­cher­heit für trau­ma­ti­sier­te Kin­der

Seit 20 Jah­ren hilft die Or­ga­ni­sa­ti­on War Child Kin­dern in Kri­sen­re­gio­nen – neu­er­dings auch in Deutsch­land. Die Initia­to­rin­nen Ly­dia Slei­fir und Dan­nie Qui­litzsch spre­chen über ih­re Zie­le

Neue Presse - - Ratgeber - VON BIRK GRÜLING

War Child hat sich die see­li­sche Ge­sund­heit von Kin­dern auf die Fah­nen ge­schrie­ben. War­um ist die­ser Schwer­punkt so wich­tig? Ly­dia Slei­fir: Bei Hilfs­pro­jek­ten in den Kri­sen­re­gio­nen die­ser Er­de den­ken wir schnell an Nah­rung, medizinisc­he Ver­sor­gung, ein Dach über den Kopf und Si­cher­heit. Die schnel­le Erst­ver­sor­gung ist auch sehr wich­tig. Lei­der ha­ben wir uns viel zu lan­ge nicht da­mit be­schäf­tigt, was da­nach kommt und wie es den Kin­dern in Flücht­lings­camps und Bür­ger­kriegs­re­gio­nen lang­fris­tig geht. Dan­nie Qui­litzsch: Zum Glück spricht sich die Not­wen­dig­keit ei­ner psy­cho­so­zia­len Un­ter­stüt­zung für trau­ma­ti­sier­te Kin­der lang­sam her­um – so­wohl bei den Ver­ant­wort­li­chen vor Ort als auch bei an­de­ren Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen. Wenn wir kei­ne neu­en Per­spek­ti­ven für sie schaf­fen, lässt sich die Ge­walt­spi­ra­le nicht durch­bre­chen. Wenn ih­nen ei­ne Zu­kunft fehlt, bleibt ih­nen kaum et­was an­de­res, als ih­re Wut raus­zu­las­sen. Und das be­feu­ert neue Kon­flik­te. See­li­sche Ge­sund­heit ist aus mei­ner Sicht ein wich­ti­ger Schlüs­sel für ei­ne fried­li­che­re Welt. War Child setzt sich seit über 20 Jah­ren für Kin­der und Ju­gend­li­che aus Kri­sen­ge­bie­ten ein und hilft ih­nen, ei­ne fried­li­che Zu­kunft auf­zu­bau­en. Der Fo­kus liegt auf Kin­der­schutz, Bil­dungs­an­ge­bo­ten und psy­cho­so­zia­ler Un­ter­stüt­zung. Ge­grün­det wur­de die Or­ga­ni­sa­ti­on 1995 von der Frie­dens­ak­ti­vis­tin Wil­le­mi­jn Ver­loop in den Nie­der­lan­den und von den Fil­me­ma­chern Bill Lee­son und Da­vid Wil­son in En­g­land. War Child un­ter­hält heu­te Bü­ros in den Nie­der­lan­den, Schwe­den, Nord­ame­ri­ka und Groß­bri­tan­ni­en. Deutsch­land ist die jüngs­te Sek­ti­on.

Wie se­hen Ih­re Pro­jek­te kon­kret aus? Ly­dia Slei­fir: Im Li­ba­non bie­ten wir zum Bei­spiel in gro­ßen Flücht­lings­camps Ge­sprächs­krei­se für Kin­der an. Ein­mal pro Wo­che kom­men sie zu­sam­men und dür­fen of­fen über ih­re Sor­gen und Ängs­te spre­chen und ein­fach Kind sein. Vie­le von ih­nen ha­ben schlim­me Er­fah­run­gen in ih­rem noch jun­gen Le­ben ge­macht – zum Bei­spiel den Ver­lust von El­tern oder Ge­schwis­tern. Des­halb ist es wich­tig, ih­nen ei­nen si­che­ren Raum zu ge­ben und über Emo­tio­nen oder den Um­gang mit Kon­flik­ten zu spre­chen. Gleich­zei­tig bie­ten wir ge­mein­sa­me Ak­ti­vi­tä­ten wie Fuß­ball oder Tan­zen. Dar­über fin­den sie neue Freun­de oder ler­nen Ge­füh­le aus­zu­drü­cken. Für die Ar­beit mit den Kin­dern und Ju­gend­li­chen schu­len wir Be­treu­er und Psy­cho­lo­gen vor Ort. Dan­nie Qui­litzsch: Mir als Psy­cho­lo­gin ist be­son­ders wich­tig, dass wir bei al­len Pro­jek­ten eng mit For­schern zu­sam­men­ar­bei­ten und so die Wirk­sam­keit un­se­rer An­sät­ze über­prü­fen. Das schafft zu­sätz­li­ches Ver­trau­en bei unseren Part­nern und ist ein wich­ti­ges Ar­gu­ment für un­se­re Ar­beit. Ich hof­fe, dass wir auch in Deutsch­land noch stär­ker auf das The­ma see­li­sche Ge­sund­heit von Kin­dern auf­merk­sam ma­chen kön­nen. Im­mer­hin gibt nicht nur in den Kri­sen­re­gio­nen die­ser Welt trau­ma­ti­sier­te Kin­der.

Auch in Deutsch­land le­ben vie­le Kin­der mit Fluch­ter­fah­run­gen. Gleich­zei­tig herrscht bei vielen So­zi­al­ar­bei­tern und Lehr­kräf­ten Un­si­cher­heit dar­über, wie sie da­mit um­ge­hen sol­len. Wird das auch ein Teil der Ar­beit von War Child Deutsch­land? Ly­dia Slei­fir stu­dier­te An­thro­po­lo­gie und hat mehr­jäh­ri­ge Er­fah­run­gen in der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit, un­ter an­de­rem war sie meh­re­re Jah­re bei Plan In­ter­na­tio­nal e. V. für Afri­ka zu­stän­dig.

Dan­nie Qui­litzsch ist stu­dier­te Di­plom-psy­cho­lo­gin, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wir­tin und sys­te­misch-in­te­gra­ti­ve The­ra­peu­tin. Sie hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren selbst Hilfs­pro­jek­te ge­grün­det. Dan­nie Qui­litzsch: Wir ste­hen vor ei­ner gro­ßen Her­aus­for­de­rung. Aus der Erst­auf­nah­me soll ge­sell­schaft­li­ches Mit­ein­an­der wer­den. Da­bei ist die psy­cho­so­zia­le Be­glei­tung der ge­flüch­te­ten Kin­der ein wich­ti­ger Baustein. Ne­ben der Auf­klä­rung über psy­chi­sche Fol­gen von Flucht und Ver­trei­bung und dem Um­gang mit psy­chi­schen Pro­ble­men bei Kin­dern sol­len wir vor al­lem pro­ak­tiv ar­bei­ten – zum Bei­spiel, in­dem wir Brü­cken schaf­fen und Be­geg­nun­gen von jun­gen Men­schen er­mög­li­chen. Ein gu­ter Weg da­zu ist spie­le­ri­sches Ler­nen und Aus­druck von Emo­tio­nen wie Angst oder Zu­nei­gung, zum Bei­spiel durch Kunst, Mu­sik oder Tanz. Ly­dia Slei­fir: Ne­ben der di­rek­ten Ar­beit mit Kin­dern hat War Child in Schwe­den und den Nie­der­lan­den vie­le gu­te Er­fah­run­gen mit der Fort­bil­dung von Lehr­kräf­ten und Päd­ago­gen ge­sam­melt. Dar­auf wol­len wir zu­rück­grei­fen und pas­sen im Mo­ment be­ste­hen­de Kurs­kon­zep­te für das deut­sche Schul­sys­tem an.

Sie ha­ben Künst­ler wie Re­vol­ver­held oder Se­lig für Ih­re Idee ge­win­nen kön­nen. Wel­che Rol­le spie­len sie für Ih­re Ar­beit? Dan­nie Qui­litzsch: Un­se­re Un­ter­stüt­zer sind sehr über­zeugt von War Child und wol­len ih­re Pro­mi­nenz nut­zen, um für un­se­re Ar­beit zu wer­ben. Ge­plant sind Be­ne­fiz­kon­zer­te und ähn­li­ches. Gleich­zei­tig wol­len sie sich auch in­halt­lich ein­brin­gen. Mit Re­vol­ver­held spre­chen wir ge­ra­de über mu­si­ka­li­sche Work­shop-kon­zep­te für Kin­der und Ju­gend­li­che. Au­ßer­dem wer­den wir mit der Band im Sep­tem­ber in den Li­ba­non rei­sen und dort ei­ni­ge un­se­rer Pro­jek­te be­su­chen.

Es gibt un­zäh­li­ge Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen, die um Auf­merk­sam­keit und auch um Spen­der wer­ben. Wie groß ist die Kon­kur­renz für ei­ne jun­ge Or­ga­ni­sa­ti­on? Ly­dia Slei­fir: Wir ha­ben uns vor der Grün­dung von War Child Deutsch­land mit vielen an­de­ren Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen aus­ge­tauscht und über Ko­ope­ra­ti­ons­mög­lich­kei­ten ge­spro­chen. Un­ser in­halt­li­cher An­satz ist ein­ma­lig. Da­durch ent­steht we­nig Kon­kur­renz. Dan­nie Qui­litzsch: Nicht nur in­halt­lich wol­len wir neue We­ge ge­hen, son­dern auch in dem Wer­ben um Spen­den und Auf­merk­sam­keit. Ich kann mir im Mo­ment kaum vor­stel­len, dass wir von Tür zu Tür ge­hen oder in der Fuß­gän­ger­zo­ne ak­tiv um Spen­den und Un­ter­stüt­zer an­wer­ben. Wir su­chen eher nach mo­der­nen We­gen – Be­ne­fiz­kon­zer­te, künst­le­ri­sche Ver­mitt­lung von In­hal­ten oder auch pri­va­tes En­ga­ge­ment, sei es durch Wer­ben für die Sa­che oder eben Sam­mel­ak­tio­nen beim Sport­fest oder in der Schu­le.

Fo­to: War Child Hol­land

SPIE­LEN, RE­DEN – UND EIN­FACH MAL KIND SEIN: War-child-grup­pe im Li­ba­non.

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