Das steckt in Stel­len­an­zei­gen

Auf der Job­su­che las­sen sich vie­le Be­wer­ber vom An­for­de­rungs­pro­fil in An­non­cen ein­schüch­tern

Neue Presse - - Berufe - VON AN­JA SCHREI­BER

BER­LIN/BONN. Manch ei­ne Stel­len­an­zei­ge ent­mu­tigt Job­su­chen­de – denn Un­ter­neh­men su­chen schein­bar nur erst­klas­sig qua­li­fi­zier­te Mit­ar­bei­ter. Doch der Au­gen­schein trügt. Auch ganz nor­ma­le Kan­di­da­ten ha­ben gu­te Chan­cen, da nie­mand al­le An­for­de­run­gen voll­stän­dig er­fül­len muss. Ent­schei­dend ist, die Aus­schrei­bun­gen rich­tig zu le­sen und zu ver­ste­hen.

„Vie­le Job­su­chen­de le­sen die Stel­len­an­zei­gen zu un­ge­nau“, be­rich­tet Re­dak­teu­rin Sa­b­ri­na Ja­ehn vom Wis­sen­schafts­la­den Bonn, der Ma­ga­zi­ne zur be­ruf­li­chen Ori­en­tie­rung her­aus­gibt. „Man­che ach­ten zum Bei­spiel haupt­säch­lich auf die Stadt und die Wunsch­bran­che. Über an­de­re An­ga­ben wie das An­for­de­rungs­pro­fil und die Tä­tig­keits­be­schrei­bung le­sen sie dann eher hin­weg.“Doch die­ses Vor­ge­hen ist pro­ble­ma­tisch, weil sich der Be­wer­ber da­mit un­nö­tig ein­schränkt und wich­ti­ge An­knüp­fungs­punk­te für die Prä­sen­ta­ti­on der ei­ge­nen Fä­hig­kei­ten bei der Be­wer­bung ver­passt.

Jes­si­ca Wahl,

Be­wer­bungs

und Kar­rie­re­coach aus Ber­lin, weiß, dass Män­ner und Frau­en Aus­schrei­bun­gen oft un­ter­schied­lich le­sen. „Die meis­ten Frau­en glau­ben, dass sie die An­for­de­run­gen zu 100 Pro­zent er­fül­len müs­sen, um er­folg­reich zu sein. Män­ner sind da­ge­gen in der Re­gel mu­ti­ger. Sie be­wer­ben sich ein­fach, wenn ih­nen ei­ne Stel­le ge­fällt.“

Auch Ja­ehn kennt das Pro­blem, dass sich vie­le Job­su­chen­de von den An­for­de­run­gen in Stel­len­an­zei­gen ab­schre­cken las­sen. „Da­bei sind die­se nur ei­ne Wun­sch­lis­te des Ar­beit­ge­bers. Sie be­schrei­ben ei­ne idea­le Be­set­zung.“Sie emp­fiehlt, sich von der Lis­te nicht ein­schüch­tern zu las­sen. Denn die we­nigs­ten Kan­di­da­ten brin­gen al­les mit. „Wer sich bei ei­nem Groß­teil der ge­for­der­ten Fä­hig­kei­ten wie­der­fin­det, soll­te sich be­wer­ben, auch wenn er drei oder vier Punk­te nicht er­füllt.“

Um ver­ste­hen zu kön­nen, wie wich­tig ei­nem Un­ter­neh­men ei­ne Kom­pe­tenz ist, hilft ein ge­nau­er Blick auf den An­zei­gen­text. „Es gibt Mus­sfor­mu­lie­run­gen und Kan­nfor­mu­lie­run­gen“, be­tont

Wahl. „Be­nutzt ein Ar­beit­ge­ber das Wort ‚soll­te‘, heißt das ,muss‘.“Ge­brau­che er da­ge­gen Be­grif­fe wie „wün­schens­wert“oder „idea­ler­wei­se“, sei die Fä­hig­keit nicht zwin­gend er­for­der­lich. Wer die ge­for­der­ten Qua­li­fi­ka­tio­nen größ­ten­teils nicht be­sitzt, soll­te auf ei­ne Be­wer­bung ver­zich­ten.

Jut­ta Gentsch, Be­rufs­be­ra­te­rin für aka­de­mi­sche Be­ru­fe bei der Ar­beits­agen­tur Stutt­gart, weiß, dass man­che For­mu­lie­run­gen aber auch we­nig In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum zu­las­sen. „Wenn in der An­zei­ge Be­grif­fe wie ,lei­ten‘ oder ,füh­ren‘ ste­hen, soll­te sich ein Be­rufs­an­fän­ger nicht be­wer­ben. Denn die­se Schu­he sind ein­fach zu groß für ihn.“

Gentsch emp­fiehlt zu­dem ei­ne Re­fle­xi­on, ob die Stel­le zur ei­ge­nen Bio­gra­fie passt. „Be­wer­ber soll­ten sich fra­gen, ob ih­nen die Bran­che oder die Pro­duk­te des Un­ter­neh­mens

et­was sa­gen.“Eben­so wich­tig ist es, an­hand des Aus­schrei­bungs­tex­tes über sei­ne ei­ge­nen Wer­te und Zie­le nach­zu­den­ken. Ge­ra­de die Selbst­vor­stel­lung des Un­ter­neh­mens bie­tet da­für ei­ne gu­te Grund­la­ge. Bei der Be­wer­tung der An­zei­ge geht es nicht nur um ei­ne rein sach­li­che Ana­ly­se, son­dern auch ums Bauch­ge­fühl. „Der Ge­samt­ein­druck ist wich­tig, genau­so wie die Fra­ge, ob die An­zei­ge den Job­su­chen­den emo­tio­nal an­spricht.“

Jes­si­ca Wahl rät, die Aus­schrei­bung nicht al­lein zu be­trach­ten. „Es kann hel­fen, sich die Fir­men­web­site an­zu­schau­en und Kom­men­ta­re auf Be­wer­tungs­por­ta­len zu le­sen.“Mit ei­em An­ruf beim Un­ter­neh­men kan man sich ei­nen Ein­druck ver­schaf­fen.

Auch Gentsch weiß, dass Aus­schrei­bun­gen al­lein oft gar nicht so aus­sa­ge­kräf­tig sind. „Manch ei­ne Per­so­nal­ab­tei­lung ver­öf­fent­licht mit Hoch­druck ei­ne An­zei­ge, die sie mit hei­ßer Na­del ge­strickt hat. Es kann sein, dass ei­gent­lich et­was ganz an­de­res drin­ste­hen soll­te.“Des­halb sei es sinn­voll, bei Un­klar­hei­ten te­le­fo­nisch nach­zu­fra­gen.

Die An­zei­gen sind nur ei­ne Wun­sch­lis­te. SA­B­RI­NA JA­EHN, Re­dak­teu­rin beim Wis­sen­schafts­la­den Bonn

Fo­to: alexsl/istockphot­o

KEI­NE AL­LES­KÖN­NER: Wer vie­le der in den An­zei­gen ge­for­der­ten Fä­hig­kei­ten er­füllt, soll­te sich ru­hig be­wer­ben – auch wenn er ei­ni­ge Punk­te noch nicht ab­de­cken kann.

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