„Da muss man jetzt durch“

So­zi­al­psy­cho­lo­ge Ha­rald Wel­zer sieht auch Chan­cen für die Ge­sell­schaft in der Co­ro­na-kri­se

Neue Presse - - Hannover - VON PE­TRA RÜCKERL

Der So­zi­al­psy­cho­lo­ge Ha­rald Wel­zer sagt im NPIn­ter­view, wel­che Chan­cen für die Ge­sell­schaft in ei­ner Kri­se – wie durch das Co­ro­na­vi­rus ver­ur­sacht – ste­cken.

Pro­fes­sor Wel­zer, es gibt be­reits Nach­bar­schafts­Chal­len­ges, um al­ten und vor­be­las­te­ten Men­schen die Ein­käu­fe ab­zu­neh­men, an­de­rer­seits hams­tern die Leu­te Klo­pa­pier und Atem­schutz­mas­ken. Wer setzt sich durch? Das weiß man nicht. Wir sind in ei­ner Si­tua­ti­on, in der et­was ge­sche­hen ist, das fast al­le Rou­ti­nen und den Nor­mal­be­trieb un­ter­bricht. Da muss man gu­cken, wie sich die Leu­te ver­hal­ten. Es gibt ei­ner­seits das Phä­no­men, dass in den Kran­ken­häu­sern al­le Des­in­fek­ti­ons­mit­tel ge­stoh­len wer­den, an­de­rer­seits das Sor­ge­tra­gen und Küm­mern um die al­ten Leu­te.

Bie­tet ei­ne sol­che Kri­se Chan­cen für un­se­re Ge­sell­schaft? In sehr ho­hem Ma­ße, weil es ja auch ei­ne Lern­ge­schich­te ist. Teil eins der Lern­ge­schich­te ist das Wis­sen, dass je­der­zeit et­was pas­sie­ren kann, mit dem vor­her kei­ner ge­rech­net hat. Sol­che fol­gen­rei­che Er­eig­nis­se hat­ten wir am 11. Sep­tem­ber 2001, beim Mau­er­fall, bei der Fi­nanz­kri­se. Das In­ter­es­san­te bei Co­ro­na ist, dass es sehr tief in das All­tags­ge­sche­hen ein­greift, das ken­nen wir eher nicht. Qua­ran­tä­ne ken­nen wir nicht. Wird das nun zu Spie­le­aben­den in der Haus­ge­mein­schaft füh­ren oder zum to­ta­len Rück­zug? Oder wer­den Initia­ti­ven wie die Nach­bar­schafts­chal­len­ge so sport­lich, dass sich ein Opa kaum noch vor Hilfs­an­ge­bo­ten ret­ten kann?

Im­mer­hin geht der CO2Aus­stoß run­ter. Hin­ter­fra­gen die Men­schen das ka­pi­ta­lis­ti­sche Sys­tem? Man lernt jetzt, wie un­fass­bar ab­hän­gig das nor­ma­le Funk­tio­nie­ren un­se­rer Ge­sell­schaft von sehr schwa­chen Fak­to­ren ist. Dass Arz­nei­mit­tel von ei­nem ein­zi­gen Her­stel­ler in Chi­na pro­du­ziert wer­den. Dass un­se­re kom­ple­xen glo­ba­len Wert­schöp­fungs- und Lie­fer­ket­ten an ei­nem, näm­lich dem schwächs­ten Glied hän­gen kön­nen. Dass die Glo­ba­li­sie­rung, die im­mer ge­fei­ert wur­de, ei­ne Er­hö­hung von Ver­letz­lich­keit be­deu­tet. Dar­aus könn­te man ler­nen, die Fra­ge ist, ob man es tut. Ob man wei­ter­hin dau­ernd durch die Ge­gend flie­gen muss, oder ob es ein Le­ben oh­ne Kreuz­fahrt gibt.

Könn­ten die rechts­ra­di­ka­len Par­tei­en aus die­ser Kri­se ih­ren Vor­teil zie­hen? Ha­ben Sie von den Rech­ten auch nur ei­nen Vor­schlag oder ei­ne Stel­lung­nah­me ge­hört, die hilf­reich wä­re? Den Na­zis fällt nichts ein.

Der Fö­de­ra­lis­mus ist der Sa­che nicht un­be­dingt dien­lich, man spricht vom Cha­os in der Po­li­tik. Se­hen Sie das auch so? Wo ist Cha­os? Vom Ro­bert Koch-in­sti­tut über die Ge­sund­heits­be­hör­den bis zu den Lan­des­re­gie­run­gen funk­tio­niert doch die Re­pu­blik. Dass der Ber­li­ner Se­nat wie im­mer der trot­tel­haf­tes­te von al­len ist – sie­he Streit um die Ab­sa­ge des Fuß­ball­spiels – ist ge­schenkt. Ins­ge­samt agie­ren die Zu­stän­di­gen

doch in her­vor­ra­gen­der Art und Wei­se. Nun wer­den die Män­gel im Pfle­ge­sys­tem oder in der ma­te­ri­el­len Aus­stat­tung deut­lich. Vi­el­leicht ist das jetzt der An­trieb, die­se Be­rei­che end­lich mal so aus­zu­stat­ten und die Leu­te so zu be­zah­len, wie sie es ver­die­nen.

Ha­ben Sie per­sön­lich schon Pa­nik ge­spürt? Nein, über­haupt nicht. Das ist jetzt ei­ne Zeit, da muss man durch.

Fo­to: dpa

EX­PER­TE: Der So­zi­al­psy­cho­lo­ge Ha­rald Wel­zer.

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