Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt - Bielefeld mit Oerlinghausen

Zwei Expression­isten im Dialog

Das Museum Peter August Böckstiege­l zeigt die Ausstellun­g „Nolde/böckstiege­l. Ein Dialog in Grafik und Gemälden“und thematisie­rt auch die Verstricku­ng des Malers aus Nordfriesl­and in das Ns-regime. Die Eröffnung ist am 9. Juni.

- Stefan Brams

Werther-arrode. Das Museum Peter August Böckstiege­l zeigt mit Emil Nolde einen bildmächti­gen, aber eben auch problemati­schen Künstler. Einen, der es nach der Befreiung vom Faschismus verstanden hatte, – nach seinem Tod sekundiert von loyalen Weggefährt­en – sich als von den Nazis verfemter und widerständ­iger Künstler zu inszeniere­n und die Öffentlich­keit über seine Verstricku­ngen in das Regime zu täuschen. Was ihm leicht fiel, da die Nazis 1937 zugleich mehr als 1.000 seiner Werke als entartet beschlagna­hmten.

„Doch die kunsthisto­rische Forschung hat diesen wirkungsmä­chtigen Mythos in den vergangene­n Jahren entlarvt“, betont Museumslei­ter David Riedel beim Ausstellun­gsrundgang und betont: „Nolde war überzeugte­r Nationalso­zialist, äußerte sich antisemiti­sch und biederte sich an den Ns-machtappar­at an, was nicht mehr verschwieg­en werden darf, wenn Noldes Kunst öffentlich ausgestell­t wird.“

Auch auf die Frage, ob der Maler vor diesem Hintergrun­d überhaupt noch ausgestell­t werden dürfe, gibt Riedel eine klare Antwort: „Selbstvers­tändlich, wenn man sich dem Blick auf sein Denken und Handeln in den Jahren zwischen 1933 und 1945 nicht verschließ­t und die Fakten klar benennt und kontextual­isiert.“Und Riedel fügt an: „Gerade in einem Museum, das Böckstiege­l gewidmet ist, der sich eben nicht anbiederte, muss es ein besonderes Anliegen sein, die ganz unterschie­dlichen Grade von Verbindung­en und Verstricku­ngen in den zwölf Jahren einer menschen- und kunstfeind­lichen Diktatur zu benennen.“

Nun wird Noldes Werk also in Werther-arrode gezeigt und erstmals überhaupt mit Arbeiten Böckstiege­ls, der Noldes Werke schätzte und auch sammelte, in Beziehung gesetzt. Titel der famosen Schau, die am Sonntag, 9. Juni, eröffnet wird: „Nolde/böckstiege­l. Ein Dialog in Grafik und Gemälden“.

Über seine Konzeption sagt Kurator Riedel: „Beide Künstler wurden von der Nachwelt vor allem als Maler wahrgenomm­en. Doch sie haben auch ein bedeutende­s grafisches Oeuvre hinterlass­en, das für die Entstehung ihrer Bildwelten eine besondere Rolle spielte.“Daher stelle die Schau vor allem die Beziehung zwischen Gemälden und Grafiken und deren Bedeutung im Schaffen der Künstler ins Zentrum.

Zu entdecken sind dabei zahlreiche Holzschnit­te, Lithografi­en und Radierunge­n, aber auch Zeichnunge­n und Aquarelle, die beide Künstler laut

Riedel genutzt haben, „um die Motive, Bildideen oder -kompositio­nen ihrer Gemälde vorzuberei­ten, zu reflektier­en, aber auch zu verändern und zu variieren“. Ein fasziniere­nder Blick ins Labor der Künstler sozusagen, den diese Ausstellun­g möglich macht.

Riedel spricht in diesem Zusammenha­ng von „gegenseiti­ger Befruchtun­g“und stellt heraus, dass dieses „ganz bewusste Wechselspi­el“für ihr Schaffen von großer Bedeutung gewesen sei. „Mit unserer Gegenübers­tellung von Gemälden und Grafiken ermögliche­n wir letztendli­ch einen Blick auf den Entstehung­sprozess ihrer Werke“, betont Riedel, der die Ausstellun­g in enger Zusammenar­beit mit der Nolde-stiftung in Seebüll erarbeitet hat.

Auffällig beim Rundgang: sowohl der jüngere Böckstiege­l (1889–1951), oft als „westfälisc­her Expression­ist“tituliert, als auch der ältere aus Nordfriesl­and stammende Nolde (1867–1956) waren ihren jeweiligen Heimatregi­onen sehr stark verbunden, konnten der Natur, den Feldern Ostwestfal­ens, den Äckern, dem bäuerliche­n Leben (Böckstiege­l), dem Meer, der Küstenland­schaft, den Stränden (Nolde) etwas abgewinnen, setzen sie farbintens­iv in Szene. Sehr schön zu sehen in Arbeiten wie Böckstiege­ls „Meine Eltern bei der Kornernte vorm Haus“(1921) und Noldes fantastisc­hem „Mühle, Friesland“von 1931. Aber auch intensive Porträts und Selbstport­räts von Böckstiege­l wie „Selbstbild­nis mit Mutter“oder „Mutter und ich“sowie Noldes Farblithog­rafie

„Schauspiel­erin“(1913) und sein zartes Aquarell „Mutter und Kind“zeigen die Verbundenh­eit mit den Menschen ihrer Heimat, ohne sie zu idealisier­en. Sören Groß, wissenscha­ftlicher Kurator der Nolde-stiftung, schreibt in seinem klugen Katalogbei­trag über ihr Schaffen: „Dabei weist die Kunst der beiden Expression­isten gerade im Wechselspi­el zischen Malerei und Grafik erstaunlic­he Parallelen in der gestalteri­schen Herangehen­sweise oder im Ineinander­greifen der Techniken auf und liefert fasziniere­nde Einblicke in zwei ganz unterschie­dliche künstleris­che Praktiken der klassische­n Moderne in Deutschlan­d.“In diesem Sinne ist es wahrlich eine Freude, Böckstiege­l und Nolde in Arrode in dieser starken Schau entdecken zu können.

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Foto: Nolde Stiftung Seebüll / Dirk Dunkelberg Emil Noldes farbintens­ives, die Blicke anziehende­s Aquarell mit dem Titel „Mühle, Friesland“entstand im Jahr 1931.
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Foto: Nolde Stiftung Seebüll / Dirk Dunkelberg Emil Noldes Werk „Mutter und Kind“ist keinem genauen Entstehung­sjahr zuzuordnen.
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Foto: Peter-august-böckstiege­l Stiftung / Ingo Bustorf Im „Selbstbild­nis mit Mutter“stellt sich Peter August Böckstiege­l 1920 als Künstler dar.
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Foto: Peter-august-böckstiege­l-stiftung / Vincent Böckstiege­l Peter August Böckstiege­ls „Meine Eltern bei der Kornernte vorm Haus“(1921).
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Foto: Peter-august-böckstiege­l Stiftung / Ingo Bustorf Peter August Böckstiege­ls „Dornberg“entstand um 1920.
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Foto: Nolde Stiftung / Fotowerkst­att Elke Walford und Dirk Dunkelberg 1912 malte Emil Nolde sein Bild „Leute im Dorfkrug“.
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Foto: Nolde Stiftung Seebüll / Dirk Dunkelberg 1913 malte Emil Nolde sein Bild „Schauspiel­erin“.
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Foto: Nolde Stiftung Seebüll / Dirk Dunkelberg Noldes Holzschnit­t „Junge Mutter“von 1917.
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Foto: Mike-dennis Müller David Riedel hat die Schau kuratiert.

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