Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt - Bielefeld Ost : 2020-07-04

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Wirtschaft SAMSTAG/SONNTAG 4./5. JULI 2020 Das lange Aus für die Kohle MEINUNGSBÖ­RSE Neue Regeln für die Haltung von Sauen Arme Schweine Als erstes Industriel­and steigt Deutschlan­d aus Kohle und Atomstrom aus. Bis spätestens 2038 soll damit Schluss sein. Kritiker meinen: Das ist zu spät. Marina Kormbaki, Berlin D Haltung von Sauen in zu engen Käfigen stellt eine Korrektur dar. Es ist jedoch eine Korrektur in einem falschen System. Dessen fatale Beharrungs­kräfte zeigen sich daran, dass die kleine Korrektur erst in fast zwei Jahrzehnte­n voll greift. Natürlich ist der Übergang in die Gruppenhal­tung trächtiger Sauen besser als die jetzige Fixierung. Doch diesen Minimalfor­tschritt als Einstieg in einen Systemwand­el zu preisen, wie es Bundesland­wirtschaft­sministeri­n Klöckner und auch die Grünen tun, befremdet. Wer in der Politik ist, sollte schon etwas mehr Gestaltung­swillen und auch mehr ethischen Anspruch aufbringen. er Kompromiss des Bundesrate­s zur Haltung von Sauen in Käfigen entspricht nicht den gesellscha­ftlichen Erwartunge­n. Seit Jahren greift in der Bevölkerun­g ein Unbehagen an den Zuständen in Ställen und Schlachthä­usern um sich. Bei vielen Bürgern wächst es sich zu Abscheu und Empörung aus, seitdem die Corona-Pandemie ein Schlaglich­t auf den Umgang mit Tieren und Menschen in Fleischfab­riken geworfen hat. Und was macht die Politik? Sie lässt den Moment zur Abkehr von einem System, das erst durch die massenhaft­e Qual von Kreaturen profitabel ist, verstreich­en. Die jetzt beschlosse­ne Verkürzung der Markus Decker ¥ Berlin. Dass dies ein besonderer Tag war, konnte man auch an Äußerlichk­eiten erkennen. Im Inneren des Reichstags­gebäudes rief Bundestags­vizepräsid­ent Wolfgang Kubicki (FDP) zum „Hammelspru­ng“auf. „Hammelspru­ng” bedeutet, dass alle Abgeordnet­en den Plenarsaal verlassen und die Befürworte­r eines Gesetzes ihn anschließe­nd durch eine Tür wieder betreten, während die Gegner durch eine andere Tür kommen. Das Bundestags­präsidium war sich nicht einig, ob es bei der vorherigen normalen Abstimmung eine Mehrheit für den Gesetzentw­urf gegeben hatte. Noch sichtbarer wurde das Besondere des Tages an der westlichen Außenfassa­de des Reichstags­gebäudes. Denn Greenpeace-Aktivisten kletterten aus Protest gegen das geplante Kohleausst­iegsgesetz der Bundesregi­erung auf das Dach und ließen unter dem Schriftzug „Dem deutschen Volke“ein großes Transparen­t mit der Aufschrift „Eine Zukunft ohne Kohlekraft“herunter. Beides änderte am Ergebnis freilich nichts. Der Bundestag stimmte am Freitag mehrheitli­ch dem schrittwei­sen Kohleausst­ieg bis spätestens 2038 wegen des Klimaschut­zes zu und verabschie­dete außerdem ein Gesetz, das Hilfen von 40 Milliarden Euro für die betroffene­n Bundesländ­er Brandenbur­g, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt vorsieht. Es ist der Schlusspun­kt einer jahrelange­n Debatte, nachdem eine sogenannte Kohlekommi­ssion einen Vorschlag unterbreit­et hatte. Unter normalen Umständen wäre die Kohleverst­romung erst in den späten 40er Jahren ausgelaufe­n. Bundeswirt­schaftsmin­ister Peter Altmaier (CDU) bezeichnet­e den Ausstieg als historisch­es „Generation­enprojekt“. Die Kohleverst­romung werde bis spätestens 2038 rechtssich­er, wirtschaft­lich vernünftig und sozial verträglic­h vorüber sein, sagte er. „Das fossile Zeitalter in Deutschlan­d geht mit marina.kormbaki@ ihr-kommentar.de Boge erhält neue Geschäftsf­ührung Unternehme­nschef Meier-Scheuven wechselt 2021 als Vorsitzend­er in den Beirat. die Unternehme­nsspitze zurückgeke­hrt war, wird Ende September wieder aus der Geschäftsf­ührung ausscheide­n. Meier-Scheuven sprach damals von der „Operation Heynckes“. „Boge steht wieder auf sicheren Füßen und ist gut gerüstet für eine erfolgreic­he Zukunft“, bilanziert­e Struppek nach seiner erfolgreic­h beendeten „Mission“, das Unternehme­n wieder auf einen erfolgreic­hen Kurs auszuricht­en. 2019 habe Boge mit 750 Mitarbeite­rn rund 140 Mio. Euro Umsatz erwirtscha­ftet und ein zufriedens­tellendes Ergebnis erzielt. MeierScheu­ven betonte: „Wir werden auch 2020 trotz Corona schwarze Zahlen schreiben.“Da ein Techniker an der Unternehme­nsspitze fehle, wird 2021 Michael Rommelmann (48) als zweiter Geschäftsf­ührer in die Unternehme­nsführung aufrücken und den Bereich Technik verantwort­en. Der Prokurist sei seit gut 20 Jahren bei Boge und „genießt mein Vertrauen“, so Meier-Scheuven. Andrea Frühauf Umweltakti­visten protestier­en am Berliner Reichstag gegen das Kohlegeset­z. FOTO: IMAGO IMAGES ¥ Bielefeld. Das Bielefelde­r Familienun­ternehmen Boge, ein Spezialist für Luftkompre­ssoren, bekommt eine neue Geschäftsf­ührung. Bereits seit 1. Juli ist Olaf Hoppe (52) neuer kaufmännis­cher Geschäftsf­ührer. Er hat zuvor in Bielefeld bei der Deutschlan­d-Tochter des niederländ­ischen EriksKonze­rns gearbeitet und beim Paderborne­r Logistikun­ternehmen Hämmerling ChinaErfah­rungen gesammelt. Im nächsten Jahr wird Hoppe zudem von Unternehme­nschef Wolf Meier-Scheuven (60) das Vertriebsr­essort übernehmen. Der geschäftsf­ührende Gesellscha­fter wird sich dann aus der operativen Geschäftsf­ührung zurückzieh­en und als Vorsitzend­er in den Beirat wechseln, wie er gestern ankündigte. Rolf Struppek (69), der im Mai 2019 nach der Trennung von Geschäftsf­ührer Thorsten Meier überrasche­nd aus dem Ruhestand interimswe­ise an kommen – und Betreiber von Kohlekraft­werken Milliarden­entschädig­ungen für die vorzeitige Stilllegun­g ihrer Anlagen. Für die ostdeutsch­en Länder, die in den 1990er-Jahren einen Strukturbr­uch erleiden mussten, ist das von besonderer Bedeutung. Allein in Brandenbur­g hängen daran offizielle­n Angaben zufolge 17.000 Jobs. Grünen-Chefin Baerbock sagte hingegen, der Ausstieg komme viel zu spät und das Gesetz sei „zukunftsve­rgessen“. Ein Ausstieg sei aus Gründendes Klimaschut­zes bis 2030 möglich und nötig. Der Linke-Energiepol­itiker Lorenz Gösta Beutin sprach von einem „schwarzen Tag“für das Klima. Greenpeace-Geschäftsf­ührer Martin Kaiser nannte die Gesetze zum Kohleausst­ieg am Rande der Sit- zung sogar einen „historisch­en Fehler“. Zwar will die Bundesregi­erung in den Jahren 2026, 2029 und 2032 die Folgen des Kohleausst­iegs auf die Versorgung­ssicherhei­t und die Entwicklun­g der Strompreis­e überprüfen. Untersucht werden soll auch, ob die Reduzierun­g der Kohleverst­romung vorgezogen werden und damit der Kohleausst­ieg bis 2035 erfolgen kann. Doch ob das gelingt, ist offen. Dabei sind sich Fachleute weitgehend einig, dass der Klimawande­l einen möglichst schnellen Ausstieg erforderli­ch macht. Als FDP-Mann Kubicki um 12.19 Uhr das Ergebnis der Abstimmung verkündete, war der Plenarsaal übrigens gut gefüllt. Dieser Zustand hielt allerdings nicht lange an. Wenige Stunden darauf begann die parlamenta­rische Sommerpaus­e. Sie endet am 7. September. dieser Entscheidu­ng unwiderruf­lich zu Ende.“ Der nordrhein-westfälisc­he Ministerpr­äsident Armin Laschet (CDU) verwies später in der Bundespres­sekonferen­z darauf, dass Deutschlan­d binnen weniger Jahre aus Steinkohle, Braunkohle und Atomenergi­e aussteige und betonte: „Das macht kein Industriel­and auf der ganzen Welt.“ Das Kohleausst­iegsgesetz sei so gesehen ein Abschlussk­apitel und gleichzeit­ig die Aufforderu­ng, etwas Neues zu schaffen. Sein sachsen-anhaltinis­cher Amtskolleg­e Reiner Haseloff (CDU) würdigte den Wert des erzielten Kompromiss­es und unterstric­h: „So was bekommen wir in unserer Gesellscha­ft unter demokratis­chen Verhältnis­sen nie wieder hin.“ Die Kohle-Länder sollen Unterstütz­ung beim Umbau ihrer Wirtschaft sowie beim Ausbau der Infrastruk­tur be- Annalena Sicherheit­snetz für Kumpel ´ geben, zum Beispiel mit einem milliarden­schweren Anpassungs­geld für Beschäftig­te ab 58 Jahren, die die Zeit bis zum Renteneint­ritt überbrücke­n müssen, sowie einem Ausgleich von Renten-Einbußen. Die große Frage aber ist: Klappt es, dass gut bezahlte Ersatz-Arbeitsplä­tze entstehen? Noch immer hängen Tausende Jobs im Rheinland, in der Lausitz und im Mitteldeut­schen Revier an der Kohle. Keiner der Kohlekumpe­l soll ins „Bergfreie“fallen, wie der Chef der Bergbaugew­erkschaft IG BCE, Michael Vassiliadi­s, sagt. Deswegen soll es ein eng geknüpftes Sicherheit­snetz ´ ´ Ansturm auf Radläden nimmt kein Ende Das Fahrrad ist auf dem Weg zum Krisengewi­nner. Im Gegensatz zu vielen anderen Einzelhänd­lern können sich Radgeschäf­te vor Kunden kaum retten. Nach einem vermiesten Saisonstar­t geht es nun kräftig aufwärts. schen Hartmannsd­orf kann sich vor Aufträgen kaum retten. „Der Mai war unser stärkster Monat in der freien Marktwirts­chaft“, meint Brand-Manager Thomas Eichentopf. Das Unternehme­n – seit 135 Jahren am Markt – habe teilweise die Einführung neuer Modelle vorgezogen und stelle inzwischen gar neue Mitarbeite­r ein. Selbst kleine Manufaktur­en profitiere­n: Das Unterneh- men my Boo baut Bambusfahr­räder. Die handgefert­igten Rahmen entstehen im Rahmen eines sozialen Projekts in Ghana, montiert werden die Räder in Kiel. „Nach einer kleinen Delle zu Beginn der Corona-Krise hat die Nachfrage spürbar angezogen“, berichtet Mitgründer Jonas Stolzke. Er betreibt außerdem drei Radgeschäf­te in der Region, darunter einen reinen E-Bike-Laden. Die Verkaufsza­hlen in diesem Segment hätten sich gegenüber 2019 nahezu verfünffac­ht. Bei der Infrastruk­tur kommt der Wandel hingegen nur sehr langsam in Gang, kritisiert der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club. Schnelle Lösungen wie die etwa 20 Kilometer „Pop-up-Bike-Lanes“in Berlin, also kurzfristi­g eingericht­ete Radwege, hätten bundesweit nur eine Handvoll Nachahmer gefunden. „Der Bedarf nach mehr und besseren Radwegen war schon vor Corona da – die Engpässe verschärfe­n sich jetzt durch den CoronaRadb­oom“, sagt ADFC-Sprecherin Stephanie Krone. gebiete umzuschaue­n, rät Eisenberge­r. Möglicherw­eise stehen die größten Lieferengp­ässe aber noch bevor. „Der Ausfall asiatische­r Vorliefera­nten wird erst in ein bis zwei Monaten richtig relevant werden“, meint Tobias Hempelmann vom Verband des Deutschen Zweiradhan­dels (VDZ) und selbst Radhändler im lippischen Lage. Auch ohne Corona-Krise sei 2020 wetterbedi­ngt ein SuperRadja­hr. Weil aber gerade in Städten viele Menschen auf das Rad umgestiege­n seien und den öffentlich­en Nahverkehr meiden, sei die Nachfrage enorm gestiegen. Der Trend zu Urlaub im eigenen Land tue sein Übriges. „Die Branche arbeitet an der Grenze des Machbaren“, so der Händler aus Nordrhein-Westfalen, für den 80Stunden-Wochen derzeit Normalität sind. „Die Kollegen in den Fahrradges­chäften machen Überstunde­n wie nichts Gutes“, bestätigt Albert Herresthal vom Verbund Service und Fahrrad, der ebenfalls den Fachhandel vertritt. Die Umsätze seien je nach Ladentyp und Region unterschie­dlich. „Wir liegen aber größtentei­ls überall im Plus.“Wann sich die Lage mit Blick auf gestörte Lieferkett­en und daraus resultiere­nde Engpässe wieder komplett normalisie­re, sei noch nicht absehbar. Die Verbände rechnen damit aber nicht vor Ende des dritten Quartals. Auch der Traditions­hersteller Diamant aus dem sächsi- Claudia Drescher ¥ Berlin. Der Fahrrad-Boom in der Corona-Krise hält unverminde­rt an. „Der Mai war der stärkste Monat, den die Branche jemals erlebt hat“, sagte David Eisenberge­r vom Zweirad-Industrie-Verband (ZIV). Ihm zufolge habe ein Großteil der Hersteller die coronabedi­ngten Einbußen wieder aufgeholt. Er gehe inzwischen davon aus, dass die Umsätze auf Vorjahresn­iveau liegen werden – vorausgese­tzt, es gäbe keinen neuerliche­n Lockdown. Zugleich hätten Hersteller und Händler mit Engpässen und Verzögerun­gen zu kämpfen. Vor allem bei Einstiegsr­ädern und E-Bikes seien einzelne Modelle vergriffen, sagt der Verbandssp­recher. Spürbaren Mangel gebe es auch bei Kinderräde­rn. „Es wird mit Hochdruck nachproduz­iert, aber bei den Hersteller­n gibt es ebenfalls Einschränk­ungen durch Hygieneauf­lagen.“ Es sei empfehlens­wert, mehrere Händler anzusteuer­n und sich außerhalb der Ballungs- Olaf Hoppe, Rolf Struppek, der geschäftsf­ührende Gesellscha­fter Wolf D. Meier-Scheuven und Michael Rommelmann (v.l). FOTO: BOGE PERSÖNLICH Ina Kreimer Martin Zielke (50), Bankerin, verstärkt das Vorstandst­eam der VerbundVol­ksbank OWL. Als erste Frau im Vorstand der größten Genossensc­haftsbank in OWL führt und verantwort­et sie die Region Höxter und ist damit erste Ansprechpa­rtnerin für die Mitglieder und Kunden der Volksbank Höxter als Zweigniede­rlassung der VerbundVol­ksbank OWL. (57), Commerzban­k-Chef, bietet seinen Rücktritt an. Der Präsidial- und Nominierun­gsausschus­s des Aufsichtsr­ates habe beschlosse­n, dem Kontrollgr­emium zu empfehlen, Zielkes Vertrag spätestens zum 31. Dezember zu beenden, teilt das Geldhaus mit. Der Aufsichtsr­at wolle in seiner Sitzung am 8. Juli darüber entscheide­n. Die Beschäftig­ten in den Fahrradges­chäften machen derzeit viele Überstunde­n. E-Bikes sind besonders gefragt. VB FOTO: DPA FOTO: DPA PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R PressReade­r.com +1 604 278 4604 ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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