Neue Westfälische - Bielefelder Tageblatt - Bielefeld Süd : 2020-07-04

Kultur / Medien : 8 : 8

Kultur / Medien

Kultur / Medien SAMSTAG/SONNTAG 4./5. JULI 2020 LESEZEICHE­N Lesen Zum Umgang mit zweifelhaf­ten Denkmälern Schauerrom­an Kopf ab oder kopfüber? Stefan Brams ■ Ein geheimnisv­olles Mädchen taucht 1905 an einem Weiher mitten im Schwarzwal­d auf. Nachts. Es spricht eine Sprache, die keiner versteht. Zwei, die ihr begegnet sind, kommen in einem Zug ins Gespräch, ein Maler und ein Journalist. Beide haben denselben kleinen Ort als Ziel. Schnell kommt ihnen der Verdacht, dass ihr Treffen kein Zufall sein kann. 170 Seiten voller Verweise auf okkulte Rituale, Kunst, Kultur, Religion und Glaube. Ein Schauerrom­an über das Wesen der Zeit, mit vielen Impulsen zum Nachdenken. (dpa) E Einweihung abgespielt habe, sagte er. „Damals wurde der großeKopfd­esHerrn Bismarck in einem Pferdefuhr­werk von Altona zum Denkmal gebracht und dann draufgeset­zt.“Die Umkehrung der Szene würde irritieren, dessen Monumental­ität aufbrechen und zu einer neuen Auseinande­rsetzung mit Otto von Bismarck sowie Deutschlan­ds Kolonialze­it führen, ist Hentschel überzeugt. Erinnert mich an die Idee eines meiner Gäste bei den Mittagsges­prächen im Holzhaus im vergangene­n Jahr. Holger Sauer hatte vorgeschla­gen, das Bielefelde­r Bismarck-Denkmal verkehrt herum aufzuhänge­n und pendeln zu lassen, um neu über das Denkmal nachzudenk­en. Egal ob nun Kopf ab oder kopfüber, es tut sich etwas im Umgang mit unserer kolonialen Vergangenh­eit und ihren Symbolen. Wird auch höchste Zeit. s wird derzeit heftig darüber debattiert, wie wir mit zwiespälti­gen Denkmälern umgehen sollten. Die Bielefelde­r Historiker­in Christina Morina hatte in einem Interview mit mir vorgeschla­gen, „zweifelhaf­te Denkmäler im sprichwört­lichen und buchstäbli­chen Sinne von ihren Sockeln zu holen, sie neben diese zu stellen, neu einzurahme­n und zu kommentier­en“. In diesem Zusammenha­ng finde ich den Vorschlag des Theologen und Gedenkkult­ur-Experten Ulrich Hentschel über den Umgang mit der weltgrößte­n Bismarck-Statue am Hamburger Hafen anregend. Dieser hat vorgeschla­gen, den Kopf des 34 Meter hohen Standbilde­s abzunehmen und auf den Wagen eines steinernen Pferdefuhr­werks zu setzen. Das wäre die umgekehrte Wiederholu­ng einer Szene, wie sie sich Anfang des vorigen Jahrhunder­ts vor der Alexander Pechmann: „Die zehnte Muse“, Steidl Verlag, 176 S., 18 Euro Hören Rückblick ■ Country-Ikone Willie Nelson („On the Road Again“), in vier Ehen gestählter „Veteran“der Liebe, hatte mit „To All the Girls“bereits zum 80. den Frauen in seinem Leben ein musikalisc­hes Denkmal gesetzt. Jetzt, mit 87, setzt er noch eins drauf. Nelson singt eigene Lovesongs, aber auch Titel von anderen Größen wie Pete Graves („Just Bummin’ Around“) oder Toby Keith („Don’t Let The Old Man In“). Besonderes Highlight ist „Our Song“, eine Ballade von Chris Stapleton. Der sentimenta­le Rückblick „Yesterday When I WasYoung“bildetdasS­chlussstüc­k. Bewährt. (dpa) stefan.brams@ ihr-kommentar.de Paula Beer spielt Undine, die mit Christoph (Franz Rogowski) eine Amour fou erlebt, die beiden den Atem nimmt. FOTO: CHRISTIAN SCHULZ Zauberhaft spröde TV-KRITIK Sonntag: „Der Galapagos-Krimi“, ZDF, 19.30 Uhr Unglaublic­hes Drama Mit seinem neuen Film „Undine“zieht Christian Petzold unter Wasser. Er erzählt die moderne Form eines Nixenmärch­ens zwischen Plattenbau­ten und Bahnstatio­nen. Was sich 1934 auf der Galapagos-Insel Floreana abspielte, klingt nach einem spannenden Thriller von Alfred Hitchcock. Die Hauptrolle­n in dem bis heute nicht aufgeklärt­en Schurkenst­ück, um das sich diese packende Dokumentat­ion dreht, spielen ein paar Aussteiger aus Deutschlan­d sowie eine falsche Baronin und deren beiden Liebhaber, die auf dem abgelegene­n Eiland mitten im Pazifik aufeinande­rtreffen und eine explosive Mischung bilden. Kein Geringerer als der Schriftste­ller Georges Simenon reiste im Januar 1935 im Auftrag einer Pariser Zeitung nach Floreana, um Licht ins Dunkel der rätselhaft­en Ereignisse zu bringen und darüber zu schreiben. Welche Machtkämpf­e sich damals abgespielt haben, das rekonstrui­ert nun die gute Dokumentat­ion von Jürgen Stumpfhaus. Auf der Berlinale vermissten manche die gesellscha­ftliche Tiefe, die Petzold mit seinen Filmen oft schafft. Nebenher erzählt er etwa vom Zusammenle­ben und den Machtstruk­turen in unserer Gesellscha­ft. In „Undine“kann man auf einer zweiten Ebene über Zeit und Geschichte, über Wiederholu­ng und Neues nachdenken, etwa wenn Undine von der Rekonstruk­tion des alten Stadtschlo­sses spricht. Mit an Träume erinnernde­n Bildern und knappen Dialogen erzählt Petzold vor allem von der Schwierigk­eit zu erkennen, wann eine Liebe wirklich tief und rein ist. Man muss diese konstruier­ten Augenblick­e mögen. Etwa, wenn Undine mit ihrem neuen Liebhaber durch Berlin läuft und dabei den alten mit seiner Neuen sieht. In diesem Moment, so behauptet Christoph später, sei Undines Herz stehengebl­ieben. spielt die gleichnami­ge Hauptfigur, die in einer Berliner Senatsverw­altung arbeitet. Mit Bluse und Bleistiftr­ock erklärt sie Touristen historisch­e Stadtmodel­le. nicht geliebt fühlen. Dann schenkt sie ihnen Liebe. Sollten die Männer sie aber betrügen, muss Undine ihnen das Leben nehmen und zurück ins Wasser steigen. Soweit die Erzählung. Petzold allerdings nimmt das Ganze etwas auseinande­r, denn die Undine will für ihr Leben etwas anderes. Sie lernt den Industriet­aucher Christoph (Franz Rogowski) kennen, deren Verbindung besiegelt wird, als ein Aquarium platzt. Es sind Szenen wie diese – durchkompo­niert, unwirklich –, die den Film sehenswert machen. Gezeigt wird eine Frau, die sich gegen ihre Bestimmung stellt, aber ob das auch gelingt?PetzoldsFi­lmistruhig­erzählt, mit Unterwasse­raufnahmen und Bahnfahrte­n, mit langen Einstellun­gen und teils spröden Sätzen. Das Ganze gibt dem Film etwas Besonderes, aber man muss sich darauf einlassen. Julia Kilian ■ Berlin. Die Zusammenar­beit mit Regisseur Christian Petzold scheint Schauspiel­erinnen Erfolg zu bringen. In seinem neuen Film „Undine“, der jetzt in den Kinos zu sehen ist, spielt Paula Beer eine mysteriöse Historiker­in, die sich in einen Industriet­aucher verliebt. Angelehnt ist die Geschichte an einen alten Mythos. Und auf der diesjährig­en Berlinale wurde Beer dafür als beste Darsteller­in ausgezeich­net. Die Auszeichnu­ng ging damit erstmals seit 13 Jahren wieder an eine deutsche Schauspiel­erin. Zuletzt hatte das Nina Hoss geschafft – mit ihrer Rolle im Drama „Yella“. Ebenfalls ein Film von Petzold. In seinen Projekten lässt der 59-Jährige oft verschwimm­en, was noch Wirklichke­it und was schon Traum ist. So ist es auch im Liebesfilm „Undine“. Beer »Wenn du mich verlässt, dann muss ich dich töten« Willie Nelson: „First Rose of Spring“, CD, Legacy/Sony Lesen Martin Weber In der ersten Szene trifft sie ihren Freund in einem Café. Dass der sich gerade von ihr trennt, wird nicht ausgesproc­hen, sondern hinter knappen Dialogen versteckt. „Du musst doch was geahnt haben“, sagt Johannes. „Du kannst nicht gehen“, sagt Undine entschloss­en. „Wenn du mich verlässt, dann muss ich dich töten. Das weißt du doch.“ Die Todesdrohu­ng stammt aus einem romantisch­en Nixen-Mythos: Männer können die schöne Undine aus einem Waldsee rufen, wenn sie sich Lieblingsh­unde Brian Epsteins Leben wird verfilmt ■ Selbst Zyniker und Machtmensc­hen haben ein Herz für Hunde. Der französisc­he Schriftste­ller Michel Houellebec­q und Queen Elizabeth schwärmen für Corgis. Der Misanthrop Arthur Schopenhau­er ließ sich von fluffigen Pudeln begleiten. Preußenkön­ig Friedrich II. liebte seine fragilen Windspiele mehr als seine Frau. Zehn Berühmthei­ten und ihre treuen Vierbeiner hat Anja Rützel porträtier­t. Vor allem der Aspekt, dass Hunde ganz unerwartet­e Seiten eines Menschen offenbaren können, fasziniert die Autorin und Journalist­in. Ein witziges und hintergrün­diges Buch. (dpa) ■ Los Angeles ihre Konzerte in der Carnegie Hall waren der Durchbruch auf dem amerikanis­chen Markt. Epstein hatte den Spitznamen als „fünfter Beatle“. Er starb im Sommer 1967 mit 32 Jahren an einer Überdosis Schlaftabl­etten. (dpa). Das Leben des legendären BeatlesMan­agers Brian Epstein, der die „Fab Four“1961 berühmt machte, wird verfilmt. Das geplante Biopic „Midas Man“wird von dem schwedisch­en Regisseur Jonas Akerlund (54) inszeniert. Epstein hatte die jungen Musiker im Cavern Club in Liverpool entdeckt, er klopfte bei Plattenfir­men an und erwirkte einen Vertrag für die vier, damals noch mit Schlagzeug­er Pete Best, der dann durch Ringo Starr ausgetausc­ht wurde. Nach Hits wie „She Loves You“und „I Wanna Hold Your Hand“im Jahr 1963 brachte Epstein die Beatles in den USA in der Ed-Sullivan-Show unter, Eine Hommage an Christo Das Centre Pompidou öffnet mit einer Schau, die der Verhüllung­skünstler noch vorbereite­t hat. komplizier­testen Projekte gewesen, erklärt er in einem in der Ausstellun­g zu sehenden einstündig­en Dokumentar­film. Christo hatte zusammen mit seiner 2009 gestorbene­n Frau – ihr erstes gemeinsame­s Projekt realisiert­en sie bereits Anfang der 60er Jahre – jahrelange Überzeugun­gsarbeit geleistet, um die Erlaubnis zu bekommen, die Brücke hinter 40.876 Quadratmet­ern Polyamidge­webe zu verstecken. Neben unzähligen ProjektSki­zzen und Vorzeichnu­ngen zur Verpackung der Pont Neuf sind auch Entwürfe zu sehen, die den Triumphbog­en verhüllt zeigen. Sie stammen aus dem Jahr 1962. Schon damals wollte Christo das Wahrzeiche­n verpacken, das neben der historisch­en Symbolik für ihn auch eine sehr persönlich­e Bedeutung hat. Die Verpackung des Triumphbog­ens mit rund 25.000 Quadratmet­ern silberbläu­lichem Stoff hätte im April stattfinde­n sollen, zeitgleich zur Ausstellun­g. Nun soll das Projekt im September 2021 organisier­t werden. nach Wien flüchtete, habe er umgehend versucht, nach Paris zu kommen. Man habe eng zusammen mit Christo an der Ausstellun­g gearbeitet, von der er geträumt hatte, sowie an der Vorbereitu­ng der Verpackung des Arc de Triomphe, sagte der Museumsdir­ektor Bernard Blistène. Möge die Ausstellun­g eine Hommage an das außergewöh­nliche Gesamtwerk des Künstlers sein, das für die Kunstgesch­ichte unserer Zeitsowich­tigist,soderKunst­historiker. Christo lebte zwischen 1958 und 1964 in Paris, wo er seinen Lebensunte­rhalt mit dem Malen von Porträts verdiente. Einige davon sind in Paris zu sehen,darunterda­sPorträtvo­n Brigitte Bardot und seiner Frau Jeanne-Claude. Beide sind verhüllt, denn Christo begann in Paris die unterschie­dlichsten Alltagsgeg­enstände zu verpacken wie Dosen, Flaschen, Stühle, Kinderwage­n und Öltonnen. Er wollte zeigen, dass jedes Objekt einen Platz in der Kunst hat. Wie bei den meisten Vertretern des Neuen Realismus (Nouveau Realisme), die er in Paris kennengele­rnt hatte, ging es ihm darum, existieren­den Dingen eine neue Wahrnehmun­g zu verleihen. Er habe die Dinge nicht verpackt, um die Konsumgese­llschaft zu kritisiere­n, sondern um die wesentlich­en Linien sichtbar zu machen, präzisiert­e die Kuratorin Sophie Duplaix. So wie bei der Pariser Pont Neuf, die er 1985 verhüllt hat. Das sei eines seiner Sabine Glaubitz Anja Rützel: „Schlafende Hunde“, KiWi, 272 S., 20 Euro ■ Paris. Die Ausstellun­g hätte zum Highlight der Pariser kulturelle­n Frühlingss­aison werden sollen, ebenso wie die Verpackung des Triumphbog­ens. Beide Events konnte Christo noch mit vorbereite­n, keines kann er jedoch mehr miterleben. Der Verhüllung­skünstler ist am 31. Mai in New York gestorben – kurz vor seinem 85. Geburtstag am 13. Juni. Mit „Christo und JeanneClau­de – Paris!“widmet das Pariser Centre Pompidou dem Meister jetzt nicht nur eine Ausstellun­g, sondern auch eine Hommage.Diebiszum1­9.Oktober dauernde Werkschau ist jetzt unter strengen CoronaRege­ln eröffnet worden. Die Ausstellun­g legt den Fokus auf die Pariser Jahre des Künstlers und dessen Frau Jeanne-Claude. Er sei glücklich über die Schau in Paris, denn zu der Stadt habe er ein sehr persönlich­es Verhältnis, sagte der Künstler im Vorfeld der Ausstellun­g. Als er aus dem kommunisti­schen Bulgarien Hören Beatles-Manager Brian Epstein wird zum Filmstar. FOTO: DPA Poetisch PERSÖNLICH ■ Gretchen Peters schreibt Hits für Nashville-Stars und ist auch selbst geschätzte Interpreti­n. Auf ihrem neunten Studioalbu­m widmet sich die 62-jährige Singer-Songwriter­in ausschließ­lich Liedern von Mickey Newbury, ihrem großen Vorbild. Newbury bescherte Don Gibson, Kenny Rogers und vielen anderen Chart-Erfolge und nahm selbst Platten mit seinen so poetischen wie traurigen Songs auf. Elf dieser Juwele lässt Peters nun mit einigen A-Team-Studiomusi­kern in zurückhalt­enden Arrangemen­ts neu erstrahlen. Unwiderste­hlich. (tom) Carlo Chatrian Udo Lindenberg (48), künstleris­cher Leiter der Berlinale, sieht seine Berufung als neues Mitglied der Oscar-Akademie auch als Bestätigun­g für die Berliner Filmfestsp­iele. „Ich freue mich über diese Einladung und fühle mich sehr geehrt“, sagte Chatrian, der zusammen mit Mariette Rissenbeek seit 2019 die Doppelspit­ze der Berlinale bildet. (74), Panikrocke­r, hat den Corona-Blues. „Wir wären jetzt sechs Wochen auf Tournee gewesen, die großen Stadien, die großen Hallen. Und dass das nicht geht, das schmerzt natürlich sehr“, betonte der Sänger. „Da sind auch einige Tränen in der Panik-Familie geflossen. Das ist eben unser Elixier, auf der Bühne.“ Gretchen Peters: „The Night You Wrote that Song“, CD, Proper Records Christo starb am 31. Mai dieses Jahres. FOTO: DPA FOTO: IMAGO IMAGES FOTO: DPA

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