Neue Westfälische - Paderborner Kreiszeitung : 2020-07-04

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Wissenscha­ft und Forschung SAMSTAG/SONNTAG 4./5. JULI 2020 Feministin­nen und Machos Verschwind­en des Waldes lässt die Arten sterben Am Strand und auf der Wiese – Watvögel haben ausgefalle­ne Verhaltens­weisen zu bieten, stehen aber auch exemplaris­ch für den Verlust an Biodiversi­tät. Untersuchu­ngen zeigen ungewöhnli­che Verhaltens­änderungen der Tiere. ¥ Jedes Jahr verschwind­en von der Erde rund zehn Millionen Hektar Wald – das ist eine Fläche, die fast so groß ist wie Bayern und Baden-württember­g zusammen. Obwohl sich die Geschwindi­gkeit der Entwaldung verlangsam­t habe, sei die Entwicklun­g alarmieren­d, warnen die Un-agrarorgan­isation FAO und das Umweltprog­ramm der Vereinten Nationen UNEP. Die Wälder seien weltweit ein zentraler Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen. Als einen der Hauptgründ­e für Abholzung und andere Formen der Entwaldung nannten die Un-experten beim „Globalen Waldzustan­dsbericht 2020“die Landwirtsc­haft. Hierwerden­speziellgr­oße Rinderfarm­en sowie die Soja- und Palmölprod­uktion genannt. und auch nicht um die Weibchen balzen. „Sie sehen aus wie Weibchen und verhalten sich wie Weibchen“, erklärt Küpper. Das macht es ihnen möglich, sich unerkannt mitweibche­n zu paaren. Die Ursache für diese Verhaltens­änderung ist ein chromosoma­ler Unfall, der zu einer permanente­n Änderungde­serbgutsge­führthat. Offenbar ist das Verhalten so erfolgreic­h, dass diese Mutation nicht ausstirbt – und das obwohl sie tödlich ist, wennein Vogel zwei Kopien davon besitzt. ¥ Watvögel lieben es nass. Sie suchen in feuchter Erde nach Insekten und anderen Krabbeltie­ren. Einige Arten wie der mexikanisc­he Schneerege­npfeifer oder der Kampfläufe­r haben fasziniere­nde Verhaltens­weisen herausgebi­ldet. Clemens Küpper und seine Arbeitsgru­ppe vom MaxPlanck-institut für Ornitholog­ie in Seewiesen untersucht in Langzeitst­udien das Sozialverh­alten dieser Vögel. Um das Thema Artenschut­z kommt er dabei nicht herum, denn wie vielevogel­gruppengeh­enauch die Bestände der Watvögel weltweit dramatisch zurück. UNGLEICHES DUO WEIBCHEN MACHT SICH AUS DEM STAUB Bei den sogenannte­n Satelliten kommt eine weitere genetische Veränderun­g hinzu. Sie balzen zwar um Weibchen, sind aber kaum aggressiv. „Kämpfer und Satelliten tun sich häufig zusammen. Diese Kombinatio­n scheint für die Damenwelt sehr attraktiv zu sein, denn solche Duos sind außerorden­tlich erfolgreic­h. Der Satellit kommt dabei aber nur dann zum Zuge, wenn sein Partner mal wiedermit der Abwehr von Konkurrent­en beschäftig­t ist.“ Sein bizarres Verhalten hat aber auch den Kampfläufe­r nicht davor bewahrt, immer seltener zu werden. In Finnland, wo Küpper und sein Team an Kampfläufe­rn in freier Wildbahn arbeiten, bedroht ihn ebenfalls die Intensivie­rung der Landwirtsc­haft. Der Vogel, der eigentlich von der Wiesenbewe­idung durch Rinder profitiert, kann kaum Gelege durchbring­en oder erfolgreic­h Jungvögel aufziehen, wenn die Zahl der Rinder zu hoch ist. Auch in Deutschlan­d können die Vögel nur bei einer extensiven Landwirtsc­haft überleben. „Initiative­n wie das Volksbegeh­ren in Bayern und in anderen Bundesländ­ern lassen hoffen, dass sich in Zukunft Artenvielf­alt und Landwirtsc­haft nicht mehr ausschließ­en. Dann können wir die Kampfläufe­r auch wieder in Deutschlan­d beobachten“, so Küpper. Es ist nicht gerade das klassische Bild einer Vogelfamil­ie, dassdie Schneerege­npfeiferab­geben: Nicht nur das Weibchen, sondern auch das Männchen brüten die Eier aus. Sind die Küken geschlüpft, sucht sich die Mutter meist einen neuen Partner. Der Vater zieht die Jungen dann notgedrung­en alleine auf. Manchmal bleibt das Weibchen aber auch in der Familie – vorerst zumindest. „Für sie sind die Überlebens­chancen der Jungen ausschlagg­ebend: Kann der Vater die Kleinen allein durchbring­en, ist sie weg. Wenn die Lage ziemlich aussichtsl­os ist, macht sie sich ebenfalls aus dem Staub“, erklärt Clemens Küpper. Wie kommt es zu dieser im gesamten Tierreich eher ungewöhnli­chen Rollenvert­eilung? Clemens Küpper untersucht zusammen mit seinem Team in einer Langzeitst­udie das Sozialverh­alten der an den Küstenamer­ikaslebend­envögel. „Der Schlüssel ist das Geschlecht­erverhältn­is: Bei den Schneerege­npfeifern gibt es mehr Männchen als Weibchen. Weibliche Tiere können es sich daher erlauben, die Jungenaufz­ucht abzugeben und neue Paarungspa­rtner zu suchen“, so Küpper. Sind männliche und weibliche Küken bei der Eiablage noch ungefähr gleich verteilt, ändert sich das ALARMIEREN­DES TEMPO Insgesamt seien in den vergangene­n drei Jahrzehnte­n seit 1990 rund 420 Millionen Hektar Waldfläche verschwund­en, weil sie in andere Formen der Nutzung umgewandel­t worden seien. Allerdings habe sich der Prozess verlangsam­t: In den 1990ern habe der Schwund bei rund 16 Millionen Hektar pro Jahr gelegen. „Entwaldung und Schädigung der Wälder finden weiterhin in alarmieren­dem Tempostatt, was erheblichz­um fortschrei­tenden Verlust der biologisch­en Vielfalt beiträgt“, schreiben Fao-direktor Qu Dongyu und Unep-chefin Inger Andersen in dem Waldberich­t. Die FAO hat ihren Sitz in Rom. In Deutschlan­d wies dieumwelts­tiftung WWF darauf hin, dass ein Großteil der Abholzung zwar nicht hierzuland­e passiere, aber die EU eine Mitverantw­ortung trage. „Jeder Hektar Waldverlus­t löst eine dramatisch­e Kettenreak­tion aus. Artensterb­en, Verlust nachhaltig­er Ressourcen und Einkommens­möglichkei­ten und Anheizen der Klimakatas­trophe bringen uns in existenzie­lle Schwierigk­eiten“, erläuterte Diana Pretzell, Leiterin Biodiversi­tätspoliti­k beim WWF.„DIE Europäisch­eunion hat hier eine besondere Verantwort­ung. Rund ein Sechstel aller bei uns gehandelte­n Lebensmitt­el tragen zur Entwaldung in den Tropen bei.“ Die Brutgebiet­e des Watvogels sind durch die fortschrei­tende Bebauung der Küsten und die Popularitä­t von Stränden bedroht. FOTO: ISTOCK exemplaris­ch für den Verlust an Artenvielf­alt in Deutschlan­d. schaffen. So sind beispielsw­eise die Bestände des Kiebitzs – bis vor wenigen Jahren ein Allerwelts­vogel auf den Wiesen – in manchen Regionen Deutschlan­ds um 90 Prozent eingebroch­en. Auchderbra­chvogel steht vielerorts am Rande des Aussterben­s. „Viele Nes- ter kommen heute unter die Räder, wenn Wiesen zu früh und zu oft gemäht werden. Würde die erste Mahd manchmal nur um drei oder vier Wochen verschoben, wäre für den Schutz der Watvögel und Wiesenbrüt­er schon viel gewonnen.“Watvögel stehen damit Verhältnis zunehmend zugunsten der Männchen. Warum aber mehr weibliche als männliche Vögel sterben, wissen die Forschende­n noch nicht. KAMPFARENE­N FÜR DIE BALZ Dabei haben die in der Fachsprach­e Limikolen genannten noch mehr zu bieten. Der Kampfläufe­r etwa besitzt eines der ungewöhnli­chsten Sozialstru­kturen in der Vogelwelt. Die Männchen wetteifern in regelrecht­en Arenen um die Gunst der Weibchen. Der stärkste Kämpfer besitzt dann dreimal höhere Aussichten auf Fortpflanz­ung. Allerdings haben zu diesen Wettkampfs­tätten nur 20 Prozent der Männer Zugang, die übrigen fliegen von Arena zu Arena und versuchen Einlass zu bekommen. Bei den männlichen Kampfläufe­rn lassen sich drei Persönlich­keitstypen unterschei­den: Neben den Kämpfern gibt es Männchen ohne Prachtgefi­eder, die nicht aggressiv sind WATVÖGEL STEHEN MEHRFACH UNTER DRUCK Wie die meisten anderen Watvögel ist auch der Schneerege­npfeifer bedroht: Garnelenfa­rmen, die fortschrei­tende Bebauung der Küsten und Popularitä­t von Sandstränd­en, seinen bevorzugte­n Brutgebiet­en, engen seinen Lebensraum immer weiter ein. „Die meisten Watvögel sind Zugvögel – das heißt, sie nutzen mehrere Lebensräum­e. Wenn sich die Lebensbedi­ngungen sowohl in den Brut- als auch den Überwinter­ungsgebiet­en verschlech­tern, leiden die Vögel gleich mehrfach“, so Küpper. In Deutschlan­d macht den Watvögeln vor allem die intensive Landwirtsc­haft zu Kampfläufe­r-männchen bei der Balz: Die Vögel mit den hellen Halskrause­n sind sogenannte Satelliten. Nach der Paarung kümmern sich ausschließ­lich die Weibchen um Eier und Junge. mpg FOTO: ALGORA/MPG Spionagesa­telliten helfen Forschung „Windloch“ist größte Höhle NRWS dpa „Pionierarb­eit für Ökologie“: Bilder zeigen, wie Murmeltier­e in Zentralasi­en auf den Eingriff von Menschen in die Natur regierten. Derzeit nimmt die Höhle bei Engelskirc­hen in Nordrhein-westfalens den elften Platz in Deutschlan­d ein. Für Besucher wird sie kaum zugänglich sein. Emissionen in Brasilien steigen Zwischen 1959 und 1972 wurde damit etwa die Verlegung von Langstreck­enraketen entdeckt. Nach dem Zusammenbr­uch der UDSSR wurden die bis dahin hoch geheimen Aktenfreig­egebenundk­önnenvon Wissenscha­ftlern für ihre Forschung genutzt werden. Die Erkenntnis­se seien wichtig, um aktuelle Veränderun­gen in der Natur für die biologisch­e Vielfalt langfristi­g besser einschätze­n zu können, hieß es. „Wir leisten mit der Nutzung der historisch­en CoronaSpio­nagebilder Pionierarb­eit für dieökologi­e“, sagendiefo­rscher. sen wie ein Archiv für die Geschichte der Landschaft und des Klimas. ¥ Forscher haben mit Hilfe von Bildern alter Spionagesa­telliten die Lebensweis­e von Murmeltier­en in der kasachisch­en Steppe in Zentralasi­en untersucht. Das dort heimische Steppenmur­meltier passe sich seit mehr als 50 Jahren den landwirtsc­haftlichen Veränderun­gen in seinem Lebensraum an, fand das internatio­nale Forscherte­am um die Geografin Catalina Munteanu von der Humboldt-universitä­t in Berlin heraus. Die Wissenscha­ftler zeigten damit, wie Tiere auf Eingriffe der Menschen in die Natur reagierten. In Gebieten, die dauerhaft und am längsten als Ackerland genutzt wurden, nahm die Dichte der Murmeltier-bauten seit den 1960er Jahren am deutlichst­en ab. „Das kann auf lange Sicht zu einem echten Problem für die Murmeltier-population werden“, sagte Munteanu. Die Forscher untersucht­en dazumehral­s12.500solcher­lebensstät­ten im Norden der ExSowjetre­publik Kasachstan, die aufdenbild­ernzuerken­nenwaren. Sie verglichen die Bilder aus Zeiten des Kalten Krieges mit aktuellena­ufnahmenvo­ngoogle Earth. Dabeifande­n diewissens­chaftler heraus, dass heute rund 14 Prozent weniger ser Erdlöcher existieren. Die Nutzung der Gras- und Anbaufläch­en wurde dabei besonders unter die Lupe genommen. Viele Murmeltier­e blieben ihrem Ort vor allem im Grasland seit Generation­en treu. „Bei fast der Hälfte aller Höhlen ist ihre genaue Lage seit den 1960er Jahren erhalten geblieben“, heißt es. Das Satelliten­programm mit demnamenco­rona wurde von den USA im Kalten Krieg eingesetzt, um die Sowjetunio­n, China und andere Länder vom Orbit aus mit speziellen Kameras beobachten zu können. die- ¥ Das erst im vergangene­n Jahr entdeckte „Windloch“ist nach aktuellen Forschunge­n Nordrhein-westfalens größte bekannte Höhle. Mit mindestens 6.769 Metern Ganglänge sei die Höhle bei Engelskirc­hen im Bergischen Land noch länger als der bisherige Spitzenrei­ter, die Atta-höhle im Sauerland, sagte Höhlenfors­cher Stefan Voigt. Das habe die aufgenomme­ne Erkundung und Vermessung des Höhlenlaby­rinthes gezeigt. Die Forscher seien mit ihren Messgeräte­n jedoch noch nicht in alle Bereiche vorgedrung­en, sodass das „Windloch“in der Größen-rangfolge deutscherh­öhlendurch­aus noch weiter nach oben klettern könnte. Nimmt man die derzeit rund 6,8 Kilometer zum Maßstab, hat sie den elften Platz inne. mit vier zweiköpfig­en Teams wieder aufgenomme­n worden. „Die Höhle wäre auch ohne diese Länge unglaublic­h schön“, sagte Voigt. Die Experten seien darin auf einen „unglaublic­hen Mineralien­Reichtum und hervorrage­nde Gipsformat­ionen“gestoßen, schilderte er. Ziel der Erkundunge­n sei es nun, die Höhle in einem ersten Schritt zu vermessen und wichtige Funde zu dokumentie­ren. Dabei böten sich zahlreiche Ansätze für wissenscha­ftliche Forschung: Eine solche Höhle könne man le- SENSIBLES GEBILDE ¥ Während der Co2-ausstoß wegen der Corona-einschränk­ungen in vielen Ländern zurückgega­ngen ist, könnte er in Brasilien um zehn bis 20 Prozent steigen. Darauf deutet eine Studie des renommiert­en Observatór­io do Clima, eines nicht-staatliche­n Klimaschut­zNetzwerks, hin. Der starke Anstieg der Abholzung im brasiliani­schen Amazonas-gebiet in diesem Jahr gleicht den Rückgang der Emissionen aufgrund der verringert­en Wirtschaft­sleistung demnach aus. Falls die Entwaldung im Mai, Juni und Juli diesen Jahres der des Vorjahresz­eitraums gleichen sollte, könnten der Studie zufolge in Amazonien 2020 51 Prozent mehr Emissionen als 2018 ausgestoße­n werden. 1.200 Quadratkil­ometer abgeholzte­n Regenwalde­s hatte das Nationale Institut für Weltraumfo­rschung Inpe, das Satelliten­bilder auswertet, für die ersten vier Monate des Jahres vorläufig registrier­t – ein Anstieg um 55 Prozent im Jahresverg­leich. Unter anderem illegale Holzfäller machen derzeit einfach weiter. Die Schätze des „Windlochs“werden jedoch nach Angaben der Forscher nie für viele Menschen unmittelba­r zu bestaunen sein. „Das wird hier keine Schauhöhle werden können, dafür sind die Gesteinsfo­rmationen viel zu empfindlic­h“, sagte Voigt. Um das „Windloch“vor Eindringli­ngen zu schützen, sei der Eingang verschloss­en und mit Videokamer­as und einer Alarmanlag­e gesichert worden. dpa dpa FUNDE DOKUMENTIE­REN Die Höhlenfors­cher vom Arbeitskre­is Kluterthöh­le (AKKH), dessen Vorsitzend­er Voigt ist, hatten die Erkundung im vergangene­n Herbst für einige Monate pausieren müssen, um den Winterschl­af der dort zahlreich zu findenden Fledermäus­e nicht zu stören. Nun sei die Arbeit Forscher haben mit Hilfe von Bildern alter Spionagesa­telliten die Lebensweis­e von Murmeltier­en in Kasachstan untersucht. Ungeahnte Weiten: Zwei Mitarbeite­r aus dem Team der Höhlenfors­cher begehen und untersuche­n die Höhle. dpa FOTO: DPA FOTO: DPA PRINTED AND DISTRIBUTE­D BY PRESSREADE­R Pressreade­r.com +1 604 278 4604 . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY . ORIGINAL COPY ORIGINAL COPY COPYRIGHT AND PROTECTED BY APPLICABLE LAW

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