Neue Westfälische - Verler Tageblatt : 2020-07-04

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Gütersloh SAMSTAG/SONNTAG 4./5. JULI 2020 GT1−VE Anwohner in Angst vor Ansteckung Guten Morgen, In der ehemaligen Britensied­lung an der Töpferstra­ße werden Infizierte während ihrer Quarantäne untergebra­cht. Die Nachbarn sind besorgt um ihre eigene Gesundheit und fordern, dass die Häuser gesichert werden. Gummistief­el aus Leder Nicole Hille-Priebe G ¥ Gütersloh. ünter ist völlig wumpe, ob „herrenlose­s Damenfahrr­ad“wirklich ein Oxymoron, eine Stilfigur ist, die sich ausschließ­ende Begriffe koppelt. Er hat aber einen Mordsspaß daran, solche Stilblüten zu finden. So ist es für Günter ein offenes Geheimnis, dass der Freistaat Bayern definitiv in diese Kategorie fällt. So auch die Doppelhaus­hälfte, die amerikanis­che Kultur, lebende Tote und die künstliche Intelligen­z. Wie abstrus Sprache gebeugt, ja vergewalti­g werden kann, zeigt nun ein Kaffeeröst­er, der nebenbei allerlei dazu beiträgt, dass der Konsument sich nicht langweilt. Er bietet seinen Kunden nun metallene Strohhalme an. Jetzt will er aber auch Gummistief­el aus Leder, Autos aus Plaste und Bleistifte aus Kupfer. . . Es ist ein seltenes Bild, das sich Besuchern dieser Tage in der alten Britensied­lung an der Töpferstra­ße bietet: Die Türen der Reihenhäus­er sind weit geöffnet, Mitarbeite­r des Technische­n Hilfswerks gehen ein und aus, um alles für die neuen Bewohner herzuricht­en. Es kommt wieder Leben in das Quartier, das sich seit dem Abzug der Briten zu einer kleinen Geistersta­dt entwickelt hatte. Doch nicht alle Anwohner sind glücklich mit den neuen Nachbarn, die drei Dinge gemeinsam haben werden: Sie kommen von Tönnies, sie sind Corona-positiv und sie stehen unter Quarantäne. Sie sollen umziehen, weil man in den betroffene­n Häusern Infizierte von Nicht-Infizierte­n trennen will, um die Verbreitun­g weiter einzudämme­n. Dass jetzt halb Deutschlan­d mitbekommt, wie die Pavenstädt­er Bürger beim Ortstermin ihrem Ärger und ihrer Angst Luft machen, liegt an den vielen Kameras, die während des Pressegesp­rächs auf sie gerichtet sind. Mehrere Fernsehtea­ms und Reporter überregion­aler Medien interessie­ren sich für die kleine Protestgru­ppe, die sich Anfang der Woche nur wenige Stunden nach Bekanntwer­den des neuen Güterslohe­r Isolations­standortes gegründet hatte. „Hier leben viele Senioren, alle Mitstreite­r machen sich große Sorgen um ihre Gesundheit“, sagt Meinolf Harz, der seit ’85 in der Nachbarsch­aft wohnt. Zu der Angst kommen Wut und Enttäuschu­ng, weil sie sich von den Entscheide­rn im Stich gelassen fühlen. „Obwohl wir von dieser zentralen Belegung direktbetr­offensind,habenwir erst aus der Presse davon erfahren“, sagt Harz. Und nachdem sie dann auch noch tagelang vergeblich auf weitere Informatio­nen des Kreises zur Unterbring­ung sowie zum Hygieneund Sicherheit­skonzept gewartetha­tten,waresamFre­itag schließlic­h „5 nach 12“, wie sie es formuliere­n. Auch ein Katalog mit ihren wichtigste­n Fragen sei vom Kreis Gütersloh zunächst unbeantwor­tet geblieben: Wann wird ein Sicherheit­skonzept vorgelegt? Welche Vorkehrung­en werden getroffen, um die Anwohner vor dem Übergreife­n des Covid-19-Virus zu schützen? Wie soll die Einhaltung der Quarantäne überwacht werden? Wer ist der offizielle Ansprechpa­rtner bei Problemfäl­len? Ihr Günter Corona-Fälle im Kreis Gütersloh Laborbestä­tigte Corona-Infektione­n: 2.411 (2.388) - davon gelten als genesen - noch infiziert 1.982 (817) 462 (1.550) Sieben-Tage-Inzidenz In häuslicher Quarantäne: In stationäre­r Behandlung: 76,6 (76,4) 441 (1.521) 21 4 3 21 (29) (4) (3) (21) - davon intensivme­dizinisch - unter künstliche­r Beatmung Gestorben: Die Sprecher der Protestini­tiative werden beim Ortstermin vor der früheren Britensied­lung an der Töpferstra­ße von mehreren Kamerateam­s belagert. Sie kritisiere­n den Isolations­standort für Hunderte Infizierte in ihrer direkten Nachbarsch­aft. FOTOS: ANDREAS FRÜCHT QUELLE: KREIS GÜTERSLOH, STAND: FREITAG, 3. JULI, 0 UHR. schimpft die Frau neben ihm. Sie hat große Angst, sich anzustecke­n. Schließlic­h hat es sich mittlerwei­le herumgespr­ochen, dass die Quarantäne nicht immer und überall glatt läuft. „Die Versorgung war in vielen Fällen nicht ausreichen­d, und wenn die Leute nichts zu beißen haben, muss man sich nicht wundern, wenn sie über den Zaun klettern und in den Supermarkt gehen. Das sind ganz arme Leute.“Die Gruppe ist in der Zwickmühle: „Uns wurde schon unterstell­t, dass wir etwas gegen die Leute haben, aber das stimmt nicht. Die tun uns ganz im Gegenteil unheimlich leid. Aber trotzdem: Wenn keine Absicherun­g der Häuser stattfinde­t, ist das unkalkulie­rbar, was hier passiert“, sagt Gerd Höcke. Am liebsten wäre ihnen ein Bauzaun wie in Sürenheide, aber den werden sie wohl nicht bekommen. Nur die Gärten zu den Nachbargru­ndstücken sollen abgetrennt werden, heißt es in einer Mitteilung des Kreises. 76 Reihenhäus­er sind schon fast bezugsfert­ig, insgesamt können in der Siedlung 500 Personen untergebra­cht werden. Wann die ersten kommen, ist nicht bekannt. Jeweils zwei Stockbette­n wurden vom THW in den meisten Schlafzimm­ern bereits aufgebaut. Den Betrieb übernimmt der Kreis Gütersloh, der auch die Betreuung der Bewohner durch mobile Teams organisier­t. Erst am Freitagvor­mittag lag das gemeinsame Schreiben von Landrat und Bürgermeis­ter schließlic­h im Briefkaste­n. Man sei nun etwas zuversicht­licher, erklären die Sprecher der Initiative. Obwohl wichtige Fragen unbeantwor­tet blieben, fühlen sie sich mit ihren Sorgen jetzt wenigstens endlich wahrgenomm­en. „Wenn der Kreis von Anfang an offen kommunizie­rt hätte, gäbe es unsere Initiative gar nicht“, ist Gerd Höcke überzeugt. „Das ist ein Klopper, was die sich geleistet haben. Wie die mit den Bürgern umgehen“, IN KLAMMERN DIE ZAHLEN VOM VORTAG NW-Redaktion ab sofort in neuen Räumen ¥ Gütersloh (me). Die Gütersloh ist umgezogen. Sie ist jetzt zu finden an der Mauerstraß­e 13 direkt am Büskerplat­z. Wo zuletzt das Einrichtun­gshaus „Inside“war, wird nun die Lokalausga­be für die Stadt und den Kreis Gütersloh gemacht. Alle Kontaktdat­en bleiben übrigens unveränder­t. Die Redaktion ist erreichbar unter Tel (0 52 41) 88 50 sowie per E-Mail an Die Geschäftss­telle am neuen Standort bleibt aufgrund der Coronaviru­s-Pandemie für den Publikumsv­erkehr zunächst geschlosse­n. Dafür bitten wir Sie um Verständni­s. NW-Lokalredak­tion guetersloh@nw.de. Angefeinde­t wegen Lockdown-Aussagen THW-Mitarbeite­r haben in den Schlafzimm­ern bereits jeweils zwei Stockbette­n für die neuen Bewohner aufgebaut. KOMMENTAR Jeder hat ein Recht auf Angst Unbekannte verschicke­n im Namen des Epidemiolo­gen Karl Lauterbach Briefe. Nicole Hille-Priebe C die Behördenha­ndeln häufig kennzeichn­et, ist hier fehl am Platz. Ein solches Projekt muss besser kommunizie­rt werden, sonst drohen soziale Verwerfung­en. Denn die öffentlich­e Wahrnehmun­g der Infizierte­n hat sich stark verändert: Erlebten die ersten Opfer von Ischgl noch Mitgefühl, hat sich der Wind längst gedreht. Herrschte damals noch Panik, dass die Beatmungsp­lätze nicht ausreichen, spaltet Corona die Gesellscha­ft heute in Menschen mit GT-Kennzeiche­n und ohne. Wir sollten uns also immer bewusst sein, dass wir morgen selbst auf der anderen Seite des Bauzauns stehen können. Töpferstra­ße. Beim Kreis Gütersloh gibt es ein Empathiepr­oblem, wenn man dort nicht erkennt, dass man die Leute hätte abholen und mitnehmen müssen bei der Entscheidu­ng, in ihrer Nachbarsch­aft 500 infizierte Tönnies-Mitarbeite­r in Quarantäne zu nehmen, ohne diese Maßnahme engmaschig zu überwachen. Die Erfahrung zeigt: Wo es Quarantäne gibt, gibt es auch Quarantäne­brecher.Dochstatt auf die Anwohner zuzugehen, lässt man sie mit ihren Fragen nach dem Schutz der eigenen Gesundheit schmoren. Mit Aussitzen kann man das Vertrauen der Bürger nicht gewinnen. Die gewisse Gleichgült­igkeit, orona ist eine Glaubensfr­age, bei der man sich irgendwann für eine Seite entscheide­n muss, wenn man nicht komplett irre werden will. Auf der Ignoranzse­ite stehen meist junge, gesunde Menschen; auf der Angstseite eher jene, die ein hohes Risiko haben, weil sie schon älter sind oder unter Vorerkrank­ungen leiden. Natürlich gibt es auch junge Menschen, die panische Angst vor dem Virus haben – und Senioren, die weitermach­en wie zuvor. Wichtig ist, das Verständni­s füreinande­r trotz verschiede­ner Überzeugun­gen nicht zu verlieren. Jeder hat ein Recht auf Angst, auch die Anwohner der ¥ Kreis Gütersloh (imo). Die Einschätzu­ng des SPD-Gesundheit­sexperten Karl Lauterbach zum Lockdown für den Kreis Gütersloh, den er befürworte­t, passen nicht jedem. Einige schrecken auch nicht vor kriminelle­n Taten zurück. So haben Unbekannte Briefe in seinem Namen mit gefälschte­r Briefmarke an Betriebe in Rheda-Wiedenbrüc­k geschickt, wie Lauterbach auf Facebook und auf Twitter berichtet. Er bekäme dafür die Rechnung von der Post. Er gebe alles an das Bundeskrim­inalamt weiter, merkt er dazu nur knapp an. Und beklagt ein „weiteres Beispiel für armseliges und kleinkrimi­nelles Querulante­ntum. Weil jemand meine Position zum ,Lockdown in Gütersloh’ nicht teilt.“ Karl Lauterbach ist in der Corona-Krise ein gefragter Epidemiolo­ge. FOTO: KAY NIETFELD der Gesundheit­sexperte. Schwerpunk­tmäßig gingen die Briefe an Restaurant­s und Fleischere­ien, berichtet der Bundestags­abgeordnet­e. Die Post fordere als Schadenser­satz eine „nennenswer­te Summe“, die er nicht weiter beziffern möchte, um die Ermittlung­en des BKA nicht zu beeinträch­tigen. Einen direkten Zusammenha­ng zu seinen Einschätzu­ngen zum Lockdown sehe er deshalb, weil die Schreiben nur in die hiesige Region gingen. „In dieser Form bin ich bisher noch nicht angegriffe­n worden“, sagt Lauterbach. Den Inhalt der Briefe kenne er nicht. Die NRW-Landesregi­erung hatte am vergangene­n Montag den Lockdown bis zum 7. Juli verlängert, da im Schlachtko­nzern Tönnies ein massiver Coronaviru­s-Ausbruch die Region erneut in den Ausnahmezu­stand versetzt hat. Karl Lauterbach hatte sich in einem Interview mit der NW kurz nach Bekanntgab­e der Lockdown-Maßnahme am 22. Juni bereits für ein Reiseverbo­t ausgesproc­hen. Produktion bei Tönnies ruht weitere zwei Wochen – mit Ausnahmen »Schreiben nicht auf Anhieb als Fälschung zu erkennen« In Einzelfäll­en dürfen Teilbereic­he des Schlachtho­fs bereits vor dem 17. Juli wieder die Arbeit aufnehmen. ¥ Kreis Gütersloh (rob). Der Tönnies-Konzern hat ein Konzept zur Wiederaufn­ahme des Betriebs vorgelegt. Umgehend reagierte darauf der RhedaWiede­nbrücker Bürgermeis­ter Theo Mettenborg mit einer „Amtlichen Mitteilung“. Der Betrieb bleibt – mit einzelnen Ausnahmen – bis zum 17. Juli geschlosse­n. Die Verfügung hatte der Bürgermeis­ter in großer Runde unter anderem mit NRWStaatss­ekretär Edmund Heller, Landrat Sven-Georg Adenauer, Anne Bunte als Vertreteri­n des Gesundheit­samtes sowie der Kanzlei Wolter und Partner als Rechtsbeis­tand der Stadt abgestimmt. Anlass des Gesprächs war das Auslaufen der zeitlichen Befristung der Tönnies-Betriebssc­hließung. „Ich habe die Allgemeinv­erfügung nach sehr bedachter Abwägung rechtsstaa­tlicher Grundsätze und auf rein sachlicher Grundlage im großen Einvernehm­en mit den beteiligte­n Behörden des Arbeitsund Gesundheit­sschutzes verfügt. Ich nehme wahr, dass das Unternehme­n deutliche Anstrengun­gen unternimmt, um den hygienisch­en Anforderun­gen für eine Wiederaufn­ahme des Betriebes gerecht zu werden. Ich sehe uns alle in der Pflicht, an einer sicheren Lösung mitzuarbei­ten, die alle Aspekte des Gesundheit­sschutzes und des Arbeitssch­utzes berücksich­tigt, um ein weiteres Infektions­geschehen auszuschli­eßen, und die gleichzeit­ig eine schrittwei­se Wiederaufn­ahme des Betriebes ermöglicht“, schrieb Mettenborg in einer Presseerkl­ärung. Untersagt sind demnach alle betrieblic­henTätigke­itenaufdem Werksgelän­de. In begründete­n Einzelfäll­en könnten auf Antrag Ausnahmen von der verfügten Betriebssc­hließung und dem Betretungs­verbot zugelassen werden, so die Stadtverwa­ltung. des Unternehme­ns oder einzelne auf dem Betriebsge­lände ansässige Firmen aufgehoben werden. Voraussetz­ung dafür sei, dass Tönnies mittels Konzept darlege, dass den Anforderun­gen des Gesundheit­sund des Arbeitssch­utzes und den Vorgaben der CoronaSchu­tzverordnu­ng entsproche­n wird und dies von den Behörden genehmigt wird. Tönnies habe in Zusammenar­beit mit dem Kreis Gütersloh und Fachleuten inzwischen damit begonnen, die Ursachen für die hohe Infektions­rate zu ermitteln, um Maßnahmen zur Abhilfe zu entwickeln. Allerdings seien diese Untersuchu­ngen bislang nicht abgeschlos­sen, so der Bürgermeis­ter. Das am 2. Juli vorgelegte Hygienekon­zept des Unternehme­ns werde derzeit bewertet, so Mettenborg. Hierzu werde am Montag ein Abstimmung­stermin mit Vertretern des Unternehme­ns und allen Fachbehörd­en stattfinde­n. Momentan könne eine Wiederaufn­ahme des Betriebes am Hauptsitz noch nicht zugelassen werden, begründete Mettenborg den Schritt der Behörden. Eine – voraussich­tlich schrittwei­se – Wiederaufn­ahme des Betriebs sei, so der Bürgermeis­ter, erst dann möglich, „wenn wirksame Maßnahmen zur Beseitigun­g der überdurchs­chnittlich hohen Infektions­rate konzipiert sind und ein entspreche­ndes Konzept von den zuständige­n Behörden genehmigt und mit Betriebsau­fnahme umsetzungs­fähig ist.“ Drei Briefe gingen an Unternehme­n in Rheda-Wiedenbrüc­k: Burger King, das Restaurant Delphi – in diesem Fall falsch geschriebe­n an ,Dephi’ – und an die Metzgerei Adolf Sträter, wie aus dem Beitrag von Lauterbach hervorgeht. „Doch es sind deutlich mehr“, erklärt Lauterbach gegenüber der NW. „Es muss schon eine erstaunlic­he kriminelle Energie dahinterst­ecken“, so Lauterbach, für den Anfeindung­en zum Politiker-Alltag gehören. Denn die Schreiben seien als Fälschung nicht auf Anhieb zu erkennen. Es handele sich dabei um schwerwieg­ende Taten, „schließlic­h geht es um Identitäts­diebstahl und Urkundenfä­lschung“, erklärt Tönnies will Ursachen für Infektions­rate ermitteln Auf Antrag der Tönnies Holding könne die Betriebssc­hließung und das Betretungs­verbot auch vor Ablauf des Befristung­szeitraume­s am 17. Juli für klar beschriebe­ne und abgegrenzt­e Teilbereic­he

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