Neue Westfälische - Verler Tageblatt : 2020-07-04

19 : 19 : 19

19

Gütersloh SAMSTAG/SONNTAG 4./5. JULI 2020 GT3 Plötzlich steht die Bundeswehr vor der Tür Jeden Tag testen Bundeswehr und Hilfsorgan­isationen derzeit mehr als 1.000 Bewohner im Kreis Gütersloh auf das Coronaviru­s. In voller Schutzausr­üstung tauchen sie an den Haustüren auf – angekündig­t sind ihre Besuche meist nicht. Und begeistert empfangen werden sie nur selten. Plötzlich dröhnt aus dem Funk-Lautsprech­er der Hilferuf eines Teams. „Eine Person weigert sich, einen Abstrich machen zu lassen. Sie gibt auch ihre Daten nicht heraus. Warten wir auf’s Ordnungsam­t?“ Lena Vanessa Niewald ¥ Kreis Gütersloh. Mund auf – Stäbchen rein. Bis in den Rachen, und am besten noch ein kleines Stückchen weiter. Tim Kötter* muss würgen. Seine Augen werden groß. „Danke, das war’s schon.“Geschafft. Kötter hustet und wischt sich den Mund ab. Das Teströhrch­en verschwind­et in einer Tüte – Aufkleber drauf, fertig. Es ist gerade mal halb zehn, als die Bullis von Bundeswehr und Deutschem Roten Kreuz (DRK) in die idyllische Siedlung in Rheda-Wiedenbrüc­k einbiegen. Fünf Adressen stehen heute Vormittag auf der Liste von Team 13. Ob die Zahl ein schlechtes Omen ist? Man ist sich nicht ganz einig. Der ehrenamtli­che Rettungssa­nitäter Frank Markowsky (57) ist heute gemeinsam mit den drei jungen Bundeswehr-Soldaten Jan Kardovic (22), Steve Martin (20) sowie Kerem Arslan (28) und einem Dolmetsche­r unterwegs. Was sie erwartet? „Keine Ahnung“, sagtMarkow­skyundlach­t,„auf unserer Liste stehen mal wieder nur die Adressen, aber nicht, wie viele Menschen dort leben. Es kann nur eine Familie sein – es können aber auch mehr Bewohner sein. Es ist alles möglich – wie immer.“ »Solche Fälle werden dem Gesundheit­samt gemeldet« Die Antwort der Leitstelle kommt prompt. Nein – Vorfall notieren und weiter. Heute sei keine Zeit. Das Ordnungsam­t werde an anderer Stelle gebraucht. „Solche Fälle werden dann dem Gesundheit­samt gemeldet und das wird dort vorbeifahr­en“, so Markowsky. Auch bei allen Personen, die die Teams vor Ort nicht antreffen, zum Beispiel, weil sie arbeiten sind. Team 13 hatte heute Vormittag keine Ausnahmesi­tuationen. „Wir hatten alles im Griff, oder?“, sagt Markowsky und klopft seinen SoldatenKo­llegen auf die Schultern. Vorerst meldet er ein letztes Mal den Stand des Einsatzes an die Leitstelle. „Verstanden. Danke. Dann erst mal zurück nach St. Vit kommen. Dann schauen wir. Ende.“Vielleicht habe er ein paar Minuten Zeit, etwas zu essen, hofft Markowsky. Dann würden die nächsten Listen ausgeteilt. Ob es heute so ruhig bleibt? Der 57-Jährige hofft es. Er will heute Abend noch nach Hause zu seiner Familie fahren. Zwei Stunden über die A 2 nach Duisburg, um seine Frau und Söhne wieder in den Arm zu nehmen. Ganz ohne Maske – und ganz ohne Schutzausr­üstung. Während DRK-Rettungshe­lfer Frank Markowsky (r.) dem überrascht­en Bewohner dieses Mehrfamili­enhauses erklärt, was in seinem Flur passiert, übertragen die Bundeswehr-Soldaten Kerem Arslan (28, v.l.), Jan Kardovic (22) und Steve Martin (20) die Daten seines Personalau­sweises. FOTOS: ANDREAS FRÜCHT Bei fast 30 Grad in voller Schutzmont­ur – der absolute Horror der Plan. Der gerade getestete Tönnies-Mitarbeite­r berichtet allerdings, dass bei ihm bereits mehrfach ein Abstrich genommen wurde, er aber noch keine Rückmeldun­g erhalten habe. Teils seien die Tests schon Tage her. Der Ton wird rauer. hole man sich Unterstütz­ung von den Behörden. „Vergangene Woche waren wir in einem Haus gegenüber vom Güterslohe­r Bahnhof. Angekündig­t waren uns nur eine Hand voll Bewohner. Plötzlich waren es aber 30. Teilweisew­ohntenneun­Mannineine­r Wohnung. Das war schon heftig.“Besonders in Erinnerung geblieben ist dem Ehrenamtli­chen auch eine Quarantäne­Unterkunft von Arbeitern, die tagelang keine Verpflegun­g bekommen hatten. „Die Familien waren verzweifel­t. Sie hatten nichts – keine Lebensmitt­el, kein Wasser. Wir haben ihnen unsere Kisten mit Getränken gegeben, die wir noch im Auto hatten.“Solche Erfahrunge­n gehen nicht spurlos an einem vorbei. Sie bleiben hängen, sagt Markowsky: „Aber in diesen Momenten handelst du nur – ohne großartig nachzudenk­en.“ In diesem Fall handelt es sich um einen Mitarbeite­r des Fleischkon­zerns, der bereits in Quarantäne ist. Genau wie alle anderen Bewohner des Hauses lässt auch er bereitwill­ig den Abstrich machen. Mund auf, Stäbchen rein. Fertig. Nach jedem Abstrich muss der DRKRettung­shelfer die Handschuhe wechseln. Eine Herausford­erung, je schwitzige­r die Hände werden. Die Bundeswehr­Soldaten notieren derweil die Daten der Personalau­sweise, fragen nach Symptomen, Arbeitgebe­rn und weiteren Haushaltsm­itgliedern. Alle wissen, was zu tun ist, die Arbeit läuft routiniert. Die Teströhrch­en bekommen alle einen entspreche­nden Aufkleber und werden verpackt. Nach dem Einsatz werden sie sofort ins Labor gebracht – die Ergebnisse erhalten die Getesteten später per Brief oder Telefon. So zumindest der Teams melden der Leitstelle die Ergebnisse. Jetzt ist FrankMarko­wskydran.„Team 13 war an der Blumenstra­ße 20*. Drei Haushalte, acht Personen, zwei nicht angetroffe­n. Sechs Abstriche entnommen.“– „Verstanden, danke. Ende“, tönt es aus dem Lautsprech­er zurück. Das war einfach. Es läuft gut bislang. „Fast schon entspannt“, sagt Markowsky und zwinkert mit den Augen. Er ist erleichter­t, denn der 57-Jährige kennt es auch anders. Schlimmer, angespannt­er und deutlich unangenehm­er. Er kennt Einsätze, bei denen die Polizei eingreifen muss – oder die, bei denen es ohne Hilfe des Ordnungsam­tes nicht weiter geht. Immer wieder komme es vor, dass Menschen die Abstriche und die Herausgabe der persönlich­en Daten verweigern – oder gar nicht erst die Haustür öffnen würden. In solchen Fällen Warum ausgerechn­et ich? Besonders fatal: Die Einsatzkrä­fte des Mobilen Teams wissenesme­istnicht.„Wirführen nur aus – Hintergrun­dinformati­onen liegen uns oft nicht vor und dementspre­chend kommt es häufig zu für die Bewohner enttäusche­nden Gesprächen an ihrer Haustür. Ich kann ihre Fragen kaum beantworte­n“, sagt Markowsky. Der 57-Jährige kennt das Spiel mittlerwei­le. Er bleibt ruhig und freundlich. Immer. Auch an diesem Vormittag. Im Gespräch mit den Bewohnern stellt sich schnell heraus, dass in dem Mehrfamili­enhaus ein Tönnies-Mitarbeite­r wohnt. „Das wird der Grund sein, warum wir alle Bewohner hier testen sollen.“Damit geben sich fast alle zufrieden. Schockiert von dem Anblick der Bundeswehr-Bullis und Menschen in Schutzanzü­gen vor ihrer Tür sind sie aber noch immer. Etwa 40 mobile Teams sind derzeit jeden Tag im gesamten Kreisgebie­t unterwegs – Soldaten klappern gemeinsam mit ehrenamtli­chen Helfern verschiede­ner Hilfsorgan­isationen 380 Anschrifte­n täglich ab – rund 1.000 Abstriche werden entnommen. Eine logistisch­e Meisterlei­stung. Gesteuert werden die Einsätze von der Kreisfeuer­wehrschule in St. Vit. Hunderte Soldaten und Helfer tummeln sich dort aktuell. Mitten in einem etwas mehr als 1.000 Einwohner-Ort. Fast surreal ist der Anblick. Wenn die Teams aus St. Vit losfahren, wissen sie nicht, auf wen sie vor Ort treffen werden. Was sie vor Ort machen sollen, ist aber klar. Klingeln, Daten erfassen, zwei, drei Fragen stellen, Abstrich nehmen und weiter. Klingt einfach – bedarf aber enormer Vorbereitu­ng. Denn ohne Schutzausr­üstung geht hier gar nichts. Vor jedem Haus müssen sich alle Einsatzmit­glieder in Anzüge, Masken, Handschuhe und Visier hüllen. Bei den knapp 20 Grad heute in Ordnung – vergangene Woche bei fast 30 Grad der absolute Horror. „In dieser Montur schwitzt du so dermaßen, das kannst du mir glauben“, sagt Frank Markowsky, zieht seine FFP2-Maske zurecht und stülpt sich die Kapuze über. Er wird heute die Abstriche entnehmen – deshalb braucht er das komplette Schutz-Paket. Es geht los. * Namen und wurden geändert. Adressen Sie verweigern den Abstrich oder machen nicht mal die Tür auf Hier geht es zum Video: Markowksy versucht, ihn zu beruhigenu­ndverweist­ansGesundh­eitsamt. Ihm sind die Hände gebunden. Der Mann nimmteshin.Ihmbleibtn­ichts anderes übrig, als zu warten. Für das mobile EinsatzTea­m heißt es hingegen: Raus aus der Schutzklei­dung, alles in einem Müllbeutel entsorgen und ab in den Bulli. Es geht weiter. Alle paar Sekunden ertönt der Funk. Die Einsatzlei­ter Code scannen und Video auf nw.de anschauen. Neue TestStrate­gie ¥ 40 Teams besuchen bis Samstagabe­nd schwerpunk­tmäßig die Wohnungen der Tönnies-Beschäftig­ten, in denen nur negativ getestete Mitarbeite­r bzw. Haushaltsa­ngehörige leben. Sie benötigen laut Kreis nach der 14tägigen Quarantäne ein erneutes negatives Ergebnis. Sie werden vom Ordnungsam­t informiert, wann ihre Quarantäne endet. Am Sonntag folgen Haushalte, die von Ordnungsäm­tern oder Betroffene­n gemeldet wurden. Um an weitere Adressen zu kommen, hat der Kreis eine Mailadress­e eingericht­et. Wer bei Tönnies oder einem seiner Subunterne­hmer beschäftig­t ist oder mit einer solchen Person in einem Haushalt lebt und bis Sonntagabe­nd keinen Besuch von einem mobilen Team hatte, meldet sich unter DRK-Rettungshe­lfer Frank Markowsky erklärt seinen heutigen Einsatz-Kollegen von der Bundeswehr, was ansteht. Die Teströhrch­en werden in einer Box gesammelt. An der Feuerwehrs­chule in St. Vit gibt es kiloweise Schutzausr­üstung. Nach jedem Einsatz wird alles gewechselt und entsorgt. Wohnt hier bei Ihnen im Haus ein Tönnies-Mitarbeite­r? Er klingelt, die Tür geht auf, Markowsky erläutert – so gut es unter der Maske eben geht – was sich hier im heimischen Vorgarten gerade abspielt. „Ich bin vom Deutschen Roten Kreuz, die Kollegen hier von derBundesw­ehr.Wirhabendi­e Aufgabe vom Gesundheit­samt, dieses Haus zu beproben.“Nach dieser Ansprache erfolgt fast immer die gleiche Reaktion der Bewohner: Ungläubigk­eit. Schock. Entsetzen. Großaufgeb­ot im heimischen Garten. Frank Markowsiky (DRK) nimmt den Abstrich bei einem Tönnies-Mitarbeite­r. Ganz tapfer macht die kleinste Bewohnerin den Mund weit auf. Bevor es rein geht, müssen alle Anzüge, Masken, Visiere und Handschuhe anziehen – unter Beobachtun­g der Bewohner. testme @kreis-guetersloh.de

© PressReader. All rights reserved.