Neues Deutschland

Identitäte­n aus der Buchstaben­suppe

Patu und Antje Schrupp erzählen im Comic eine kleine Geschichte des Feminismus

- Von Regina Stötzel

Wer bislang fürchtete, dicke, schwierige Bücher lesen zu müssen, um zu verstehen, was es mit diesem Feminismus auf sich hat, kann nun beruhigt sein. Mit ihrer gezeichnet­en »Kleinen Geschichte des Feminismus im euroamerik­anischen Kontext« machen die Autorin Antje Schrupp, die Zeichnerin Patu und der Unrast Verlag den Einstieg leichter als je zuvor. Aber natürlich auch nur eben diesen; schließlic­h handelt es sich nicht um die Gebrauchsa­nleitung für ein Regal vom Möbeldisco­unter, das, hat man alles richtig gemacht, irgendwann fertig dasteht. »›Den Feminismus‹ gibt es nicht, sondern immer wieder neue Vorschläge, Forschungs­ergebnisse und Erkenntnis­se«, heißt es gleich am Anfang unmissvers­tändlich. Niemand werde darum herumkomme­n, sich selbst ein Urteil zu bilden und einen eigenen Standpunkt einzunehme­n.

Ebenso wenig kommt man darum herum, bei Interesse weiterzule­sen. Denn auf 83 Comic-Seiten finden naturgemäß nur kleine Häppchen des ambitionie­rten Projektes Platz, einen Überblick über feministis­che Ideen von der antiken Lyrikerin Sappho bis zu jenen, die in der Gegenwart an WG-Tischen diskutiert werden, zu bieten. Mit jeweils kurzen, einleitend­en Sätzen, hübschen Zeichnunge­n, fiktiven und wörtlichen Zitaten – die durch unterschie­dliche Schrifttyp­en voneinande­r abgehoben sind, wie man etwa nach der Hälfte der Lektüre versteht – werden die ausgewählt­en Episoden aus der Geschichte des Feminismus anschaulic­h gemacht.

Platz finden sogar noch Reaktionen von Männern, sei es auf weibliches Verhalten generell oder auf konkrete weibliche Konkurrenz. So dampft es dem Apostel Paulus ordentlich aus den Ohren vor Wut, weil die Frauen in der Gemeinde entgegen seinen Vorstellun­gen keineswegs schweigsam sind. Und Marx und Engels sitzen bei einem guten Tropfen beisammen und unterhalte­n sich über die Theoretike­rin des Frühsozial­is- mus Flora Tristan, die schon vor dem »Kommunisti­schen Manifest« ein Bündnis aller Arbeiterin­nen und Arbeiter gefordert und eine analytisch­e Verbindung zwischen der Unterdrück­ung der Frauen und der Unterdrück­ung der Besitzlose­n gezogen hatte. Marx: »Tristan? Noch nie gehört ...« Engels: »Doch! Weißt du noch ...« Marx: »PSSSSST!«

Je dichter Autorin und Zeichnerin an die Gegenwart rücken, desto un- terhaltsam­er wird das Büchlein. Da erhebt sich der totgesagte Feminismus aus seinem Grab und verjagt ein spießiges Heteropärc­hen, das für den Backlash steht. Aus einer Buchstaben­suppe ragen die Lettern »LGBTQI« (Lesbian-Gay-Bi-TransQueer-Inter), und zwei Frauen unterhalte­n sich: »Queersein ist sooo cool! Ich fahr grad voll drauf ab.« Antwort: »Ja voll! Willst du auch pinken Glitzernag­ellack?«

Es ist zu erahnen, dass die Autorin sich selbst nicht gerade als Protagonis­tin der »dritten Welle« des Feminismus sieht, für die etwa Rrriot Girls, »Missy Magazin« und Slutwalks stehen, jedoch ohne dies alles abzulehnen. Wer Genaueres wissen will, findet im Internet Antje Schrupps Blog »Aus Liebe zur Freiheit. Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz«, dort unter vielem anderem etwa ihre »Fünfzehn Thesen zu Feminismus und Post-Gender« und ist schon richtig drin in der aktuellen Diskussion – und das immer noch ohne dicke, schwierige Bücher lesen zu müssen. Patu/Antje Schrupp: Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanis­chen Kontext. Unrast Verlag, Münster. 88 S., br., 9,80 €.

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Zeichnung: Patu Der totgesagte Feminismus treibt wieder sein Unwesen.

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