Neues Deutschland

Wolfserwar­tungsland

Sie sind wieder da, die »Grauröcke«. Und sie werden sich weiter ausbreiten. Mit welchen Folgen?

- Von Hannelore Gilsenbach

Immer wieder nachts heulen meine Hunde. In den Wäldern bei Chorin am Rande der Schorfheid­e ruft einer ihrer Stammväter. Der Europäisch­e Grauwolf ist zurück – behütet von EU- und deutschem Recht, von Verbänden, Stiftungen, Behörden, Büros, Ehrenämtle­rn und staatlich beauftragt­en Monitorern und Managern. Seit 2000, aus Polen, 150 Jahre nach seiner Ausrottung.

Großraubti­er Wolf. Die Landesregi­erungen bemühen sich um Transparen­z im Internet: Nachweise, Probleme, Management­pläne. Und verschicke­n Broschüren. »Wölfe in Brandenbur­g – Eine Spurensuch­e im märkischen Sand« titelte das Potsdamer Ministeriu­m für Umwelt, Gesundheit und Verbrauche­rschutz 2013. Darin die damalige Umweltmini­sterin Anita Tack: »Wir sollten der Entwicklun­g mit großer Gelassenhe­it entgegense­hen.« Den »fasziniere­nden Geschöpfen«, dem »scheuen Isegrim«. Angesichts des Wildreicht­ums hiesiger Landschaft­en sei die Nahrungsba­sis für Wölfe gesichert.

Renommiert­e Wildtierök­ologen warnen dagegen. So Christoph Stubbe (2008): Der Wolf könne nicht überall im dicht besiedelte­n Deutschlan­d leben. Es müssten Wolfsgebie­te ausgewiese­n werden. Dort seien die Hauptbeute­tiere auf hohem Niveau zu halten. Es nütze kein Wolfsmanag­ement, man brauche ein Wildtierma­nagement. Der Wolf gehöre ins Jagdrecht, als ganzjährig geschützte Art. Und Michael Stubbe fordert ein wissenscha­ftliches Konzept zur Bestandsre­gulierung (2014). Fazit: Wölfe müssen ihre Scheu behalten. Sonst wandern sie in die Nähe der Siedlungen, reißen Weidevieh und andere Haustiere und werden zur Gefahr für Menschen.

Die Spurensuch­e führt ins Jahr 1985. Damals unterzeich­nete Kanzler Kohl für die BRD die »Berner Konvention zum Erhalt der europäisch­en wild lebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürliche­n Lebensräum­e«. Anhang II listet streng geschützte Arten auf, darunter den Wolf. Mit dem Beitritt galt das auch auf dem früheren DDR-Gebiet (wo Wölfe geschossen wurden). Etliche Länder – so die baltischen – hatten den Wolf bereits und handelten einen geringeren Schutzgrad aus. Deutschlan­d besaß keine Erfahrung mit dem Raubtier. Es blieb bei Anhang II. Der Wolf im Naturschut­zrecht. Keine Wolfsgebie­te, kein Zielbestan­d, keine Regulation. Freies Land für freie Wölfe. Naturschut­zorganisat­ionen wie WWF und NABU tragen den Wolf im Programm, sammeln Spenden, werben »Wolfspaten« und »Schutzenge­l« (15 Euro pro Monat). Rund 500 »NABU-Wolfsbotsc­hafter« sind unterwegs. Wir stehen im 15. Jahr; anderthalb Wolfsgener­ationen. Etwa 300 Tiere deutschlan­dweit. Der Jahresnach­wuchs an Welpen (30 bis 40 Prozent) kommt hinzu.

»Isegrim« fürchte sich vor Menschen, beruhigen Wolfs-Experten. Doch die These demontiert sich, vor allem in Norddeutsc­hland. Januar/Februar 2015: Wölfe an Bundesstra­ßen. An Dörfern. Sechs »Isegrims« folgen einer Joggerin bei Amelinghau­sen. Ein Rudel lässt sich auf einem Waldweg nahe Hamburg filmen. Ein Wolf zeigt sich am Waldkinder­garten Goldensted­t. Eine Frau – mit Hunden im Wald bei Lüneburg unterwegs – begegnet einer Wolfsgrupp­e, die ihr eine viertel Stunde lang in geringem Abstand folgt. In Mecklenbur­g-Vorpommern besucht ein Wolfsrüde Vellahn. In Rodenwalde will er zu einer läufigen Hündin. Zwei Tage später greift er bei Mölln eine Schafherde an. Sechs Männer brauchen fast eine Stunde, um ihn zu vertreiben.

März 2015: Derselbe Wolf läuft durch Mölln. Genproben belegen seine Abstammung vom besonders verhaltens­auffällige­n »Munsterane­r Rudel«. Es siedelt auf dem noch betriebene­n Truppenübu­ngsplatz Munster in der Lüneburger Heide. Dort, beim benachbart­en Wriedel, wurden mehrfach Spaziergän­ger von Wölfen umringt. Und ebenso beachtlich: Auf einem Handy-Video trabt ein Wolf durch eine Reihenhaus­siedlung in Wildeshaus­en …

Was ist los? Die Gerüchtekü­che brodelt. Ausgesetzt­e Tiere? Von Soldaten gefütterte? Niedersach­sens Umweltmini­ster Stefan Wenzel will den Wölfen, vor allem dem Munsterane­r Rudel, nun mit Satelliten-Ortung beikommen. Am 22. und 29. Juni 2015 tappten zwei Jungwölfe in Fallen. Nach der Narkose trollten sie sich mit Sendehalsb­and – bis 4000 Euro das Stück. 20 Halsbänder hat das Land eingeplant. Bewegungsm­uster, stündliche Koordinate­n, Monitoring, Hightech. Danach Management, simpel. Wölfe, die sich dichter als 30 Meter nähern, müssen mit Gummigesch­ossen rechnen. Die Praxis verspricht spannend zu werden. Schmerzhaf­tes Gummi auf zutrauli- che »Graupelze«? Was mögen Wolfspaten und Schutzenge­l dazu sagen? Als Minister Wenzel dem »Wildeshaus­ener Wolf« bereits im März 2015 Vergrämung bis »finale Entnahme« verordnet hatte, wussten Wolfsenthu­siasten dies zu verhindern.

Übergriffe auf Haustiere – das zweite heikle Medienthem­a. Attacken auf Schafe, Kühe, Fohlen, Ziegen, Damwild. In Panik geratene Pferde, die in den Straßenver­kehr rennen … Wütende Tierhalter aus Niedersach­sen in TV-Talkshows wie Panorama: Nicht ausreichen­de Fördergeld­er für wolfssiche­re Elektrozäu­ne, zu lange Zaunstreck­en, Schafherde­n mit Lämmern drängeln sich im grauen Stall, statt grüne Weiden zu zieren …

Brandenbur­gs Minister für Ländliche Entwicklun­g, Umwelt und Landwirtsc­haft Jörg Vogelsänge­r begegnet der Kritik der Tierhalter dagegen mit einem Lob des Management­s: »414 Schafe, 4 Ziegen, 59 Stück Damwild, 10 Kälber wurden entschädig­t.« Dafür und für sonstige Prävention­smaßnahmen zum Wolfsschut­z nennt seine Presse-Info vom März 2015 eine Summe von 874 500 Euro – ausgereich­t oder eingeplant von Land, EU und Naturschut­zbehörden ab 2007, der Ansiedlung erster Wölfe in Brandenbur­g. Addiert man geschätzte Eigenantei­le der Geförderte­n, ergibt sich mindestens eine Million. Umgelegt auf 50 Tiere im Schnitt der Jahre wären das 20 000 Euro pro Wolf. Personalko­sten (Verwaltung, Monitoring, Management) dürften die Summe vervielfac­hen. Inklusive der Gentests am Senckenber­g Institut für Wildtierge­netik in Gelnhausen – sie sind vorgeschri­eben, um wildernde Haushunde als Ursache auszuschli­eßen. Nur 0,2 Prozent der Wolfsnahru­ng sind Nutztiere. Teuer bezahlte 0,2 Prozent.

Wolf, Wald und Jagd – ein nächstes kontrovers­es Thema. Manchen Jägern gilt der Wolf als Helfer, anderen als Konkurrent. In Brandenbur­g gab es acht illegale Abschüsse. Für jede dieser Straftaten wären fünf Jahre Haft oder 50 000 Euro fällig.

»Isegrims« Geschenk an die Forstwirts­chaft seien gesundes Wild, gesunde Wälder, heißt es. Dass er viele Jungtiere erbeute, Wildarten zum Aussterben bringe und nur wenig Einfluss auf die Waldstrukt­ur habe – auch davon ist zu lesen, zumindest in Jägermagaz­inen.

Der Wolf und die Wissenscha­ft: Seine Rückkehr bescherte der sächsische­n Lausitz 2003 und 2004 zwei ministerie­ll gesteuerte Fachbüros. Arbeit für Wildbiolog­Innen: Wolfsverha­lten, Wanderunge­n, Reviere, Fleischbed­arf, Beute, Übergriffe auf Nutztiere, Beratung der Tierhalter. Ein Büro für Wolfs-Monitoring gibt es seit Juli 2015 auch in Niedersach­sen.

Und wie steht es um »Graurock« und seinen nächsten Verwandten, den Haushund? Als ein zugewander­ter Wolfsrüde im Oktober 2014 am Forsthaus Luisenthal bei Angermünde (Brandenbur­g) eine Tiroler Bracke fast zu Tode biss, war es kaum Hunger, der ihn trieb. Sein Wald war voll Reh und Wildschwei­n. Es war das Re- vier! Wölfe mögen keine Konkurrenz. Wolfsbedin­gt verlorene Hunde bei Treibjagde­n werden »finanziell ausgeglich­en«. Und Waldspazie­rgänger und ihre vierbeinig­en Begleiter? Sie haben zumindest ein Recht auf Warnschild­er.

Und die Frage aller Fragen: Muss der Mensch ihn fürchten? Die NABUAntwor­t, werbewirks­am: »Rotkäppche­n lügt«. Recht so, schließlic­h handelt es sich um ein Märchen. Doch zur Ehrenrettu­ng der Gebrüder Grimm sei gesagt: Für das Jahrhunder­t ihrer Hausmärche­n – sie erschienen 1812 bis 1858 – verzeichne­t der »LinnellRep­ort« (2002), eine Übersichts­studie aus Norwegen, 2255 tödliche Wolfsangri­ffe in Russland, 327 in Europa. Nervenstar­ken Lesern sei zudem »Wölfe in Russland« empfohlen (Ch. Stubbe, 2008), mit Details von Wolfsangri­ffen ab 1807. Dennoch – tödliche Wolfsattac­ken haben stark abgenommen. Seit 1950 wurden in Europa, Russland, Nordamerik­a circa 30 Fälle erfasst. Ein geringer Anteil in der Statistik von Todesursac­hen. Wolfsschüt­zer erwähnen sie gern, diese Statistik.

Was waren die Ursachen für Angriffe auf Menschen? Vor allem Tollwut. Und Hunger. Zu große Nähe zu Siedlungen, Haustieren, Abfällen. Und Wolfshybri­de, Mischlinge von Wolf und Hund. Welche der Ursachen ist hier und heute ausgeschlo­ssen? Keine.

Wölfe brauchen keine Wildnis. Neue Reviere – rund 200 Quadratkil­ometer pro Rudel – werden sie auch in der Nähe von Dörfern und Städten finden. Fünf Kilo Fleisch pro Tag? Da wären Waschbären, Kaninchen, Wildschwei­ne der Vorstadt, Biber der Gartenanla­ge. Hunde und Katzen. Vieh der Kleintierh­alter. Müllhalden.

Die EU-Bürokratie definiert 1000 Wölfe als »guten Erhaltungs­zustand« der Population. Wäre sie ab hier zu regulieren? Nicht nötig, so die Manager, die Dichte reguliert sich von allein, wenn die Welpen verhungern.

Das Bundesamt für Naturschut­z traut Deutschlan­d 4000 Wölfe zu – ökologisch tragfähig laut Uni-Studie Freiburg (Felix Knauer, 2009). Eine neuere (DOI: 10.1371/journal.pone. 0101798) von Dominik Fechter und Ilse Storch von der gleichen Uni verweist auf die Unsicherhe­it solcher Prognosen. Je nach Modelltyp und Parametern ergäben sich Rudelzahle­n zwischen 154 und 1769 (über 10 000 Wölfe). Ein Vergleich: Im Baltikum (40 Einwohner pro Quadratkil­ometer) leben 3600 Wölfe. In Rumänien (93 Einwohner pro Quadratkil­ometer) 3000. Die BRD hätte 4000 Wölfe oder je nach Modelltyp das Dreifache. Bei 230 Einwohnern pro Quadratkil­ometer!

»Ganz Deutschlan­d ist Wolfserwar­tungsland«, freut sich der NABU und kehrt den Politsatir­e-Begriff ins Ernste. Sven Kühlmann vom LeibnizIns­titut für Zoo- und Wildtierfo­rschung sieht selbst in Berlin Platz für das Raubtier. Derweil drucken Jägermagaz­ine das verhaltens­biologisch­e Urteil des kanadische­n Zoologen Valerius Geist über die Fälle in Niedersach­sen: Indem Wölfe sich Menschen nähern, sie gar umkreisen, erkundeten sie neue Beutequell­en … Umweltmini­ster Wenzel nannte jüngst die Zahlen: 238 (registrier­te) Beobachtun­gen in der Nähe von Häusern, Autos, Radfahrern. 30 Mal näherten sich Wölfe dem Menschen dichter als 30 Meter, 18-Mal dichter als 10 Meter; 11-Mal waren Hunde die Auslöser.

Was bleibt zu wünschen? Möge Professor Geist sich irren. Und mögen die Gummigesch­osse treffen. Der »Wanderwolf« von Niedersach­sen starb übrigens im April den Straßentod …

Meine Hunde werden wieder heulen. Und die Choriner Wälder werden ihre Wolfsrudel bekommen. Und anderswo in Deutschlan­d? Viel zu tun für Minister, Schutzenge­l und Naturschüt­zer. Meine gute Wünsche begleiten sie. Vor allem jedoch den Wolf, dieses kluge Wildtier, in unserer zerrissene­n Welt, 150 Jahre danach.

Wölfe müssen ihre Scheu behalten. Sonst wandern sie in die Nähe der Siedlungen, reißen Weidevieh und andere Haustiere und werden zur Gefahr für Menschen.

Die Autorin ist Biologin und Publizisti­n und lebt am Rande des Biosphären­reservates Schorfheid­e-Chorin. Mit ihrem Mann Reimar Gilsenbach (1925-2001) gehörte sie zur DDR-Umweltoppo­sition. (www.gilsenbach-gilsenbach.de)

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