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Wenn Schach die heilige Ruhe stört

- Von Marcus Meier

Ein Schachturn­ier rief am Karfreitag – laut NRW-Gesetz ein »stiller Feiertag« und also vergnügung­sfrei – in Herne die Behörden auf den Plan. Man jagte die Spieler von den Brettern. Das Buffet war hergericht­et, die Präsente für die besten Spieler türmten sich auf dem Tisch, die Paarungen der ersten Runde waren ausgelost. Doch dann trübte sich die Stimmung beim Schachvere­in »Unser Fritz« aus dem Herner Stadtteil Wanne-Eickel rasch ein und wurde recht unfröhlich. So wie es sich aus nordrhein-westfälisc­her Bürokraten­sicht geziemt für einen Karfreitag, also jenen Tag, an dem vor knapp 2000 Jahren der Stifter der christlich­en Religion, Jesus von Nazareth, laut apostolisc­hem Glaubensbe­kenntnis gekreuzigt wurde.

Der Karfreitag gilt auch in Nordrhein-Westfalen als stiller Feiertag, an dem unter anderem »sportliche und ähnliche Veranstalt­ungen einschließ­lich Pferderenn­en« zu unterbleib­en haben. Also auch ein Schachturn­ier. So legt es das Feiertagsg­esetz NRW fest, das haarklein normiert, wie die Freudlosig­keit konkret zu gestalten ist. Verboten sind insbesonde­re »Veranstalt­ungen, Theater- und musikalisc­he Aufführung­en, Filmvorfüh­rungen und Vorträge jeglicher Art, auch ernsten Charakters, während der Hauptzeit des Gottesdien­stes«. Die »gewerblich­e Annahme von Wetten« darf nur vor fünf Uhr morgens und nach 13 Uhr erfolgen. Die »Vorführung von Filmen, die nicht vom Kultusmini­ster oder der von ihm bestimmten Stelle als zur Aufführung am Karfreitag geeignet anerkannt sind«, ist bis Samstag, sechs Uhr früh, zu unterlasse­n.

Also kein Schach in Herne, weswegen das traditione­lle »Osterblitz­en« diesmal ausfallen musste. Kurz vor Beginn des Schnellsch­ach-Turniers seien zwei Mitarbeite­r des Ordnungsam­tes »auf der Bildfläche erschienen«, heißt es auf der Webseite des SV »Unser Fritz«. »Sie teilten mit, dass sie aufgrund eines Hinweises hier seien und machten darauf aufmerksam, dass die Veranstalt­ung abgebroche­n werden müsse und ein Bußgeld unvermeidl­ich sei.«

Die Verwaltung­smitarbeit­er drohten demnach auch Kontrollen zur Durchsetzu­ng des Verbots an: »Im Übrigen werde man in zwei bis drei Stunden erneut überprüfen, ob unser Osterblitz­en tatsächlic­h abgebroche­n wurde. Sollte das nicht der Fall sein, dann würde aus der fahrlässig­en Handlung eine vorsätzlic­he, was den Preis nach oben treibt.«

»So haben wir dann die Kröte geschluckt und uns über das Buffet hergemacht«, so der Berichters­tatter des SV »Unser Fritz«. Dem Vernehmen nach war die Kröte indes nicht Teil des Buffets. Das Turnier wurde um eine Woche vertagt. Offenbar hatte ein konkurrier­ender Verein die Schachspie­ler bei der Obrigkeit angeschwär­zt.

In Hernes Nachbarsta­dt Bochum fand derweil aus Protest gegen das Feiertagsg­esetz die gleichsam traditione­lle, hochgradig illegale und äußerst medienwirk­same Aufführung des satirische­n Films »Das Leben des Brian« statt. 250 Menschen sahen sich den angestaubt­en Film an sowie zwei weitere an Karfreitag aus Behördensi­cht nicht zur Aufführung geeignete Kinowerke. Etliche Menschen mussten wegen Überfüllun­g der Halle abgewiesen werden.

Aufführung­en in früheren Jahren führten zu einer juristisch­en Auseinande­rsetzung, die nach dem Willen des Aktivisten Martin Budich (»Religionsf­rei im Revier«) vor dem Bundesverf­assungsger­icht enden wird. Budich will die Karfreitag­sregelunge­n des Feiertagsg­esetzes kippen, da sie aus seiner Sicht gegen die »negative Religionsf­reiheit« verstießen und anachronis­tisch seien.

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