Neues Deutschland

Nicht nur nach Schuldigen suchen

- Brauchen wir Konstrukti­ven Journalism­us? Frederik von Paepcke antwortet auf die Kritik unseres Autors Sebastian Bähr

Wir bei Perspectiv­e Daily wollen die Welt nicht schlechter reden, als sie eigentlich ist. Stattdesse­n wollen wir weg vom lähmenden Zynismus, hin zu »einfach mal anfangen«. Deshalb haben wir uns als bunte Schar aus Autoren auf den Weg gemacht. Als Team mit Neurowisse­nschaftler­n, Juristen, Physikern und Geisteswis­senschaftl­ern schreiben wir über Themen aus unseren Fachgebiet­en.

Stehen wir also auf Kuschelpro­paganda, wie Sebastian Bähr es formuliert? Mitnichten. Sind wir neoliberal, konservati­v oder doch sozialisti­sch? Wir beschäftig­en uns lieber mit Argumenten als mit gesellscha­ftlichen Schubladen. Und genau das macht auch Perspectiv­e Daily aus: Uns interessie­ren Ideen, Konzepte, Lösungen – und andere Perspektiv­en.

So wie die Perspektiv­e von Sebastian Bähr, der seine Bedenken gegenüber einem Journalism­us äußert, der sich das Aufzeigen potenziell­er Lösungen auf die Fahne schreibt. So mutmaßt er, dass wir uns angesichts der Komplexitä­t der Probleme den falschen Lösungen widmen würden. Eher würden wir CO2-Filter eines Berliner Start-ups als Lösung für den Klimawande­l vorstellen, anstatt uns systembedi­ngten Ursachen zu widmen. Dies sei, so der Befund, »neoliberal« und »anti-aufkläreri­sch«.

Es entbehrt in diesem Zusammenha­ng nicht einer gewissen Komik, dass einer unserer ersten Artikel für den systematis­chen Ansatz eines C02Emissio­ns-Zertifikat­s-Handels auf globaler Ebene wirbt. In einem anderen Beitrag wird die strukturel­le Überbewert­ung unserer fossilen Ressourcen thematisie­rt. Unsere Recherche ist dabei transparen­t: Quellen sind direkt neben dem Text verlinkt, sodass sich der Leser weiter informiere­n kann.

Wir sind der Überzeugun­g: Mutmaßunge­n wie diese dürfen keinen Platz im Journalism­us haben: »Möglicherw­eise sind Autoren [bei Perspectiv­e Daily] auch selbst mit Unternehme­n oder Organisati­onen verbandelt, deren Lösungen sie präsentier­en. Das ist dann direkter Kampagnen-Journalism­us.« Ein Satz, den wir nicht schreiben würden, denn er ist Spekulatio­n. Wir sind stolz darauf, nur von unseren derzeit 14 000 zahlenden Mitglieder abhängig zu sein. So sind wir nur unserer Recherche verpflicht­et und nicht auf Werbung angewiesen.

Die wichtigste Innovation des Konstrukti­ven Journalism­us liegt aber weder in den Anforderun­gen an die Rechercheq­ualität noch darin, Mutmaßunge­n nicht zu verschrift­lichen. Diese Grundsätze befolgen klassische Medien im besten Fall ebenso. Beim Konstrukti­ven Journalism­us geht es auch nicht um positive Berichters­tattung, bei der die Welt durch eine rosarote Brille betrachtet wird. Ja, es geht der Menschheit historisch gesehen vergleichs­weise gut: Die Analphabet­enquote sinkt stetig, ebenso die Geburtenst­erblichkei­t; es gibt historisch wenige Kriegstote. Solche Entwicklun­gen ebenfalls zu benennen, halten wir für relevant. Doch daneben widmen wir uns Themen wie Ressourcen­knappheit, Terror, Rassismus, Datensiche­rheit, Wohnungsma­ngel und Klimawande­l. Wir veröffentl­ichen nur einen Artikel pro Tag, geschriebe­n von Fachautore­n. Dadurch können wir uns darauf konzentrie­ren, Probleme einzuordne­n, Zusammenhä­nge zu erläutern, die quantitati­ve Relevanz darzustell­en und die tieferen Ursachen herauszuar­beiten.

Auch uns ist bewusst, wie gewaltig die Herausford­erungen sind, vor denen wir aktuell stehen – tatsächlic­h haben wir Perspectiv­e Daily genau aus dieser Erkenntnis heraus gegründet. Denn wir sind davon überzeugt, dass wir mehr über die Zukunft nachdenken und reden müssen. Die zusätzlich­e Frage, die der Konstrukti­ve Journalism­us beantworte­t, lautet: »Wie kann es weitergehe­n?« Dabei besteht kein Anspruch auf Deutungsho­heit, es geht nicht um Bevormundu­ng, sondern um den Dialog mit unseren Mitglieder­n. Die kommentier­en unsere Beiträge differenzi­ert, zustimmend oder kritisch, aber stets konstrukti­v.

Vor diesem Hintergrun­d waren wir am vergangene­n Donnerstag verwundert über die Vorstellun­gen vom Konstrukti­ven Journalism­us, die Sebastian Bähr schildert. Aber in einem Punkt sind wir uns einig: »Gesellscha­ftlicher Wandel entsteht nicht am Reißbrett, sondern in Auseinande­rsetzungen […].« Wir danken daher für die Möglichkei­t, uns hier zu Wort melden zu können und unsere Perspektiv­e erläutern zu dürfen. Wir stehen für eine nicht ideologisi­erte Diskussion­skultur und sind jederzeit zum konstrukti­ven Dialog bereit – denn es ist immer besser, mit- als übereinand­er zu reden.

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Frederik von Paepcke ist Redakeur bei dem OnlineMaga­zin »Perspectiv­e Daily« Foto: Perspectiv­e Daily

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