Neues Deutschland

Die toten Augen von Aleppo

In der syrischen Stadt wird gehungert und gestorben – neue Verhandlun­gen sind dringlich

- Von Karin Leukefeld, Damaskus

Die syrische Großstadt Aleppo ist weiter erbittert umkämpft. Gerungen wird um eine dringend nötige Waffenruhe zur Versorgung. Trotz anhaltende­r Kämpfe um Aleppo plant der UN-Beauftragt­e für Syrien, Staffan De Mistura, die Fortsetzun­g der innersyris­chen Gespräche Ende August in Genf. Das bestätigte eine Sprecherin am Dienstag in Genf.

Unterstütz­ung erhielt De Mistura vom russischen Botschafte­r bei den Vereinten Nationen, Vitali Tschurkin. Nach einer nicht-öffentlich­en Sitzung des UN-Sicherheit­srates in New York warnte er davor, ein Ende der Kämpfe bei Aleppo zur Vorbedingu­ng weiterer Gespräche in Genf zu machen. »Je weniger Gewalt, desto besser ist es für die Gespräche … Aber es darf keine Vorbedingu­ngen geben.« Tschurkin rief die Staaten, die Einfluss auf die syrischen Opposition­skräfte hätten, auf, diese auf zukünftige Gespräche vorzuberei­ten. »Bisher haben sie bei den Gesprächen nichts gesagt, außer ›Assad muss gehen‹. Das sei »keine Verhandlun­gsposition«, erklärte der russische UN-Diplomat.

Zuletzt hatte der oberste Diplomat Deutschlan­ds, Frank-Walter Steinmeier, in einem Interview mit »Bild« die Position der syrischen Opposition bekräftigt. »Die politische Zukunft des Landes wird und muss ohne Assad stattfinde­n«, sagte der deutsche Außenminis­ter mit Blick auf den syrischen Präsidente­n und sprach angesichts der Situation in Aleppo von »grausamen Bildern«.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind in Aleppo noch rund zwei Millionen Menschen. Die überwiegen­de Mehrheit – 1,2 Millionen – lebt in dem von der Regierung kontrollie­rten Teil der Stadt und teilt wohl kaum die Meinung des deutschen Außenminis­ters. Noch vor Kurzem hatte Bischof Georges Abou Khazen aus Aleppo im nd-Gespräch erklärt, Baschar al-Assad habe »als Präsident, als Regierung … die Pflicht, die Menschen zu verteidige­n. Das ist, was er tut.« Die Menschen (nicht nur) in Aleppo wollten einen »moderaten, laizistisc­hen Staat, in dem zwei Dutzend verschiede­ne religiöse und ethnische Gruppen friedlich zusammenle­bten. Diesen Staat, dieses Syrien, diese Werte wollen wir erhalten und das ist es, was er auch will.«

Täglich gibt es Meldungen über getötete und verletzte Zivilisten in Aleppo. Am Dienstag wurde eine fünfköpfig­e Familie verletzt, als ihr Haus in Al Hamadamiye­h von Mör- sergranate­n der Kampfgrupp­en zerstört wurde. Am Wochenende waren zwei Frauen und ein Mädchen im selben Stadtteil durch Raketenbes­chuss ums Leben gekommen.

Nach Angaben der syrischen Nachrichte­nagentur SANA lieferte die staatliche Gesellscha­ft für Weizenprod­uktion und Handel am Dienstag 500 Tonnen Weizen nach Aleppo. Diesel, Benzin, medizinisc­he Hilfsgüter und Obst hatten bereits am Montag die umkämpfte Metropole erreicht. Da Knappheit Korruption fördert, kündigte der Gouverneur von Aleppo, Mohammad Marwan Olabi, an, dass die Verteilung von Diesel und Benzin an alle Tankstelle­n scharf kontrollie­rt werde. Unregelmäß­igkeiten würden schwer bestraft.

Die UN haben erneut eine wöchentlic­he 48-stündige Waffenpaus­e für Aleppo gefordert, um die von den Kämpfen zerstörte Wasservers­orgung der Stadt zu reparieren und Hilfsgüter zu den Menschen zu bringen, die sie am dringendst­en benötigten. Tschurkin sagte, Russland unterstütz­e eine solche Waffenruhe, die aber »nicht für Terroriste­n gelten« könne. In Genf bespreche man bereits »ganz praktisch«, wie humanitäre Hilfe geleistet werden könne.

Um auch den Zivilisten in den von den Regierungs­truppen eingekreis­ten Gebieten unter Kontrolle bewaffnete­r Gruppen (Ost-Aleppo) zu helfen, hatte Russland bereits am vergangene­n Wochenende den USA, der Europäisch­en Union und asiatische­n Staaten angeboten, mit Russland und Syrien durch die eingericht­eten humanitäre­n Korridore zu operieren. China und Serbien haben ihre Hilfe bereits zugesagt. Aus dem Auswärtige­n Amt in Berlin gibt es diesbezügl­ich noch keine Stellungna­hme.

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Fotos: AFP/Omar Haj Kadour, AFP/Thaer Mohammed Schicksals­scheide Aleppo

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