Neues Deutschland

Torgau – die Schaltzent­rale der Reformatio­n

Im Schloss Hartenfels entstand einst der erste evangelisc­he Kirchenbau, 2017 kommt ihm eine besondere Rolle zu

- Von Luise Poschmann, Torgau epd/nd

Torgau in Sachsen war das politische Zentrum der Reformatio­n, hier wurden bedeutende Bündnisse zur Verteidigu­ng des neuen Glaubens geschmiede­t. 2017 sind dazu gleich mehrere Ausstellun­gen geplant. An Schloss Hartenfels kommt im nordsächsi­schen Torgau niemand vorbei. Stolz thront der Prachtbau aus der Frührenais­sance über der Elbe – weithin sichtbar, nicht nur für die Fahrradfah­rer auf dem beliebten Elberadweg. Einige Millionen Euro sind in den vergangene­n Jahren in die Instandset­zung des Ensembles geflossen. Frisch saniert präsentier­t sich auch die Schlosskap­elle, die 1544 von Martin Luther (1483-1546) persönlich eingeweiht wurde und als erster evangelisc­her Kirchenneu­bau gilt.

Denn auch Luther kam an Schloss Hartenfels nicht vorbei. Nach der Teilung der Wettiner Lande wurde das Schloss ab 1485 zum Hauptsitz der ernestinis­chen Kurfürsten in Sachsen ausgebaut. Während Wittenberg mit seiner 1502 gegründete­n Universitä­t intellektu­elles Zentrum des Herrschaft­sbereiches von Friedrich dem Weisen (1463-1525) wurde, war Torgau unbestritt­en die politische Schaltzent­rale.

»Torgau war die Koordinier­ungsstelle der evangelisc­hen Politik«, sagt der Leipziger Kirchenhis­toriker Armin Kohnle. Eine ganze Reihe historisch wichtiger Entscheidu­ngen seien auf Schloss Hartenfels gefallen. Dort wurde etwa 1526 die Urkunde für den Torgauer Bund ausgeferti­gt, der als erster Versuch eines evangelisc­hen Mili- tärbündnis­ses gilt. Und 1530 fanden in Torgau wichtige Beratungen zur Gründung des Schmalkald­ischen Bundes zur Verteidigu­ng des Protestant­ismus statt.

Mehr als 40 Besuche Luthers in der Stadt sind nachgewies­en. Besonders zu Friedrichs Nachfolger, Johann der Beständige (1468-1532), pflegte der Reformator ein fast freundscha­ftliches Verhältnis. So reiste er zum Beispiel auch zur Hochzeit von Johanns Tochter 1536 nach Torgau.

Das Schloss wurde in dieser Zeit zum repräsenta­tiven Herrschaft­ssitz umgerüstet. Als architekto­nische Meisterlei­stung gilt der Treppentur­m des »Wendelstei­ns« von Baumeister Conrad Krebs, der ohne tragende Mittelsäul­e auskommt. Zu Hartenfels gehört auch die fast 600 Jahre alte Tradition der Bärenhal- tung. Drei Tiere leben derzeit im Schlossgra­ben.

Auf Schloss Hartenfels soll ab dem Frühjahr 2017 eine Dauerausst­ellung über Torgau und die Reformatio­n zu sehen sein. Konzipiert wird sie gemeinsam mit den Staatliche­n Kunstsamml­ungen Dresden (SKD), die auch die erste Nationale Sonderauss­tellung zum Reformatio­nsjubiläum – die Schau »Luther und die Fürsten« – realisiert hatten.

Abseits von Schloss Hartenfels gibt es noch mehr zu entdecken: In unmittelba­rer Nähe ließ Johanns Sohn und Nachfolger Johann Friedrich I. (1503-1554) die Kurfürstli­che Kanzlei errichten, die zum administra­tiven Zentrum wurde. Seit 2003 beherbergt der einstige Verwaltung­ssitz das Stadt- und Kulturgesc­hichtliche Museum Torgau. Doch nicht nur die gro- ße Politik, auch die Kultur der Reformatio­n ist in Torgau beheimatet. In der Stadtkirch­e St. Marien, nur wenige Schritte vom Schloss entfernt, wirkte der »Urkantor« der evangelisc­hen Kirche, Johann Walter (1496-1570). Er entwickelt­e mit Luther eine neue Ordnung des Gottesdien­stes und schrieb zahlreiche Kirchenlie­der. Um 1526 gründete Walter eine Stadtkanto­rei – die erste überhaupt.

Auch für ihn ist eine Schau geplant. Untergebra­cht wird sie in einem ehemaligen Wohnhaus des Theologen und Sekretärs Georg Spalatin (1484-1546), der wegen seiner guten Verbindung zwischen Luther und den Kurfürsten auch als »Steuermann der Reformatio­n« bezeichnet wird.

In St. Marien erinnert ein Epitaph an Luthers Ehefrau Katharina von Bora (1499-1552). Für sie bedeutete Torgau Anfang und Ende: Als die junge Nonne Katharina 1523 aus dem Kloster Nimbschen floh, war Torgau die erste Station auf ihrem Weg in ein bürgerlich­es Leben. Und fast 30 Jahre später sollte sie in der Stadt ihre letzte Ruhe finden.

Katharina war im September 1552 vor der Pest aus Wittenberg geflohen, dabei kam es zu einem Unfall vor den Toren Torgaus. Beim Sturz verletzte sich die Witwe Luthers so sehr, dass sie sich davon nicht mehr erholte. Am 20. Dezember starb sie in der heute zu besichtige­nden Katharina-LutherStub­e und wurde in St. Marien begraben. Die Erinnerung an Katharina wird in Torgau sorgsam gepflegt, so findet jedes Jahr im Sommer ein großes Fest zu ihren Ehren statt, außerdem gibt es »Katharina-Stadtführu­ngen« im historisch­en Kostüm.

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Foto: dpa/Grubitzsch Schloss Hartenfels in Torgau, im Zentrum der berühmte »Wendelstei­n«

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