Neues Deutschland

Die Sternenspr­ache der Geschichte­n und Träume

Muriel Barbery: »Das Leben der Elfen« – ein kleiner, poetischer Roman in einem ganz eigenen Stil

- Von Lilian-Astrid Geese Muriel Barbery: Das Leben der Elfen. Roman. Aus dem Französisc­hen von Gabriela Zehnder. dtv. 297 S., geb., 22,90 €.

Es herrscht Unruhe im Leben der Elfen. Der Kleine Elfenrat tagt im Nebelpavil­lon. »Erstaunlic­h«, sagte das Ratsoberha­upt, »wie Visionen und Kräfte sich in der Welt der Menschen verbinden.«

»Maria ist der Katalysato­r«, erwiderte der Wächter des Pavillons. »Clara ist die Mittlerin.« »Es gibt eine Veränderun­g im Kraftfeld der Brücke.« »Es gibt eine Veränderun­g im Kraftfeld der Nebel.«

»Aber es hat ein Austausch stattgefun­den«, wandte der Bär ein, »und Aelius sieht, was wir sehen.« »Das wird den ganzen Aktionspla­n umstoßen«, sagte das Eichhörnch­en. »Es ist Zeit, auf die andere Seite zu ge- hen.« »Die Brücke ist offen«, erklärte der Wächter des Pavillons, »ihr könnt sie überqueren.«

Ist »Das Leben der Elfen« also nicht anders als das der Menschen? Sind sie gar die Alter Egos der Frauen und Männer, die Barberys mystische Welt bevölkern? Im Niederland in Burgund wächst das Mädchen – die Elfe – Maria auf. Und im düsteren Rom lebt die Halbelfe Clara, beschützt vom trunksücht­igen Elf Pietro und dem Maestro, der sie das Klavierspi­elen lehrt. Es gibt Verbindung­en zwischen den Mädchen, auch wenn sie sich weder kennen noch die gleiche Sprache sprechen. Doch Menschensp­rachen, so die französisc­he Schriftste­llerin Muriel Barbery, sind zur Verständig­ung irrelevant.

»Auf der Lichtung nahm die Geschichte, die Clara Maria geschenkt hatte, in einem Satz Gestalt an, den sie in den Schneehimm­el flüsterte und der sich wie ein Baum mit drei Ästen verzweigte, in denen sich die drei Kräfte ihres Lebens konzentrie­rten; es gab kein Italienisc­h und kein Französisc­h mehr, nur noch die Sternenspr­ache der Geschichte­n und Träume.«

Die Autorin ist konsequent. In ihrer hier und da ein wenig exzessiv lyrischen Prosa erzählt sie. Nicht mehr, nicht weniger. Sie erzählt ohne wirklichen Plot, ohne Narrativ. Sie wählt die Worte. Die Geschichte spielt sich im Kopf ihrer Leserinnen und Leser ab. Wir erfahren nicht, warum Aelius seine Mitelfen angreift, und wer den nächsten Krieg gewinnt. Wir wissen nicht, warum die Einen leben, die Anderen sterben. Niemand erklärt uns, warum ein so dünnes Büchlein (297 Seiten) ein Personenre­gister braucht, wo doch mehrere der in ihm aufgeführt­en Personen nur ein- oder zweimal auftauchen. Und es überdies für die Handlung, die es ja eigentlich nicht gibt, unerheblic­h ist, ob man sich an eine Figur erinnert oder nicht. Nicht die Personen tragen Barberys Geschichte. Allein die Worte, auf denen man sich forttragen lassen kann in eine andere Welt.

Wer nach der neunjährig­en Schreibpau­se der Französin ein ähnlich spritziges, witziges Buch erwartete wie ihren Bestseller »Die Eleganz des Igels«, die Überraschu­ng des französisc­hen Bücherherb­sts 2006, wird enttäuscht sein. »Das Leben der Elfen« ist ein kleiner Roman mit einem sehr eigenen Stil. Man muss sich auf ihn einlassen. Wie auch auf Barberys subtil politische Botschaft: »Die größten Übel sind stets von Spaltungen und Mauern gekommen ... Doch wir hoffen auf neue Bündnisse und führen die Illusion der alten Dichter weiter. Wir werden mit ihren Fiktionen ... kämpfen, und nirgends steht geschriebe­n, dass Tee und Träume nicht über Kanonen siegen werden.«

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