Für die Bus­fah­re­rin zu teu­er

Deut­sche Woh­nen fei­ert Richt­fest für Holz­häu­ser in der Ei­sen­bah­ner­sied­lung von El­s­tal

Neues Deutschland - - Brandenbur­g - Von Andre­as Frit­sche

Die Deut­sche Woh­nen ret­te­te die Ei­sen­bah­ner­sied­lung von El­s­tal vor dem Ver­fall und baut neu. Mie­ter und die LIN­KE sind aber nicht aus­schließ­lich glück­lich dar­über, was sich hier ab­spielt. Am An­fang war der Ran­gier­bahn­hof. Da­zu wur­de vor 100 Jah­ren die Ei­sen­bah­ner­sied­lung ge­baut. Aus die­ser Sied­lung ent­wi­ckel­te sich El­s­tal im Ha­vel­land, so wie man es heu­te kennt. In dem Ort ent­stand spä­ter bei­spiels­wei­se das Olym­pi­sche Dorf für die Som­mer­spie­le von 1936 in Ber­lin. Aber das ist ei­ne an­de­re Ge­schich­te. Die soll hier nicht er­zählt wer­den. Statt­des­sen soll es um die Ei­sen­bah­ner­sied­lung ge­hen, in der Hil­de­gard Mül­ler mit ih­rem Mann be­reits seit 1972 wohnt. Ei­ni­ge Nach­barn sind so­gar noch frü­her ein­ge­zo­gen. Das denk­mal­ge­schütz­te En­sem­ble mit Klein­gär­ten und Stal­lun­gen für Vieh ist ei­gent­lich ein idyl­li­sches Fleck­chen.

Doch vor sie­ben Jah­ren schäm­te man sich bei dem An­blick, er­in­nert Hol­ger Schrei­ber, par­tei­lo­ser Bür­ger­meis­ter der Ge­mein­de Wus­ter­mark, zu der El­s­tal ge­hört. Die Sied­lung zer­fiel zu­se­hends. Rund 70 Pro­zent der Woh­nun­gen stan­den leer. Wer noch dort leb­te, über­leg­te be­reits, was aus ihm wer­den soll­te. »Die Si­tua­ti­on war ei­ne Ka­ta­stro­phe«, be­tont der Bür­ger­meis­ter. Als Ku­lis­se für Kriegs­fil­me ha­be die Ge­gend viel­leicht noch ge­taugt, aber zum Le­ben?

Dann kauf­te die Deut­sche Woh­nen die Häu­ser. Ei­ne Sa­nie­rung war drin­gend not­wen­dig. Doch das Un­ter­neh­men ließ es da­bei nicht be­wen­den und mo­der­ni­sier­te die Quar­tie­re. Mit ei­ner lo­gi­schen Fol­ge: dras­ti­sche Er­hö­hung der Mie­ten. Knapp 300 Eu­ro warm ha­ben Hil­de­gard Mül­ler und ihr Mann frü­her pro Mo­nat für ih­re 58 Qua­drat­me­ter be­zahlt. Jetzt ver­lan­ge die Deut­sche Woh­nen 539 Eu­ro, er­zählt Frau Mül­ler. Sie will nicht nur me­ckern. »Die Fens­ter, die sind gut.« Die al­ten wa­ren in ei­nem de­so­la­ten Zu­stand. Im Win­ter zog kal­te Luft durch die Rit­zen.

Aber sonst sind die Mül­lers un­zu­frie­den. Ihr Bad hat­ten sie nach der Wen­de selbst ge­fliest. Das hät­te nach ih­rer An­sicht so blei­ben kön­nen. Doch der neue Ei­gen­tü­mer ließ al­les raus­rei­ßen und um­bau­en. »Die Ba­de­wan­ne von hin­ten nach vorn, die Toi­let­te von links nach rechts«, er­klärt die hoch­be­tag­te Se­nio­rin. Ei­nen Vor­teil für sich kann sie nicht er­ken­nen. Im Ge­gen­teil: Jetzt sei al­les so an­ge­ord­net, dass ihr der Ehe­mann nicht mehr aus der Wan­ne hel­fen kön­ne. Den klei­nen Tro­cken­raum zum Auf­hän­gen der Wä­sche emp­fin­det sie als Zu- mu­tung, und sie zeigt feuch­te Stel­len im Kel­ler.

Der­weil kämpft ei­ne Mie­te­rin in ei­nem an­de­ren Ge­bäu­de mit Schim­mel an den Wän­den. Im Mo­ment ist nichts zu se­hen, nur die fri­schen Ta­pe­ten­bah­nen an den Stel­len, wo der Schim­mel ge­ses­sen ha­ben soll. Doch wenn die Heiz­pe­ri­ode her­an­ge­rückt sei, wer­de der Schim­mel wie­der kom­men, er­war­tet die Frau. Ein Arzt ha­be ihr be­schei­nigt, dass sich ih­re ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­me durch den Schim­mel ver­stärkt ha­ben, sagt sie. Dem Sohn ge­he es bes­ser, seit er sich wo­an­ders ei­ne ei­ge­ne Blei­be such­te. Auch die Mut­ter möch­te mit ih­rem Mann nun so schnell wie mög­lich aus­zie­hen. Die vom Schim­mel be­fal­le­ne Rück­sei­te ei­nes Schranks hat sich Wus­ter­marks Links­frak­ti­ons­chef To­bi­as Bank von der Fa­mi­lie ge­ben las­sen und in der Ge­mein­de­ver­tre­ter­sit­zung vor­ge­zeigt. Bei Bank häu­fen sich Be­schwer­den über die Deut­sche Woh­nen.

Nach Kennt­nis von Un­ter­neh­mens­spre­che­rin Ma­nue­la Da­mi­a­na­kis gibt es al­ler­dings nicht auf­fäl­lig vie­le Be­schwer­den. Die Miet­erhö­hun­gen recht­fer­tigt sie mit den Mo­der­ni­sie­run­gen. Leer­stand ge­be es fast gar kei­nen mehr.

Na klar: Woh­nun­gen sind hier im Ber­li­ner Speck­gür­tel in­zwi­schen ge­nau­so ge­fragt wie in der Haupt­stadt selbst. Wer ei­ne Blei­be braucht, ak­zep­tiert auch hor­ren­de Miet­prei­se. Er ist froh, wenn er über­haupt et­was fin­det.

Im­mer­hin leis­tet die Deut­sche Woh­nung in ge­wis­ser Hin­sicht auch ei­nen klei­nen Bei­trag zu ei­ne mög­li­chen leich­ten Ent­span­nung auf dem Woh­nungs­markt. In der Ei­sen­bah­ner­sied­lung lässt sie für 6,5 Mil­lio­nen Eu­ro vier mo­der­ne Häu­ser mit je drei Ge­schos­sen er­rich­ten. Al­le Wand­und De­cken­ele­men­te sind da­bei aus Holz, die Trep­pen und die Fens­ter eben­falls. Au­ßer­dem wird als Dämm­ma­te­ri­al Holz­wol­le ver­wen­det. Noch in die­sem Jahr sol­len die ers­ten drei Häu­ser mit 17 Woh­nun­gen fer­tig sein, das vier­te Haus mit sie­ben wei­te­ren Woh­nun­gen An­fang 2019.

Ste­fan De­gen, Ge­schäfts­füh­rer der Deut­sche Woh­nen Con­struc­tion und Fa­ci­li­ties Gm­bH spricht am Mon­tag beim Richt­fest von ei­nem »hoch­ka­rä­ti­gen Pro­to­typ«, der so oder so ähn­lich auch an an­de­rer Stel­le rea­li­siert wer­den könn­te. In der Bun­des­re­pu­blik sind bis­lang Ei­gen­hei­me aus Holz ge­baut wor­den. Hier aber er­folgt Ge­schoss­woh­nungs­bau. »Deutsch­land be­gibt sich lang­sam auf den Holz­weg«, fin­det De­gen – und sei­ne Fir­ma ge­hört nun zu den Vor­rei­tern.

Bran­den­burgs In­fra­struk­tur­mi­nis­te­rin Kath­rin Schnei­der (SPD) spen­det Lob. »Schnell, preis­wert und nach­hal­tig« soll­te ge­baut wer­den, sagt die Mi­nis­te­rin beim Richt­fest. Neu­bau wer­de drin­gend be­nö­tigt, um die Nach­fra­ge be­frie­di­gen zu kön­nen. Dar­um küm­mern sol­len sich vor al­lem Woh­nungs­ge­nos­sen­schaf­ten und kom­mu­na­le Woh­nungs­ge­sell­schaf­ten. »Aber wir brau­chen auch pri­va­te In­ves­to­ren und den Häus­le­bau­er.« An Häus­le­bau­ern man­ge­le es nicht im Ber­li­ner Speck­gür­tel. Be­nö­tigt wer­de Ge­schoss­woh­nungs­bau.

Links­frak­ti­ons­chef Bank be­stä­tigt, dass Miet­woh­nun­gen ge­braucht wer­den. Aber be­zahl­ba­re! Die Ent­wick­lung in der Ei­sen­bah­ner­sied­lung füh­re je­doch da­zu, »dass sich die Bus­fah­re­rin und der Ver­käu­fer ei­ne Woh­nung in El­s­tal nicht mehr leis­ten kön­nen«. Wenn die Deut­sche Woh­nen Dach­ge­schos­se aus­baue, Ne­ben­ge­las­se in Woh­nun­gen ver­wan­de­le und viel­leicht noch Gär­ten für Neu­bau­ten op­fern wol­le, so ver­rin­ge­re dies nicht nur die Le­bens­qua­li­tät im Vier­tel. Wo im­mer teu­re Neu­bau­woh­nun­gen ent­ste­hen, stei­gen fast zwangs­läu­fig die Prei­se für die Alt­bau­woh­nun­gen. Denn was ver­langt wer­den dür­fe, rich­te sich nach den Ver­gleichs­mie­ten. In­so­fern sind die in­no­va­ti­ven Holz­häu­ser, ge­gen die To­bi­as Bank im Prin­zip erst ein­mal nichts ein­zu­wen­den hat, dann sei­ner An­sicht nach doch ein Pro­blem für El­s­tal.

Aus dem Be­völ­ke­rungs­wachs­tum der Ort­schaft er­ge­ben sich noch an­de­re Schwie­rig­kei­ten. Zu­sätz­li­che Woh­nun­gen be­deu­ten, dass Ki­tas und Schu­len ge­baut wer­den müs­sen, weiß Bür­ger­meis­ter Schrei­ber. Ihm wird schwin­de­lig, wenn er an die Sum­men denkt, die sei­ne Ge­mein­de des­we­gen in den kom­men­den Jah­ren in­ves­tie­ren muss. »Wir lö­sen hier drau­ßen zum Teil Pro­ble­me, die Ber­lin nicht löst«, be­klagt Schrei­ber mit Blick auf den un­zu­läng­li­chen Woh­nungs­neu­bau in der Haupt­stadt.

Nach dem Bür­ger­meis­ter spricht beim Richt­fest noch Ma­ren Kern, Vor­stand des Ver­ban­des Ber­lin-Bran­den­bur­gi­scher Woh­nungs­un­ter­neh­men. Sie ver­sucht, die Deut­sche Woh­nen ge­gen Kri­tik von Po­li­tik und Pres­se in Schutz zu neh­men. Kom­mu­nal­po­li­ti­ker To­bi­as Bank will kei­nes­wegs nur schimp­fen. Kri­tik am Ge­schäfts­ge­ba­ren hält er aber für be­rech­tigt.

Fo­tos: nd/Andre­as Frit­sche

Links­frak­ti­ons­chef To­bi­as Bank vor ei­nem Alt­bau der Ei­sen­bah­ner­sied­lung in der Schul­stra­ße von El­s­tal

Beim Richt­fest für die mo­der­nen Holz­häu­ser an der Pusch­kin­stra­ße

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.