Neues Deutschland

Der Re­gie­ren­de, die SPD und das Bau­en

Die Bür­ger­stadt Buch wirft vor al­lem ein Licht auf den so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Bau­filz

- Von Ni­co­las Šus­tr

Der Stopp des Stadt­ent­wick­lungs­plans Woh­nen durch den Re­gie­ren­den Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler (SPD) sorgt vor al­lem für Ir­ri­ta­tio­nen. Bau­lob­by­is­ten schei­nen nicht un­schul­dig zu sein.

»Der Re­gie­ren­de kann doch nicht über die Abend­schau An­sa­gen über städ­te­bau­li­che Ent­wick­lungs­ge­bie­te ma­chen«, sagt der Lich­ten­ber­ger Be­zirks­bür­ger­meis­ter Micha­el Grunst (LIN­KE) zu »nd«. Nach der Ab­leh­nung des Stadt­ent­wick­lungs­plans (SteP) Woh­nen 2030 bei der Se­nats­sit­zung am ver­gan­ge­nen Di­ens­tag hat­te der Re­gie­ren­de Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler (SPD) ei­nen Tag drauf in den Ber­li­ner Lo­kal­nach­rich­ten des rbb er­klärt, dass in dem Pa­pier viel zu we­ni­ge Neu­bau­woh­nun­gen ent­hal­ten sei­en. Die Dis­kus­sio­nen hät­ten sich wei­ter­ent­wi­ckelt durch den Mie­ten­de­ckel in den letz­ten Mo­na­ten, er­klär­te er treu­her­zig. Und nennt die Bür­ger­stadt Buch als Bei­spiel da­für, dass »Po­li­ti­ker nicht die obers­ten Be­den­ken­trä­ger« sein soll­ten.

Das ist schon ein star­kes Stück. Vor et­was über ei­nem Mo­nat tra­ten die Initia­to­ren der Bür­ger­stadt Buch mit ih­rem Vor­schlag an die Öf­fent­lich­keit, Woh­nun­gen für 100 000 Men­schen haupt­säch­lich auf ei­nem Ge­biet zwi­schen dem Ber­li­ner Ring A10 und dem Ei­sen­bahn-Au­ßen­ring zu er­rich­ten. Schon da­mals äu­ßer­te sich der Kreis­ver­band Pan­kow der SPD ent­setzt. »Gi­gan­ti­sche Pro­jek­te, mit de­nen Schutz­ge­bie­te der Na­tur oder gan­ze Klein­gar­ten­an­la­gen zer­stört wer­den, sind mit uns nicht zu ma­chen«, er­klär­te post­wen­dend der Kreis­vor­sit­zen­de Knut Lam­ber­tin. Auch der Be­zirk Pan­kow fiel aus al­len Wol­ken und leg­te aus­führ­lich dar, was über­haupt mög­lich sei.

Vor 30 Jah­ren hät­ten Pan­kower So­zi­al­de­mo­kra­ten »zen­tra­lis­ti­schen Ent­schei­dun­gen über die Köp­fe der Pan­kowe­r­in­nen und Pan­kower hin­weg ei­ne Ab­sa­ge er­teilt«, sag­te der SPD-Kreis­vor­sit­zen­de Lam­ber­tin. »Das gilt wei­ter­hin – auch für sol­che aus dem al­ten West-Ber­lin!«

Das wirft ein Licht auf die en­gen Be­zie­hun­gen ei­ni­ger Ge­nos­sen zur Bau­bran­che. Denn ne­ben dem no­to­ri­schen Vol­ker Här­tig, Vor­sit­zen­der des Fach­aus­schus­ses So­zia­le Stadt der SPD, taucht bei der Bür­ger­stadt auch Gün­ter Fu­der­holz wie­der auf. Un­ter du­bio­sen Um­stän­den wech­sel­te der eins­ti­ge Ab­tei­lungs­lei­ter in der Stadt­ent­wick­lungs­ver­wal­tung 1998 zu ei­ner Toch­ter­fir­ma der Bank­ge­sell­schaft Ber­lin. St­ein des An­sto­ßes war ein Grund­stücks­ver­kauf aus­ge­rech­net in dem Ge­biet, das Fu­der­holz nun als Bür­ger­stadt be­baut se­hen will.

Sein ehe­ma­li­ger Di­enst­herr, der eins­ti­ge Stadt­ent­wick­lungs­se­na­tor Pe­ter Strie­der, ist eben­falls als Be­ra­ter für Bau­pro­jek­te sehr um­trie­big. Un­ter an­de­rem rund um die um­strit­te­ne Be­bau­ung der Kreuz­ber­ger Cu­vry­bra­che soll er lob­by­iert ha­ben, ge­nau­so wie am Leip­zi­ger Platz. 2016 brach­te den da­ma­li­gen Stadt­ent­wick­lungs- und heu­ti­gen In­nen­se­na­tor Andre­as Gei­sel (SPD) die von ihm ver­füg­te Be­frei­ung des In­ves­tors von Auf­la­gen po­li­tisch in die En­ge.

Der­zeit wid­met sich Strie­der un­ter an­de­rem der Be­ra­tung rund um die ge­plan­te Be­bau­ung am Check­point Char­lie. Seit Ok­to­ber 2018 hat die »Strie­der Kom­mu­ni­ka­ti­on und Stra­te­gie Gm­bH« (SKS) mit Phil­ipp Mühl­berg ein wei­te­res SPD-Mit­glied als CoGe­schäfts­füh­rer. Bis Sep­tem­ber 2018 war Mühl­berg, der Vor­sit­zen­der der Ab­tei­lung Sch­mar­gen­dorf der SPD ist, noch bei der Stadt­ent­wick­lungs­ver­wal­tung in lei­ten­der Po­si­ti­on tä­tig. Zu sei­nem Wech­sel möch­te er sich nach ei­nem Te­le­fo­nat lei­der nicht zi­tie­ren las­sen. Nur so viel will er öf­fent­lich sa­gen: Für den um­strit­te­nen Check­point-Char­lie-In­ves­tor Trock­land sei die SKS nicht tä­tig. Trotz­dem bleibt auch die­ser Job bei der SPD, ver­gan­ge­nen Som­mer be­schwer­ten sich Bau­po­li­ti­ker der rot-rot-grü­nen Ko­ali­ti­on, dass die eins­ti­ge Ber­li­ner Fi­nanz­staats­se­kre­tä­rin Ga­b­rie­le Thö­ne sie in die­ser Hin­sicht kon­tak­tie­re.

Micha­el Grunst wünscht sich ei­ne lö­sungs­ori­en­tier­te Bau­po­li­tik. Ein gro­ßes Pro­blem sei die Schaf­fung von neu­em be­zahl­ba­ren Wohn­raum. »Man muss dar­über nach­den­ken, das Ber­li­ner Mo­dell noch ein­mal zu ver­schär­fen«, sagt er. Mög­li­cher­wei­se al­so ei­nen fünf­zig­pro­zen­ti­gen An­teil an So­zi­al­woh­nun­gen vor­zu­schrei­ben. In­ves­to­ren­lob­by­is­ten wer­den Mül­ler kaum auf sol­che Ide­en brin­gen.

»Man muss dar­über nach­den­ken, das Ber­li­ner Mo­dell noch ein­mal zu ver­schär­fen.« Micha­el Grunst (LIN­KE) Bür­ger­meis­ter Lich­ten­berg

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