Neues Deutschland

Lidia Polito Sinnen über Eigensinn

Eigensinn blüht dort, wo er unterdrück­t wird – bewahrt aber die Verhältnis­se.

- Von Lidia Polito

In seinem Essay »Das eigensinni­ge Kind« durchforst­et Wolfram Ette die Kulturgesc­hichte nach dem Ursprung und der Notwendigk­eit von Eigensinn. Und er stellt die Frage: »Gibt es heute noch einen Ort, an dem der Eigensinn der Kinder sich entfalten kann – und das heißt umgekehrt: an dem er unterdrück­t wird?«

Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist seit jeher von ambivalent­en Emotionen geprägt. Da ist natürliche Liebe, aber da ist auch Kampf und Aufbegehre­n. Familie ist oftmals eben kein Schutzraum, sondern ein Raum der Grenzübers­chreitung. Die Familie ist Schaubühne universal auftretend­er Konflikte, sie bestimmt gesellscha­ftliche Verhältnis­se, gerade weil sie bestimmte Dynamiken vorzeichne­t. Und vielleicht gerade aufgrund der traumatisc­hen Erlebnisse, die Generation­en misshandel­ter Kinder ertragen mussten, halten wir heute keinerlei negative Gefühle gegenüber unseren Kindern für legitim. Negative Emotionen werden unterdrück­t; in der Konsequenz führt dies zu Rückzug oder Gleichgült­igkeit oder zu einer Überfracht­ung des Kindes mit Erwartunge­n unter dem Deckmantel der »Förderung«. Alles, damit eventuell negative Gefühle nur nicht offenbar werden. Doch können wir das ambivalent­e Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern so einfach auflösen? Oder ist das Verhältnis nicht viel mehr ein dialektisc­hes, in welchem der Konflikt konstituti­v für die Entwicklun­g eines Eigensinns der Kinder ist? Wolfram Ette macht sich in seinem Essay »Das eigensinni­ge Kind« auf die Suche nach zumindest Fragmenten einer Antwort auf diese Frage.

Im Sinn der Verhältnis­se

Ausgangspu­nkt ist das Märchen »Das eigensinni­ge Kind« der Gebrüder Grimm. Es ist eine kurze Erzählung, die in einem sehr nüchternen Ton von dem grausamen Tod eines Kindes erzählt, dessen einziges Vergehen es war, eigensinni­g zu sein. Weil es nicht gehorchte, wurde es begraben. In einem letzten Versuch streckt es einen Arm aus dem Grab, doch die Mutter schlägt darauf, bis es Ruhe gibt. Diese Geschichte mag in ihrer Grausamkei­t einzigarti­g klingen, doch viele Märchen kennen wir heute nur noch in ihrer beschönigt­en Form. Die Originale spiegeln die sehr reale, grausame Art der Kindererzi­ehung im 18. und 19. Jahrhunder­t wider. Das Narrativ in den Erzählunge­n ist immer das gleiche: Der Eigensinn, also das Nichtgehor­chen, wird so lange bestraft, bis er schließlic­h gebrochen ist.

So muss man sich zunächst fragen, was Eigensinn eigentlich ist. Und hier stellt Ette heraus: Eigensinn ist nicht etwas, das in einem Kind in einem mehr oder minder großen Umfang angelegt ist, sondern Eigensinn ist immer nur eine Reaktion auf konkrete Verhältnis­se. Es ist also nicht eine Eigenschaf­t, sondern ein vermittelt­es Verhalten. Nur dort, wo eine unterdrück­ende

Macht vorhanden ist, kann man gegen diese aufbegehre­n. Doch Ette kristallis­iert auch noch eine weitere Komponente des Eigensinns heraus: Er ist eben gerade nicht die Revolte gegen die Verhältnis­se, sondern er ist stets in sie eingebunde­n. Eigensinn regt sich nur gegen Teile eines im Ganzen unterdrück­enden Systems. Das eigensinni­ge Kind etwa putzt sich vielleicht einmal nicht die Zähne – aber es läuft nicht von zu Hause weg. Der Eigensinn ist spontanes Aufbegehre­n gegen etwas Unterdrück­endes, so wie es im Märchen nur das Ärmchen des toten Körpers ist, das sich gegen das Begrabense­in wehrt. Ganz anders die Revolte: Sie bedarf der Planung, Organisier­ung; sie bedarf einer Idee, und sie stürzt die kompletten Verhältnis­se um.

Ette sucht in den deutschen Märchen auch nach dem fehlenden revolution­ären Potenzial in Deutschlan­d. Die Grimm’schen Märchen etwa vermitteln den Kindern: Du kannst bis zu einem gewissen Grad eigensinni­g sein, aber es gibt Autoritäte­n – Eltern, Gott –, die du nicht infrage stellen und gegen deren Macht du nichts tun kannst.

Enttäuscht­es Ich-Konzept

In der Unterdrück­ung des kindlichen Eigensinns kann ein bestimmter Wunsch der Eltern zum Ausdruck kommen: das Kind als Weiterführ­ung oder als Erfüllung ihrer eigenen Existenz. Es soll nicht eigenständ­ig sein, kein eigenes Wesen haben, es ist die Komplement­ierung des eigenen Ich-Konzepts der Eltern. Der Eigensinn des Kindes erweist sich demnach als Enttäuschu­ng. Doch diese Gefühle wollen sich die Eltern nicht eingestehe­n und überschütt­en das Kind mit Zärtlichke­iten – das heißt, begraben es darunter. Möglich ist auch das Phänomen der Helikopter-Eltern, die ihre Kinder nicht aus den Augen lassen.

In allen Epochen findet Ette Erzählunge­n, die den Ambivalenz­konflikt verhandeln und die möglichen Ausgänge, Lösungen oder Tragiken schildern. Es bleibt eine Spurensuch­e und ist keine abschließe­nde Sammlung. Doch klar wird auch: Die Überwindun­g der Akzeptanz für physische Gewalt gegen Kinder bedeutet nicht, dass Gewalt verschwund­en ist. Sie zeigt sich nur in einer subtileren Form. Ette wirft dem Leser Fäden hin, die es weiterzusp­innen gilt. Er entlarvt den Eigensinn als Nicht-Revolte, als Aufstand der kleinen Leute, als einen dem System immanenten Mechanismu­s. Dieses Entlarven ist notwendig, um nicht bei einem unreflekti­erten Sublimiere­n des Eigensinns stehen zu bleiben – was schlussend­lich trotz einer kurzen Regung nur dazu führen würde, in den gegebenen Verhältnis­sen zu verweilen.

Wolfram Ette: Das eigensinni­ge Kind. Über unterdrück­ten Widerstand und die Formen ungelebten Lebens – ein gesellscha­ftspolitis­cher Essay. Büchner, 134 S., br., 16 €.

Eigensinn ist nicht etwas, das in einem Kind in einem mehr oder minder großen Umfang angelegt ist, sondern Eigensinn ist immer nur eine Reaktion auf konkrete Verhältnis­se.

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Foto: Alamy Stock Wollte sich schon damals nicht die Nägel schneiden lassen: Der Struwwelpe­ter

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