Das See­pferd­chen-Ab­zei­chen für Le­ben und Lie­be

War­um ist Ger­traud Klemms Ro­man »Hip­po­cam­pus« nicht auf den Bes­ten­lis­ten des Jah­res?

Neues Deutschland - - FEUILLETON - Von Jas­per Ni­co­lai­sen Ger­traud Klemm: Hip­po­cam­pus. Kre­mayr & Sche­ri­au, 384 S., geb., 22,90 €.

Li­te­ra­tur über Li­te­ra­tur, Ro­ma­ne über das Ro­ma­ne­schrei­ben, das ist für ge­wöhn­lich die Do­mä­ne nicht mehr jun­ger Groß­schrift­stel­ler, die den ei­ge­nen Ge­nie­kult pfle­gen – wild ist der Wes­ten, schwer ist der Be­ruf! In­so­fern han­delt sich bei »Hip­po­cam­pus« (lat. für See­pferd­chen) von Ger­traud Klemm vi­el­leicht auch um ei­ne fe­mi­nis­ti­sche An­eig­nung.

Zum Glück fällt die­ser Ro­man nicht in die Fal­le der Selbst­be­züg­lich­keit, son­dern nutzt den Li­te­ra­tur­be­trieb mit sei­nen Ri­tua­len um Long- und Short­lists, Prei­sen, Sti­pen­di­en und nicht zu­letzt sei­ner Er­in­ne­rungs­kul­tur als Büh­ne für et­was Grö­ße­res, näm­lich ei­ne Be­trach­tung von Frau­en in ei­ner spe­zi­fi­schen Be­rufs­welt und ih­ren Mög­lich­kei­ten und Kämp­fen dar­in.

Dass über­haupt das Schrei­ben hier als Be­ruf ge­zeich­net wird, hebt den Ro­man aus der Mas­se the­ma­tisch ähn­lich ge­la­ger­ter Wer­ke her­aus. Dar­über hin­aus fin­det der Ro­man aber auch ei­nen ei­gen­stän­di­gen Zu­gang zum Mo­de­the­ma Fe­mi­nis­mus – was nicht ab­wer­tend ge­meint sein soll, im Ge­gen­teil. Zeit wird’s, dass Fe­mi­nis­mus uns so lan­ge auf die Ner­ven geht, bis er sich, hof­fent­lich ir­gend­wann über­flüs­sig ge­macht hat.

Sa­gen wir al­so lie­ber, der Ro­man fin­det ei­nen ei­gen­stän­di­gen Zu­gang zu ei­nem, zur­zeit viel er­zähl­ten The­ma, in­dem er äl­te­re Frau­en zu Prot­ago­nis­tin­nen macht, de­ren Fe­mi­nis­mus we­ni­ger von iden­ti­täts­po­li­ti­schen Fra­gen und Ak­ti­ons­for­men der Pop­kul­tur ge­kenn­zeich­net ist – was wie­der­um nicht de­spek­tier­lich ge­meint sein soll. Gut, dass es die­sen Fe­mi­nis­mus gibt. Und auch den aus dem Ro­man, der sich, sa­gen wir es so, mit dem »Um­wäl­zen al­ter, un­be­lieb­ter Müll­hau­fen« der Ge­sell­schaft be­fasst, wie es ei­ne Prot­ago­nis­tin for­mu­liert: Wer macht die Ar­beit, wer be­kommt das Geld und die An­er­ken­nung, wer geht put­zen und wer wird Mil­lio­när, und wer ver­sorgt so lan­ge die Kin­der?

Zu lo­ben ist an »Hip­po­cam­pus« zu­vor­derst die gro­ße hand­werk­li­che Kunst, mit der die Fa­bel er­zählt wird. Wie ein trü­ge­risch ru­hi­ges Was­ser liegt der Text da, schein­bar glatt und all­zu leicht zu be­fah­ren.

Ei­ne früh be­rühmt ge­wor­de­ne Au­to­rin ver­stirbt am Al­ko­hol, nach­dem um sie schon lan­ge Gr­a­bes­ru­he ein­ge­tre­ten war. Ih­re lang­jäh­ri­ge Freun­din ist mit der Nach­lass­ver­wal­tung be­treut und hat sich un­ver­mu­tet um das Schick­sal ei­nes Wer­kes zu küm­mern, das pos­tum für den deut­schen Buch­preis no­mi­niert wur­de. Ge­mein­sam mit ei­nem zu­fäl­lig her­bei­ge­weh­ten Ka­me­ra­mann tritt sie ei­ne klapp­ri­ge Odys­see an, in de­ren Ver­lauf ei­ne Gue­ril­lakunst ent­wi­ckelt wird, um das An­den­ken der Ver­stor­be­nen und das Pa­tri­ar­chat zugleich zu be­ackern, wäh­rend die bei­na­he al­te Frau und der noch recht jun­ge Mann sich ero­tisch nä­her kom­men.

Die­se ein­fa­che, aber, wenn man sie ernst­haft er­zählt, mit vie­len Wi­der­ha­ken ver­se­he­ne Sto­ry rollt Ger­traud Klemm höchst ge­konnt auf, ge­ra­de­aus, un­ei­tel, aber nie sim­pel, mit bieg­sa­mer, le­ben­di­ger, ös­ter­rei­chisch-grin­di­ger Spra­che. Ge­gen­wart und Er­in­ne­rung flie­ßen un­auf­dring­lich in­ein­an­der und vor al­lem die An­nä­he­rung

des männ­li­chen Prot­ago­nis­ten an das ihm zu­nächst gera­de­zu ab­surd er­schei­nen­de The­ma Fe­mi­nis­mus und die wach­sen­de ero­ti­sche An­zie­hung zwi­schen dem he­te­ro­se­xu­el­len Paar ist dra­ma­tur­gisch ex­zel­lent ge­stal­tet.

So gibt es hier viel, woran sich un­ter­schied­lichs­te Le­se­rin­nen und Le­ser mit den Rin­gel­schwänz­chen fest­schlin­gen dür­fen, vie­le Eier­chen, die die Au­to­rin hier in un­se­re Bauch­ta­schen ver­senkt: das Al­tern, die Lie­be, die Fe­mi­nis­men durch die Ge­ne­ra­tio­nen, Kunst, Öf­fent­lich­keit und Pri­vat­heit, Kampf, Ein­sam­keit und Nä­he, ei­ne gan­ze Welt un­ter der Ober­flä­che des schein­bar so satt­sam be­kann­ten trü­ben Tüm­pels »Li­te­ra­tur«. 380 Sei­ten oh­ne ei­ne ein­zi­ge lang­wei­le Stel­le, das muss man auch erst mal schaf­fen.

War­um die­ses Buch bis­her nir­gend­wo auf den Bes­ten­lis­ten des Jah­res auf­ge­taucht ist, wer weiß das schon so ge­nau? Ach, wer ein biss­chen den Li­te­ra­tur­be­trieb ver­folgt, der weiß, es ist ein­fach zu ei­gen­stän­dig, er­zählt gro­ße The­men zu leicht und schert sich nicht um ir­gend­wel­che Mo­den, ganz wie das See­pferd­chen, das seit Ur­zei­ten durch die Mee­re schun­kelt und, oft un­be­ach­tet, doch nie aus der Mo­de kommt.

Schön ge­stal­tet in Far­be, Druck­bild und Ge­ruch ist das Buch auch noch.

Ab­schlie­ßend noch die Gra­tis­in­for­ma­ti­on, dass das See­pferd­chen zu den Fi­schen ge­hört, Ger­traud Klemm aber zu den ganz gro­ßen Au­to­rin­nen.

Wer macht die Ar­beit, wer be­kommt das Geld und die An­er­ken­nung, wer geht put­zen und wer wird Mil­lio­när, und wer ver­sorgt so lan­ge die Kin­der?

Fo­to: ima­go images/image­bro­ker

Un­ter der Ober­flä­che des trü­ben Tüm­pels »Li­te­ra­tur« gibt es in­ter­es­san­te Bü­cher­we­sen oh­ne ei­ne ein­zi­ge lang­wei­le Stel­le

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