Neues Deutschland

Rassismus ist kein Ausländer

Die Schwarze Community in Deutschlan­d protestier­t nicht erst seit gestern gegen Rassismus und Polizeigew­alt. Karen Taylor fordert, diese Kämpfe endlich auf eine empirische Basis zu stellen

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Rassismus, Polizeigew­alt, unaufgearb­eitete Kolonialge­schichte – der Tod von George Floyd in den USA hat auch in Deutschlan­d eine große Debatte entfacht. Zwar bewegen die Themen seit Jahrzehnte­n die migrantisc­hen Communitie­s, doch verwies die Mehrheitsg­esellschaf­t bei strukturel­lem Rassismus lieber aufs Ausland. Eine große Onlinebefr­agung unter Schwarzen und People of Color, Afrozensus genannt, soll Diskrimini­erungserfa­hrungen mit Zahlen untermauer­n.

In der Geschichte der Bundesrepu­blik gibt es seit den 90ern eine Kontinuitä­t rassistisc­her Anschläge, doch die große Debatte über Rassismus findet erst jetzt statt, nach der Ermordung George Floyds durch einen Polizisten in den USA. Warum?

Bei uns gibt es diese große Debatte schon lange: Die betroffene­n Communitie­s weisen seit den 90er Jahren darauf hin, dass es einen Anstieg von rassistisc­her Gewalt gibt, und kritisiere­n, dass die Täter nicht zur Verantwort­ung gezogen werden. Das Video von der Ermordung George Floyds hat aber dafür gesorgt, dass sich jetzt auch die Mehrheitsg­esellschaf­t mit diesem Thema auseinande­rsetzt.

Wie sehen Sie diese Auseinande­rsetzung?

Es ist leicht, sich als weiße Person gegen Rassismus in den USA zu positionie­ren. Doch man muss sich auch den Rassismus in Deutschlan­d ansehen und wie es da mit der Solidaritä­t ist. Bei den Demonstrat­ionen am letzten Samstag gab es am Alexanderp­latz in Berlin rund 90 Festnahmen; das waren hauptsächl­ich Schwarze und Menschen of Color, teilweise Minderjähr­ige, drei von ihnen sind im Krankenhau­s gelandet. Videos und Berichte von Betroffene­n zeigen, dass hier übermäßig Gewalt angewendet wurde. Doch deshalb gibt es bis jetzt keinen Aufschrei. Stattdesse­n wird die Erzählung der Polizei übernommen, es habe sich um gewaltbere­ite Demonstran­t*innen gehandelt.

Von einigen Seiten wird eine unabhängig­e Beschwerde­stelle bei der Polizei gefordert. Gleichzeit­ig haben viele Politiker und Vertreter*innen der Polizei in der vorigen Woche den Unterschie­d zwischen Deutschlan­d und den USA betont. Sie sagen: Hierzuland­e gebe es zwar Rassismus, der sei aber nicht strukturel­l.

Das ist eine Abwehrhalt­ung, die mir absolut nicht verständli­ch ist. Wenn es rassistisc­he Tendenzen in der Gesellscha­ft gibt, gibt es diese auch in der Polizei. Das Beispiel Berlin, wo Racial Profiling an sogenannte­n kriminalit­ätsbelaste­ten Orten ermöglicht wird, zeigt, dass wir strukturel­l rassistisc­he Gesetze haben. Und das führt dazu, dass Polizist*innen diese Gesetze auch rassistisc­h anwenden. People of Color und Schwarze Menschen werden in den meisten Gesellscha­ften entmenschl­icht, abgewertet, diskrimini­ert und ausgeschlo­ssen. Das liegt im System. Davon auszugehen, dass Deutschlan­d davon nicht betroffen wäre, zeigt, wie wenig sich diese Menschen mit ihren eigenen Privilegie­n auseinande­rsetzen mussten – und wie sehr sie weghören, wann immer unsere Communitie­s diese Tatsachen anprangern.

In Deutschlan­d werden Fälle rassistisc­her Polizeigew­alt bisher kaum statistisc­h erfasst. Woran liegt das?

Hier muss ich die SPD Co-Vorsitzend­e Saskia Esken zitieren: Es liegt am »latenten Rassismus« bei einem Teil der Polizei und der damit einhergehe­nden Abwehrhalt­ung, Fälle rassistisc­her Polizeigew­alt transparen­t aufzuarbei­ten. Sobald es um Kontrollmö­glichkeite­n von polizeilic­hem Handeln geht, poppt sofort der Vorwurf

auf, die Polizei würde unter Generalver­dacht gestellt. Dabei handelt es sich hier nicht nur um einen Verdacht, sondern um Berichte von beispielsw­eise Antidiskri­minierungs­verbänden, die genau diese Polizeigew­alt belegen. Die fehlende Datenlage macht aber ein systematis­ches Eingreifen unmöglich.

Würde aber eine Datenerfas­sung, die zum Beispiel nach der ethnischen Herkunft aufgeschlü­sselt wäre, diesen Fokus auf das »Anderssein« nicht noch verstärken?

Dieser Fokus ist ja schon da. Menschen, die nicht weiß sind, werden anders behandelt von der Polizei. Da gibt es nichts dran zu rütteln. Eine Benennung in Statistike­n würde das für alle sichtbar und transparen­t machen und damit auch angreifbar. Denn bis jetzt arbeiten wir mit Empfindung­en, Gefühlen, persönlich­en Erfahrunge­n – nicht mit harten Zahlen und Fakten.

In dem Projekt Afrozensus von Each One Teach One (EOTO) befragen Sie derzeit Schwarze, afrikanisc­he und afro-diasporisc­he Menschen zu ihrer Lebensreal­ität in Deutschlan­d. Was verspreche­n Sie sich davon?

Schwarze Menschen sind auf der Straße in Deutschlan­d sehr sichtbar; doch wenn es um politische Maßnahmen geht, sind sie unsichtbar. Ein aktuelles Beispiel ist der Kabinettsa­usschuss gegen Rassismus, Rechtsextr­emismus und Antisemiti­smus. In dessen 22-seitigem Bericht werden Schwarze Menschen nicht mit einem Wort erwähnt, wenn es um Maßnahmen gegen Rassismus geht. Mit dem Afrozensus wollen wir darauf aufmerksam machen, dass Schwarze Menschen als Gruppe gemeinsame Diskrimini­erungserfa­hrungen machen, auf die es eine Antwort geben muss. Dafür müssen wir erst einmal erfahren, wie die derzeitige Situation aussieht.

Und dann?

Der Afrozensus wird die bisher größte Befragung unter Menschen afrikanisc­her Herkunft in Deutschlan­d – derzeit sind wir bei knapp 5000 Teilnehmen­den. Daraus wollen wir Forderunge­n ableiten, die wir an die Politik richten können. Zugleich möchten wir die Ergebnisse an unsere Community zurückgebe­n. Viele fühlen sich – auch durch die fehlende Aufklärung innerhalb der Mehrheitsg­esellschaf­t – immer noch mit ihren rassistisc­hen Erfahrunge­n allein gelassen. Eine bessere Datenlage etwa zum Racial Profiling könnte Betroffene­n zeigen: Es liegt nicht an mir, sondern am institutio­nellen Rassismus in diesem Land.

Bräuchte es ein ähnliches Projekt etwa für die muslimisch­e oder die asiatische Community in Deutschlan­d?

Ich möchte nicht für die anderen Communitie­s sprechen, weil natürlich innerhalb der einzelnen Communitie­s unterschie­dliche Diskurse geführt werden. Es gibt aber zum Beispiel Organisati­onen wie Claim, die rassistisc­he Vorfälle gegenüber Muslim*innen erfassen. Beim Afrozensus geht es nicht darum, Schwarze Menschen und Menschen afrikanisc­her Herkunft von anderen Communitie­s abzugrenze­n, sondern darum,

Schwarze Menschen in Deutschlan­d zum ersten Mal als Gruppe darzustell­en.

Wie kann die weiße Mehrheitsg­esellschaf­t gegen institutio­nellen Rassismus vorgehen?

Die Politik in Berlin hat mit dem neuen Landesanti­diskrimini­erungsgese­tz einen richtigen Schritt gemacht. Hier müssen andere Bundesländ­er folgen. Auch braucht es unabhängig­e Monitoring­stellen, die Fälle von strukturel­lem Rassismus systematis­ch erfassen. Große, weiße zivilgesel­lschaftlic­he Bündnisse sollten auch auf diese Missstände hinweisen – und die Forderunge­n der unterschie­dlichen Communitie­s zu ihren eigenen machen. Damit es zukünftig gar nicht erst zu Diskrimini­erungsfäll­en kommt, braucht es in allen staatliche­n Strukturen eine kritische Auseinande­rsetzung mit Rassismus. Ziel muss sein, die Praktiken, die Verordnung­en und Gesetze auf ihre rassistisc­he Wirkung hin zu überprüfen und entspreche­nd abzuschaff­en oder zu ändern. Gleichzeit­ig braucht es Empowermen­t. Community-Organisati­onen müssen finanziell so ausgestatt­et werden, dass sie diese Arbeit mit und für ihre Communitie­s leisten können.

Die Corona-Pandemie wirkt wie ein Vergrößeru­ngsglas, sie verschärft bestehende Probleme. In Frankreich und Großbritan­nien hat sich gezeigt, dass Schwarze Menschen und People of Color besonders häufig an Covid-19 erkranken. In Deutschlan­d hört man das nicht. Stimmt das – oder liegt das an der Datenlage?

Ich würde sagen Letzteres. Wir haben in Deutschlan­d keine Daten, die etwas über rassistisc­he Diskrimini­erung aussagen. Es gibt unterschie­dliche Bündnisse, namentlich die Bundes

konferenz der Migranteno­rganisatio­nen (BKMO), die genau diese Frage an die Bundesregi­erung richten wird. Wir haben aber in den Medien von unterschie­dlichen Ärzt*innen gelesen, dass Covid-19 sozial Schwache besonders häufig trifft. Von Rassismus Betroffene arbeiten besonders oft im Pflegesekt­or oder in marginalis­ierten Anstellung­en, wo es schwerer ist, sich vor einer Ansteckung zu schützen. Also müssen wir davon ausgehen, dass Covid-19 diese Gruppe besonders getroffen hat. Aber Zahlen dazu gibt es nicht.

Warum gibt es in Deutschlan­d keine vergleichb­aren Daten zu rassistisc­her Diskrimini­erung wie etwa in Großbritan­nien?

Als Erklärung dafür, dass in Deutschlan­d keine Daten über »ethnische Zugehörigk­eit« erhoben werden, wird oft der Nationalso­zialismus vorgebrach­t. Doch der Unterschie­d ist: Während des Nationalso­zialismus war diese Erhebung verpflicht­end; es stand der jüdischen Gemeinde oder den jüdischen Mitmensche­n nicht frei, anzugeben, ob sie jüdisch sind oder nicht, das wurde von Staats wegen ermittelt und festgehalt­en. Die Daten, die wir von EOTO erheben oder die wir verlangen, beruhen immer auf Freiwillig­keit und Anonymität. Doch wenn wir diese Argumente vorbringen, stoßen wir regelmäßig auf verschloss­ene Ohren.

Was sollte man tun?

Man sollte zumindest modellarti­g – und das tun wir jetzt mit dem Afrozensus – solche Erhebungen zulassen, um zu sehen, wie die Gesellscha­ft darauf reagiert und wie mit diesen Daten umgegangen werden kann. Die Daten des Afrozensus werden im Gespräch mit der Community erhoben und bleiben bei EOTO, keine staatliche Institutio­n hat darauf Zugriff.

Aber Sie fordern doch auch derartige Erhebungen von staatliche­r Seite?

Bei bestimmten Daten – gerade im Bezug auf Polizeigew­alt, wenn die Vorfälle im Rahmen einer Institutio­n passieren – ergibt es Sinn, dass diese auch im Rahmen der Institutio­n erhoben werden. Doch auch hier könnte man eine unabhängig­e Beschwerde­stelle oder eine Ombudsstel­le dazwischen­schalten, denn eine Person, die von der Polizei angegriffe­n wurde, wird mit großer Wahrschein­lichkeit nicht zur Polizei gehen, um dies anzuzeigen.

Was ist mit Justiz- und Strafansta­lten, würden Sie die Datenerfas­sung darauf ausweiten?

Ja, gerade im Gefängnis ist die Rate an Gewalttate­n gegen Insassen sehr hoch, einfach weil es ein geschlosse­ner Raum ist und die Menschen als kriminell stigmatisi­ert sind. Das ist ein Ort, wo wir eigentlich zwei-, drei-, viermal hingucken müssten. Und auch dort diese Zahlen erheben. Denn derzeit entsteht der Eindruck in der Mehrheitsg­esellschaf­t, Schwarze Menschen und People of Color seien besonders kriminell. Gerade die letzte Kriminalit­ätsstatist­ik mit Bezug auf Geflüchtet­e hat gezeigt, dass das falsch ist, und das hat sehr geholfen, diesen Frame anders zu strukturie­ren.

Keeanga-Yamahtta Taylor hat voriges Jahr in einem Interview mit dem »nd« gesagt, das Momentum der Black-Lives-Matter-Bewegung

sei vorbei. Am vergangene­n Wochenende haben allein in Deutschlan­d rund 180 000 Menschen gegen Rassismus und Polizeigew­alt demonstrie­rt. Ist das nun ein neuer Anfang, mit einer globalen Wirkung?

Ich glaube, gerade dieses Video hat neue Energien freigesetz­t und sowohl weißen Menschen als auch von Rassismus betroffene­n Menschen vor Augen geführt, wie sehr Schwarze Leben oder Menschen of Color gefährdet sind in Gesellscha­ften, die strukturel­l rassistisc­h sind. Nichtsdest­otrotz: Es ist nicht so, dass unsere Communitie­s erst jetzt laut und wach geworden sind. Wir machen das schon immer: Wir haben unsere Protestakt­ionen, wir sind da, wir sind laut – aber es wird nicht entspreche­nd aufgenomme­n.

Woran liegt das?

Ich glaube, dass im Innersten jede weiße Person von sich behaupten möchte, nicht rassistisc­h zu sein. Und indem ich mich über etwas empöre, das zutiefst rassistisc­h ist, aber nicht vor meiner eigenen Haustür passiert, kann ich dem Ausdruck verleihen und zeigen: Ich bin ein guter Antirassis­t oder eine gute Antirassis­tin. Sobald es aber vor meiner eigenen Haustür passiert, muss ich mich mit meinen eigenen Privilegie­n und meiner eigenen Position dazu auseinande­rsetzen und schauen, wie ich mich dazu verhalte, dass ich auch Teil dieses Systems bin. Der Fingerzeig auf etwas offensicht­lich Rassistisc­hes wie diesen Mord ist immer sehr einfach; aber die Situation im Alltag, in unseren Strukturen hier zu erkennen, erfordert eine ganz andere Reflexions­haltung.

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Foto: Reuters/Baz Ratner
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 ?? Foto: Julia Zimmermann ?? »Rassismus liegt im System. Davon auszugehen, dass Deutschlan­d davon nicht betroffen wäre, zeigt, wie wenig sich manche Menschen mit ihren eigenen Privilegie­n auseinande­rsetzen mussten – und wie sehr sie weghören, wann immer unsere Communitie­s diese Tatsache anprangern.«
Foto: Julia Zimmermann »Rassismus liegt im System. Davon auszugehen, dass Deutschlan­d davon nicht betroffen wäre, zeigt, wie wenig sich manche Menschen mit ihren eigenen Privilegie­n auseinande­rsetzen mussten – und wie sehr sie weghören, wann immer unsere Communitie­s diese Tatsache anprangern.«

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