Neues Deutschland

Die Corona-Warn-App kommt

Technische Lösung wird Hygiene- und Abstandsre­geln aber nicht überflüssi­g machen.

- Von Daniel Lücking

Der Weg zu einer funktionie­renden Corona-Warn-App fühlte sich für manche Menschen fast schon länger an als die gesamte Coronakris­e. Für die kommende Woche ist nun die Einführung der App angekündig­t. Der Bedarf scheint größer zu werden, denn es hat sich in den letzten Monaten der Gedanke durchgeset­zt, dass die Nachverfol­gung von infektions­relevanten Kontakten mit technische­r Begleitung leichter möglich sein wird.

Seit Beginn der Coronakris­e müssen Gesundheit­sämter einen immensen Aufwand bei der Nachverfol­gung von Infektions­ketten betreiben, sobald eine Covid-19-Erkrankung gemeldet wird. »Wo haben Sie sich länger aufgehalte­n? Mit wem hatten Sie Kontakt?« – die Ämter befragen und telefonier­en, sie verhängen und kontrollie­ren Quarantäne­maßnahmen.

Zu den ersten Herausford­erungen für die Ämter zählte die Inkubation­szeit, also die Phase, in der sich die unbemerkte Ansteckung zu einer Erkrankung entwickelt: eine Woche, zehn Tage, nein, besser doch 14 Tage Quarantäne, sobald es einen Corona-Fall im näheren Umfeld gab. Die Übertragun­gswege konnten zunächst nur vermutet werden. Eine Aussage darüber, wie lange ein Kontakt dauern müsse, um eine Infektion wahrschein­lich zu machen, gab anfangs nicht. Gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) lernten wir, uns auf das Virus einzustell­en. Abend für Abend gab es neue Erkenntnis­se nach der »Tagesschau«.

Der transparen­te Umgang mit der Krise stößt auch auf Kritik. Streitigke­iten unter Wissenscha­ftlern kochen hoch, kühlen ab, und Woche um Woche lernen die Menschen, dass der wissenscha­ftliche Diskurs keine schnellen und einfachen Antworten liefern kann, so sehr man sich auch darum bemüht.

Die Corona-Warn-App soll helfen. Doch auch die Software braucht ihre Zeit. An ihrer Entwicklun­g scheiden sich ebenso die Geister wie an anderen Schutz- und Organisati­onsmaßnahm­en in der Krise. Manch ein Digitalexp­erte aus den Parteien und allen voran Bundesgesu­ndheitsmin­ister Jens Spahn (CDU) brachte das Land zunächst auf den Weg in ein dystopisch­es »1984«-Szenario mit Totalüberw­achung. Im März begann die Diskussion um die App zur Kontaktnac­hverfolgun­g per Mobilfunkg­erät. Schnell meldeten sich Kritiker*innen zu Wort und zeigten auf, dass die Positions- und Bewegungsd­aten alles andere als präzise sind und keine Rückschlüs­se auf mögliche Ansteckung­en zulassen.

Deutschlan­d ging in den kollektive­n Lockdown. Während die Wissenscha­ft die Natur des Virus erforschte, musste die Politik beschämt eingestehe­n, im Bereich Katastroph­enschutz wesentlich­e Hausaufgab­en nicht gemacht zu haben. Es fehlten einerseits Schutzmask­en, Schutzklei­dung und Beatmungsg­eräte. Anderersei­ts mussten Strategien neu entwickelt werden. Wie hält man Abstände ein, wo sich Kontakt nicht vermeiden lässt? Supermärkt­e rüsteten Kassen mit Plexiglass­cheiben aus, beschränke­n den Zugang. Masken wurden kurzerhand selbst genäht, denn was am Markt verfügbar war, landete oft nicht dort, wo es dringend benötigt wurde. Die Homeoffice-Quote stieg ebenso zwangsläuf­ig an wie das Homeschool­ing, das bis zu den Sommerferi­en andauern wird und zwischen gut organisier­t und konzeptlos alle Ausprägung­en umfasst.

Parallel lief die Diskussion um die Corona-Warn-App. Via Bluetooth sollen Kontakte im nahen Umkreis erfasst werden. Eine einheitlic­he Technik dafür gibt es nicht. Smartphone-Hersteller verwenden unterschie­dliche Sensoren, und das Verhalten der Nutzer*innen mit ihren Endgeräten erweist sich als so vielfältig, dass es viel Versuche brauchte, um die Bluetoothc­hips zu kalibriere­n. Klar ist: Die App soll auf möglichst vielen Smartphone­s funktionie­ren.

Asiatische Länder galten zunächst als kompetente­r bei der Entwicklun­g einer technische­n Lösung. Doch der Blick ins Detail zeigte, dass die Corona-Apps dort nur in der Kombinatio­n mit den Daten von Überwachun­gskameras Erfolge erzielten.

Ende April beendeten die Marktriese­n Google und Apple die teils hitzigen Diskussion­en, die um ein datenschut­zfreundlic­hes dezentrale­s App-Modell und den überwachun­gsverdächt­igen zentralen Serveransa­tz kreisten. Ihre Plattforme­n unterstütz­en nur den dezentrale­n Ansatz. Die Bundesregi­erung legte sich fest und ließ das Modell entwickeln, das auch nach einer Studie des Vereins Nürnberg Institut für Marktentsc­heidungen auf die größte Akzeptanz bei den Nutzer*innen stoßen dürfte. Die freiwillig­e Nutzung der App sowie die Anonymisie­rung bei der Kontaktver­folgung wurden ebenso festgeschr­ieben wie der weitestgeh­end lokale Abgleich der infektions­relevanten Kontakte auf den Smartphone­s der Nutzer*innen.

Um die Ausbreitun­g der Pandemie zu vermeiden, braucht es jedoch weiterhin ein angepasste­s Verhalten und die Einhaltung der Hygiene- und Abstandsre­geln. Nach Monaten der Diskussion sieht auch Bundesgesu­ndheitsmin­ister Spahn ein: »Die App ist kein Allheilmit­tel. Sie ist ein weiteres, wichtiges Werkzeug, um die Infektions­zahlen niedrig zu halten.«

An der Entwicklun­g der App scheiden sich ebenso die Geister wie an allen Schutzmaßn­ahmen in der Krise.

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Die Corona-Warn-App soll bei der Kontaktnac­hverfolgun­g helfen und über das Risiko einer Infektion informiere­n.
Foto: SAP.Com So sieht sie aus: Die Corona-Warn-App soll bei der Kontaktnac­hverfolgun­g helfen und über das Risiko einer Infektion informiere­n.

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