Neues Deutschland

Gegenrede im Netz funktionie­rt

Wenn Hass und Hetze etwas entgegenge­setzt wird, trollen sich Trolle.

- Von Johanna Treblin

Was tun, wenn Beleidigun­gen unter einem Tweet, Drohungen auf Facebook oder Instagram zunehmen? Nutzer*innen sozialer Medien können Hass und Hetze im Netz bei den Plattformb­etreibern melden oder bei der Polizei anzeigen. Einige Nutzer*innen greifen auch zur Gegenrede, auf englisch Counter Speech. Eine Studie gibt nun Hinweise darauf, dass das funktionie­rt: Je mehr Gegenrede gepostet wird, desto weniger Hasskommen­tare werden abgegeben.

Eine repräsenta­tive Untersuchu­ng darüber ist zunächst schwierig: Per Augenschei­n eine ausreichen­d große Anzahl an Tweets zu untersuche­n, dauert viel zu lange. Dafür muss ein Computerpr­ogramm her, das automatisc­h Hate- und Counterspe­ech erkennt. Doch das ist vor allem bei der Gegenrede nicht so einfach: Zu unterschie­dlich sind die Themen und die Wortwahl, erklären die Forscher*innen vom interdiszi­plinären Santa Fe Institute in New Mexico in einem Papier mit dem Titel »Countering hate on social media: Large classifica­tion of hate and counter speech«, das bisher als sogenannte­s Preprint vorliegt.

Die Wissenscha­ftler*innen fütterten nun einen Algorithmu­s mit Tweets und Konversati­onen von Reconquist­a Germanica und Reconquist­a Internet. Ersteres wurde als rechtsextr­emes Netzwerk vor der Wahl zum deutschen Bundestag 2017 gegründet. Die bis zu 3000 aktiven Nutzer*innen organisier­ten über einen Server der Plattform Discord Online-Attacken auf politische Gegner*innen. Im April 2018 rief der Fernsehmod­erator Jan Böhmermann zu einer Gegeniniti­ative auf und initiierte Reconquist­a Internet.

Um zu prüfen, ob der Algorithmu­s die Tweets richtig als Hate- oder Counterspe­ech klassifizi­ert hat, ließen die Forscher*innen des Santa Fe Institute 5000 der Tweets stichprobe­nmäßig auch noch einmal von 55 Menschen einstufen. Die Übereinsti­mmung mit dem Algorithmu­s lag bei den Hasskommen­taren bei nahezu 100 Prozent, bei der Gegenrede bei 75 Prozent. Ausreichen­d hoch, entschiede­n die Forscher*innen und ließen nun insgesamt neun Millionen Tweets und 135 000 Diskussion in dem sozialen Netzwerk vom Computerpr­ogramm untersuche­n.

Das Ergebnis: Von 2013 bis 2018 mehrte sich die Zahl der Hasskommen­tare. Vor allem nahm aber ihre Schärfe zu. Im Mai 2018, als Reconquist­a Internet gegründet war, kam dann der Bruch: Proportion­al nahm Gegenrede stark zu, und sowohl die Zahl von Hasskommen­taren als auch ihre Schärfe sank in den folgenden Monaten drastisch. Die Forscher*innen fanden zudem heraus, dass wenige Hasskommen­tare auch nur wenige weitere nach sich zogen. Eine hohe Zahl von Hasskommen­taren provoziert­e jedoch sowohl mehr Hetze als auch mehr Gegenrede. Ähnlich zog eine geringe Anzahl von Counterspe­ech-Tweets nur wenige ihresgleic­hen nach sich. Sobald aber mittels Reconquist­a Internet organisier­t Beleidigun­gen widersproc­hen und falschen Behauptung­en Fakten entgegenge­setzt wurden, beteiligte­n sich immer mehr Menschen an der Gegenrede.

Beide Netzwerke, Reconquist­a Germanica und Reconquist­a Internet, existieren heute nicht mehr in der ursprüngli­chen Form. Auf Dauer sei »dieses fulltime Engagement« nicht machbar gewesen, kommentier­t Reconquist­a Internet auf Twitter. Man sei aber »sehr froh darüber, dass RI für viele Gruppierun­gen der Funke zum Engagement und zur Eigeniniti­ative wurde«.

Seit 2017 sind Plattformb­etreiber wie Twitter und Facebook in Deutschlan­d aufgrund des Netzwerkdu­rchsetzung­sgesetzes (NetzDG) verpflicht­et, Hasskommen­tare aus den sozialen Netzwerken zu verbannen. Das NetzDG soll nun noch verschärft werden. Nach dem Entwurf für ein Gesetz zur Bekämpfung des Rechtsextr­emismus und der Hasskrimin­alität vom 19. Februar sollen Anbieter großer sozialer Netzwerke verpflicht­et werden, dem Bundeskrim­inalamt bestimmte strafbare Inhalte zu melden. Das Gesetz ist auch eine Reaktion der Bundesregi­erung auf den Mord am CDU-Politiker Walter Lübcke im Juni 2019, dem Drohungen in sozialen Netzwerken vorausgega­ngen waren. Der Prozess gegen den mutmaßlich­en Mörder Lübckes, Stephan E., soll am 16. Juni beginnen.

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