Neues Deutschland

Hoffnung am Hochofen

Regierung stützt die Industrie mit einer Wasserstof­fstrategie.

- Von Kurt Stenger

Wenn das Wort »Wasserstof­f« fällt, bekommen Manager und Technikexp­erten aus der deutschen Stahlindus­trie leuchtende Augen. Die extrem energieint­ensive Branche befindet sich in einer existenzbe­drohenden Krise angesichts von Billigstah­l aus Fernost und den Klimaschut­zvorgaben; die Strafzölle Donald Trumps tun ihr Übriges. Doch jetzt gibt es Hoffnung: Auf eine »einzigarti­ge Transforma­tion in der Geschichte der Stahlindus­trie« verweist die Thyssen-Krupp-Vorstandsc­hefin Martina Merz mit Blick auf die Produktion von »grünem« Stahl, bei der Wasserstof­ftechnolog­ien die Schlüsselr­olle spielen sollen. Große Investitio­nen stünden an, »weil Stahl Zukunft hat«.

Vor einem halben Jahr startete der Ruhrpottko­nzern in Duisburg-Hamborn ein Pilotproje­kt, bei dem ein Teil des im Hochofen als Reduktions­mittel eingesetzt­en Kohlenstau­bes durch Einblasen von Wasserstof­f ersetzt wird. Langfristi­g will man gänzlich neue Direktredu­ktionsanla­gen errichten, bei denen überhaupt kein Koks benötigt wird und auch keine CO2-Emissionen mehr entstehen. ThyssenKru­pp will solche Anlagen ab Mitte der 2020er Jahre errichten und bis 2050 komplett auf klimaneutr­ale Stahlprodu­ktion umstellen.

Man reibt sich die Augen: Vor noch gar nicht allzu langer Zeit gingen Stahlkonze­rnvertrete­r und Gewerkscha­fter gemeinsam auf die Straße, um gegen EU-Klimaschut­zvorgaben zu demonstrie­ren. Wasserstof­f ist das chemische Element, aus dem die Träume derjenigen sind, die die weitgehend­e Beibehaltu­ng der energieint­ensiven Produktion­sweise und die Dekarbonis­ierung unter einen Hut bekommen wollen. Die Technologi­en sind im Stahlberei­ch eigentlich bereits vorhanden, die Investitio­nskosten bei 70 Hochöfen, die es in der EU noch gibt, überschaub­ar. Das Problem ist, dass die Produktion von Stahl erheblich teurer wird. Da bislang sehr wenig Wasserstof­f angeboten wird, ist der Preis hoch und die Nachfrage gering. Dies ist wiederum der Grund, warum nicht mehr Wasserstof­f produziert wird. Kurzum: Der Markt richtet es, indem er alles beim Alten belässt.

Die Stahlbranc­he, aber auch die Chemie- und Zementindu­strie, Energie- und Autokonzer­ne machen Druck, dass der Staat den »Markthochl­auf« organisier­t. Die möglichen Anwendungs­gebiete sind ja vielfältig – neben der industriel­len Energie- und Rohstoffnu­tzung auch im Schiff-, Flug- und Lkw-Verkehr sowie im Wärmesekto­r. Und Wasserstof­f speichert Energie, was wichtig ist, wenn der Strom komplett aus Wind und Sonne kommen soll. Der Industriev­erband BDI erläuterte in einer »Roadmap für den Einsatz klimafreun­dlicher Gase«, welche Maßnahmen und Instrument­e die Regierung ergreifen soll. Gleichzeit­ig machten Gewerkscha­ften wie die IG BCE Druck. Die IG Metall fordert, dass beim Ausstieg aus Verbrenner­motoren auch auf Brennstoff­zellen gesetzt werden müsse. China, Japan und Südkorea würden »das Thema längst mit Vehemenz verfolgen«.

Planwirtsc­haft im Kapitalism­us

Letztlich wird die Regierung gedrängt, so etwas wie Planwirtsc­haft im chaotische­n Marktkapit­alismus zu simulieren, was natürlich nur rudimentär geht. Die in dieser Woche verabschie­dete Nationale Wasserstof­fstrategie sieht vor, bis 2030 in Deutschlan­d Erzeugungs­anlagen mit bis zu fünf Gigawatt Gesamtleis­tung zu errichten samt der dafür nötigen Ökostrom-Anlagen, vor allem Windräder auf See. Die SPD und das CDUgeführt­e Forschungs­ministeriu­m wollten deutlich mehr, der Streit führte zu monatelang­en Verzögerun­gen. Im Gespräch ist auch eine Quote für Flugzeugtr­eibstoff von mindestens zwei Prozent ab 2030. Fördermitt­el von sieben Milliarden Euro, Abgabenbef­reiungen und rechtliche Erleichter­ungen gehören ebenfalls zu der Strategie. Ob das letztlich dazu führt, dass sich Wasserstof­f am Markt durchsetzt, ist aber unklar. Mit den Plänen ernennt die Große Koalition die Wasserstof­ftechnolog­ien aber nun offiziell zu einem der »Kernelemen­te der Energiewen­de«. Und sie bringen etwas Struktur in das bisherige Förder-Wirrwarr. Kaum ein Ministerpr­äsident, der kein Programm aufgelegt hat, das sein Land zum führenden Wasserstof­fstandort in Deutschlan­d machen soll.

Dabei geht es hier nicht um Klein-Klein, sondern um globale Aspekte. Für die Herstellun­g von Wasserstof­f auf klimafreun­dlichem Weg braucht es riesige Mengen an Ökostrom. Mit dem Ausbauziel der Regierung wird lediglich ein Siebtel des (erhofften) Bedarfs gedeckt. Die größten Mengen müssten importiert werden. Plötzlich werden alte Konzepte zum Bau riesiger Solarkraft­werke in der Sahara, die für uns Strom produziere­n, wieder zum Leben erweckt. Doch schon das Projekt Desertec scheiterte einst an der politische­n Instabilit­ät in der Region und daran, dass die Wüstenstaa­ten selbst ihren Energiebed­arf decken wollen. Oder drohen sogar außenpolit­ische Konflikte und die Degradieru­ng Nordafrika­s zur Energiekol­onie bei einem wirklichen weltweiten Wasserstof­fboom?

Nichtsdest­otrotz soll die deutsche Wirtschaft davon profitiere­n. Die Regierung will die »globale Führungsro­lle bei Wasserstof­ftechnolog­ien sichern«, heißt es aus dem CDU-geführten Wirtschaft­sund dem SPD-geführten Umweltmini­sterium. Die Hoffnung auf große Exporterfo­lge bei einer potenziell­en Zukunftste­chnologie hat auch Thyssen-Krupp: Der Konzern will ganze Wertschöpf­ungsketten anbieten – von den genannten Anlagen bis zur großtechni­schen Produktion von Wasserstof­f, der dann etwa bei der Erzeugung von Basischemi­kalien eingesetzt werden kann. Die Produktion von grünem Stahl allein wird die Branche eben auch nicht retten.

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Foto: Ronald Wilhelm/SAACKE GmbH/pbs Wasserstof­fflamme: Die Technologi­e ist für die Bundesregi­erung nun auch offiziell ein Kernelemen­t der Energiewen­de.

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