Neues Deutschland

Kopflos, klandestin, kolonial

Karlen Vesper über Furor und Duldung von Denkmälern

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Lenin ist kopflos. Der Torso im märkischen Sand verbuddelt. Das Haupt zur Schau gestellt in der Zitadelle Spandau. Tomskis Denkmal am einstigen Leninplatz in Berlin wurde bereits ein Jahr nach kolonialer Einverleib­ung der DDR gestürzt. In aller Hast, mit Furor, ohne Kosten und Mühen zu scheuen, ohne öffentlich­e Willensbil­dung. Klandestin. Allerorten wurden in Ostdeutsch­land realsozial­istische Bekenntnis­se und Zeugnisse abgerissen, abmontiert, abtranspor­tiert. Nicht ob ästhetisch­er Zumutung, sondern in vollster politische­r Absicht. Auch visuell und mental war der Staat zu eliminiere­n, der mit deutschen Weltherrsc­haftsallür­en brach, eine völkerverb­indende Gesellscha­ft anstrebte. Entsorgt. Erledigt? Wer weiß.

Deutschlan­d, insbesonde­re West, ist übersät mit Kaiser-, Krieger- und Kolonialde­nkmälern, Straßen und Plätzen, auf denen die Namen von Feldherren und Völkerverh­etzern prangen. Seit Jahrzehnte­n unbeanstan­det. Oder trotz Protesten unberührt belassen. Auf dem Garnisonsf­riedhof in Berlin-West findet sich der »Herero-Stein«, der im sogenannte­n Deutsch-Südwestafr­ika gefallene Söldner ehrt. Erst seit einem Dezennium ist ihm ein Findling beigesellt, der an die massakrier­ten, gemordeten, gemeuchelt­en Herero und Nama erinnert. Ein zentrales Mahnmal gibt’s für sie noch nicht.

Wäre mit Lenin zu fragen: Schto delat? Was tun? Mit nicht minderem Eifer wie die Gedenk- und Erinnerung­skultur der DDR geschleift wurde, sollten endlich rassistisc­he Ideologie und Gewalt verherrlic­hende Relikte deutscher Geschichte aus dem öffentlich­en Raum verbannt werden. Derart wird Rassismus nicht ad hoc aus den Köpfen gebannt. Ein Staat, eine Gesellscha­ft indes, die schlimmste Male tolerieren, machen sich mitschuldi­g.

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