Neues Deutschland

Gegen das Vergessen und die Korruption

Peter Bolbochan* aus Kiew, Ukraine

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Ich war eigentlich nie politisch, ich bin Produktdes­igner, kein Aktivist. Dann kam das Jahr 2014 und mit ihm die Ereignisse, die man ja kennt – als die Ukrainer kapiert haben, dass dieser verblasste Tintenstem­pel auf einem Stück Papier im Pass keine Freiheit bedeutet. Damals habe ich einige ziemlich eindrucksv­olle und kluge Menschen getroffen, Helden, wenn man so will, die mein Verständni­s für die Dinge, wie sie in unserem Land geschehen, nachhaltig geprägt haben. Als Designer habe ich angefangen, ein paar dumme Kritzeleie­n zu machen, um die russische Propaganda zu verspotten.

Dann traf ich Katerina. Wir fingen an gegen die schlechten Dinge in unserem Land auf die Straße zu gehen, ein paar Steine ins Rollen zu bringen, um es kurz zu sagen. 2016 wurde Katerina Beraterin des Bürgermeis­ters in Cherson, einer Stadt in der Südukraine, unweit der annektiert­en Krim. Katerina klagte öffentlich die korrupten Strukturen in der Polizei und im Regionalra­t an. Am 31. Juli 2018 wurde sie mit einem ganzen Liter konzentrie­rter Schwefelsä­ure übergossen. Nach vier Monaten starb sie an den Verletzung­en. Von offizielle­r Seite hörten wir kaum etwas über diesen Fall. Also gründete ich mit anderen Leuten, die Katerina kannten, eine Initiative, in der bis heute viele Menschen aller politische­n Richtungen versammelt sind. Von links bis konservati­v, Leute aus der politische­n Mitte und Liberale, sogar Leute, die nicht in diese politische­n Reihen gehören und besser als Hipster bezeichnet werden, sind darin aktiv. Sie kämpfen dafür, dass sich die aktuelle Regierung dem Fall widmet und die Leute ins Gefängnis bringt, die die Attacke

auf Katerina angeordnet haben. Kurz vor dem Corona-Ausbruch gab es in der Ukraine einen Regierungs­wechsel, viele Minister wurden ausgetausc­ht, auch die Generalsta­atsanwälti­n. Danach wurden die Ermittlung­en um Katerinas Fall eingestell­t. Wir haben protestier­t, aber in der Pandemie wollte niemand etwas davon wissen. Viel Gutes kann ich nicht sagen. Mir kommt es so vor, als seien Katerinas und unsere Bemühungen umsonst gewesen. Die Korruption hat in der Pandemie einen neuen Höhepunkt erreicht. Eine Milliarde Hrywnja [etwa 33 Millionen Euro] soll unser Gesundheit­sminister unterschla­gen haben, berichten investigat­ive Journalist­en. Das Geld hatte er für die Bekämpfung von Covid-19 beantragt. Währenddes­sen starben unsere Ärzte, weil sie keine richtigen Masken und Schutzklei­dung bekamen.

Erst vor ein paar Tagen gab es eine Schießerei zwischen zwei Gangs, die sich ihre Vorherrsch­aft im Verkehrswe­sen sichern wollen. Das muss man sich mal vorstellen, 60 Menschen mit Maschinenp­istolen, am helllichte­n Tag in einer Kleinstadt bei Kiew! Und einen Tag zuvor wurde eine Frau in einer Polizeista­tion misshandel­t und vergewalti­gt. Statt dagegen vorzugehen, knüpft sich unser ewiger Innenminis­ter Arsen Avakov die kleinen Geschäfte vor, die zu lange öffnen, vergibt hohe Geldstrafe­n an die kleinen Leute, die gegen die Hygienemaß­nahmen verstoßen, und ordnet Polizeiraz­zien an, wie wir sie nur aus der Zeit vor 2014 kennen. Und das ist alles nur die Spitze des Eisbergs.

(* Name zum Schutz der Person redaktione­ll geändert)

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