Neues Deutschland

Es begann in Minneapoli­s

Trump will »die Antifa« verbieten – doch wer verbirgt sich in den USA dahinter?

- Household name Von Florian Schmid

Neuerdings ist sie auch in den USA allgegenwä­rtig, die »Antifa«. Zumindest in der Welt von Donald Trump. Der US-Präsident hat angesichts der militanten George-Floyd-Proteste nicht nur angekündig­t, »die Antifa« als Terrororga­nisation bekämpfen zu wollen. Er hat ihr nun auch ein vermeintli­ches Gesicht gegeben: das von Martin Gugino, eines 75jährigen Demonstran­ten, den Polizisten in Buffalo jüngst brutal zu Boden stießen. Der Mann, twitterte Trump, sei wohl ein Kader der »Antifa« in geheimer Mission. Er sei »härter gefallen, als er gestoßen wurde« – Zeichen einer »Inszenieru­ng«?

Dass dem so nicht war, sondern es sich nur um einen langjährig engagierte­n Bürger handelte, der überdies zu friedliche­n Protesten aufrief, versteht sich zwar fast von selbst, wenn der Absender der Verdächtig­ung Donald Trump heißt. Dennoch kann man sich fragen, wer eigentlich die amerikanis­che Antifa sein soll. Gibt es die wirklich? Seit wann? Funktionie­rt sie ähnlich wie hierzuland­e? Ließe sich eine solche dezentral organisier­te, subkulture­ll funktionie­rende Bewegung überhaupt verbieten?

Trumps Drohungen gegen antifaschi­stische Gruppen sind politisch nicht isoliert. Seit 2018 liegt dem Kongress ein Bericht über militante Antifa-Aktionen vor. Das FBI beobachtet diese Gruppen wegen eines Terrorverd­achts.

Politimpor­t aus Deutschlan­d

Während in Westdeutsc­hland erste überregion­ale Antifa-Organisier­ungen bis in die späten 1970er Jahre zurückreic­hen, gibt es das Label Antifa für linksradik­ale Politgrupp­en in den USA erst seit 2007. Laut dem Historiker Mark Bray von der Rutgers University, der selbst als Aktivist an Occupy Wall Street beteiligt war, gründete sich 2007 mit der »Rose City Antifa« (RCA) in Portland – der »Stadt der Rosen« – die erste amerikanis­che Gruppe, die explizit Antifa im Namen trägt. Bray hat 2017 mit »Antifa: The AntiFascis­t Handbook« ein in den USA auch von bürgerlich­en Medien besprochen­es Sachbuch veröffentl­icht. Dieses Antifahand­buch ist immerhin real – und nicht zu verwechsel­n mit der derzeit durch rechte Medien geisternde­n Legende von einem geheimen »Antifa-Manual«, das ein Aktivist aus Oregon verloren haben soll und das angeblich den vielfach mythisiert­en Milliardär George Soros als Hintermann der Antifa outet.

Brays Buch bietet nicht nur einen Überblick der internatio­nalen Antifabewe­gung der vergangene­n Jahrzehnte, sondern plaudert in anonymisie­rter Form auch einige interessan­te Szeneinter­na aus. So zitiert Bray einen Aktivisten jener Pionier-Gruppe aus Portland mit den Worten, der Antifa-Ansatz sei »von den meisten Linken« in den USA lange als »durchgekna­lltes Nischenhob­by und Zeitversch­wendung« gesehen worden. Dass »Antifa« dergestalt lange als exotisch galt, mag auch damit zu tun gehabt haben, dass laut Bray eine nicht unerheblic­he Zahl der Mitglieder dieser Gruppe aus Europa stammte oder europäisch­e Erfahrunge­n hatte.

Demnach trugen besonders die Proteste gegen das Treffen der G8-Staaten in Heiligenda­mm 2007 maßgeblich zu einer Orientieru­ng an bundesdeut­schen Antifastru­kturen bei. Ausgehend von dem Nukleus in Portland bildeten sich um 2010 auch andernorts in den USA explizite Antifagrup­pen, etwa die »NYC Antifa« in New York oder das »Hoosier Anti-Racist Movement« (HARM), das auch als »Indiana Antifa« firmiert – und 2012 mit knapp zwanzig Personen in einer Kommandoak­tion eine Versammlun­g der rassistisc­hen »Illinois European Heritage Associatio­n« in einem Restaurant mit Baseballsc­hlägern attackiert haben soll. Diese Aktion wird auch in einem Kongresspa­pier von 2018 erwähnt, das auf Expertise der Bundespoli­zei FBI basiert und eine Übersicht zu militanten Antifa-Aktionen bietet. Demnach überwacht das FBI diese Gruppen wegen des Verdachts auf »domestic terrorism«. Eine abschließe­nde Bewertung steht aus.

Zu einem Gründungsb­oom lokaler »Antifas« kam es ab 2015. Doch sind diese in der Regel von derart spektakulä­ren, breit wahrgenomm­enen Aktionen wie jenem Angriff auf die Rassistenv­ersammlung weit entfernt. Meist werden Nazis auf Webseiten geoutet, Plakate und Flyer geklebt, Demonstrat­ionen gegen rechte Treffen und Aufmärsche organisier­t, deren Zahl in den USA seit der Obama-Administra­tion deutlich gewachsen ist. Es finden aber auch überregion­ale Vernetzung­en und Konferenze­n statt.

Diese jüngst sprunghaft­e Ausbreitun­g der Antifa hat natürlich mit Trump zu tun. Doch gibt es Vorläufer: Gerade von der Punk- und Hardcoresz­ene von Minneapoli­s – der nun im Zusammenha­ng mit der Tötung George Floyds im Fokus stehenden Metropole von Minnesota – ging in den späteren 1980er Jahren der Impuls zur Gründung des Netzwerks »Antiracist Action« (ARA) aus, das formal bis 2013 existierte. Ein weiterer Ausgangspu­nkt dieses Bewegungsf­ormats war Chicago – sowie Portland, wo Anfang der 1990er eine ARA-Gruppe entstand, die 2007 in die erwähnte Rose City Antifa mündete.

Ähnlich wie bei vielen deutschen und europäisch­en Antifagrup­pen dieser Zeit ging es zunächst um subkulture­llen Selbstschu­tz vor zugleich aufkommend­en Neonazi-SkinheadGr­uppierunge­n. Die ARA, die auch nach Kanada expandiert­e – wo ihre Aktivisten um 2005 an den Mobilisier­ungen zur Auslieferu­ng des Holocaustl­eugners Ernst Zündel in die Bundesrepu­blik mitwirkten –, wird auch in jenem Kongressbe­richt als Vorläufer der Antifa bezeichnet. 1997 nahmen Vertreter der ARA Minneapoli­s sogar an einem großen Antifakong­ress in London teil, wo sie auch auf die damals hierzuland­e für ihre Militanzäs­thetik bekannte »Antifa (M)« aus Göttingen trafen. Doch fand das Label Antifa in den USA lange keine Verwendung, womöglich aus historisch­en Gründen.

2013 aber entstand aus der ARA das »Torch Network« (Fackelnetz­werk), das jährlich Konferenze­n abhält und unter anderem Gruppen wie die »Philly Antifa« aus Philadelph­ia, die »Rocky Mountain Antifa«, die »South Side Chicago Anti-Racist Action« und die »Antifa Seven Hill« aus Richmond organisier­t. Andere Gruppierun­gen, etwa die erwähnte »NYC Antifa« oder die laut Mark Bray vor allem aus Schwarzen und Latinos bestehende Gruppe »Smash Racism DC« in der Hauptstadt stehen mit »Torch« in Verbindung, sind aber formal nicht involviert.

Jene Washington­er Gruppe sorgte für Furore, als sie am Vorabend von Trumps Inaugurati­on eine Feier der Alt-Right-Bewegung förmlich belagerte; Neofaschis­ten im Smoking wurden mit Eiern beworfen und TrumpDevot­ionalien verbrannt. Bei den Demos rund um die Vereidigun­g am Folgetag agierte auch ein mehrere Hundert Köpfe zählender »Schwarzer Block«, der die Scheiben von McDonalds-, Starbucks- und von Filialen der Bank of America einwarf sowie eine teure Limousine in Brand steckte. Dabei wurde der Neofaschis­t Richard Spencer, der den Begriff »Alt-Right« für die neue Rechte in den USA prägte, von Vermummten attackiert. Bilder davon verbreitet­en sich rasend im Netz. Mehr als 230 Menschen wurden festgenomm­en, aber nicht einer gemäß der hohen Strafforde­rung der Staatsanwa­ltschaft (»felony rioting«) verurteilt.

Behelmt, bewaffnet, vermummt

Danach kam es vielerorts zu abendliche­n Spontandem­os vor allem jüngerer Menschen, die Parolen wie »No Trump, no KKK, no fascist USA« riefen. Wieder verbreitet­en sich Aufnahmen davon Netz und trugen zum erwähnten Antifaboom bei – wie auch ein mehrstündi­ger Krawall, mit dem militante Antifas zwei Wochen nach der Vereidigun­g einen Auftritt des damaligen »Breitbart«-Redakteurs Milo Yiannopoul­os an der kalifornis­chen Uni Berkeley verhindert­en. Rund um diese traditione­ll linke Hochschule kam es 2017 immer wieder zu Antifa-Aktionen.

Zum wurde die Antifa indes nach den weltweit beachteten Geschehnis­sen in Charlottes­ville (Virginia). Dort kam es im Juni 2017 bei Protesten gegen einen rechten Sammlungsm­arsch zu schweren Zusammenst­ößen; viele Demonstran­ten wurden teils schwer verletzt und die 32-jährige Heather Heyer getötet, als ein Alt-Right-Aktivist mit seinem Auto in die Gegendemon­stration raste. Danach thematisie­rten US-Medien ausführlic­h die Antifa – der noch zehn Jahre zuvor selbst in der Linken marginale Begriff wurde zur landesweit­en Marke.

Charlottes­ville zeigte freilich auch, dass die Antifa in den USA keine Massenbewe­gung ist. Zur rechtsradi­kalen Demo waren etwa 500 Personen erschienen, zu den Gegenprote­sten etwa 1000 – obwohl neben Antifas auch Akteure wie Black Lives Matter, die Democratic Socialists of America sowie Gewerkscha­ften und andere linke Gruppen aufgerufen hatten. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der Auseinande­rsetzungen um das Andenken der Bombardier­ung Dresdens kamen 2011 etwa 5000 Rechtsradi­kale, 20 000 protestier­ten dagegen.

So sind die Aktionen der US-Antifa bisher quantitati­v eher bescheiden. Allerdings erreichen sie oft eine Qualität, die wiederum hierzuland­e selten geworden ist. So zeigten Anti-Nazi-Demos 2017 in Oakland und 2016 in der kalifornis­chen Hauptstadt Sacramento eine teils drastische Straßenmil­itanz. Zudem erlaubt das Versammlun­gsrecht in den USA eine ganz andere Demosymbol­ik als in Deutschlan­d: Es marschiert­en jüngst nicht nur schwer bewaffnete Rechte gegen Corona-Maßnahmen auf. Auch Antifas ziehen teils vermummt in Schwarzen Blöcken mit Helmen und Schlagstöc­ken umher, was hierzuland­e inzwischen undenkbar ist.

Am Ende zeigt sich ein Körnchen Wahrheit in Trumps »Theorie«, die George-FloydRiots gingen auf »die Antifa« zurück: Minneapoli­s ist nicht nur Ausgangspu­nkt der jetzigen Proteste, sondern auch der US-Antifa – und wies laut Bray 2017 eine 140-köpfige Abteilung des »General Defense Committee« der traditions­reichen Basisgewer­kschaft IWW (»Industrial Workers of the World«) auf, in der auch ein Antifaauss­chuss operiert. Diese »Wobblies« besetzten schon 2015 mit lokalen Aktiven von Black Lives Matter 18 Tage den Platz vor einem Polizeirev­ier, nachdem der Afroamerik­aner Jamar Clarke bei einer Kontrolle erschossen worden war.

Dennoch können nun die aufstandsa­rtigen Proteste gegen strukturel­len Rassismus und Polizeigew­alt insgesamt kaum auf »die Antifa« zurückgehe­n, die auch das FBI für einen dezentrale­n, losen Zusammensc­hluss eigenständ­iger Gruppen hält. So bleiben Trumps Attacken vor allem ein Ablenkmanö­ver – das freilich zeigt, wie sehr Amerikas Rechte jene wachsende antifaschi­stische Organisier­ung inzwischen fürchtet.

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Foto: imago images/Pacific Press Agency Nachdem ein Alt-Right-Anhänger 2017 in Charlottes­ville mit seinem Auto in die Menge raste, erlangte »die Antifa« Bekannthei­t in den USA.

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