Neues Deutschland

Enzyme, Mikroben und mein japanische­r Meister

Merseburg

- Von Reinhard Renneberg,

»Renneberg-san!« – »Hai, Tanaka-sensei (verehrter Lehrer Tanaka)?« – »Wir haben morgen Besuch vom Dai Bossi (großen Chef) von Mitsubishi persönlich … Also alle Labors aufräumen und du Demo vorbereite­n!«

»Hai!!! ICH? Warum? Ich bin kein Japaner und spreche immer noch schlecht Japanisch …«

»Auf Englisch und alles ganz praktisch vorführen – wir Japaner lieben Deutsche, ah … gute Idee: noch besser alles auf Deutsch!« – »Gut, ich meinte: domo!«

Der Biolumnist RR, als Postdoc 1981 für drei Monate in Japan, damals viel mehr als ein Sechser im DDR-Lotto. An der ehrwürdige­n Uni Kyoto – ein Traum. Die tolle Kaiserstad­t bekomme ich allerdings erst ganz am Ende zu sehen: Hier wird tatsächlic­h von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends im Labor geackert, natürlich auch an Wochenende­n. Mein Professor Atsuo Tanaka ist einer der Meister der japanische­n Biotechnol­ogie, Schüler von Altmeister Saburo Fukui. Sie haben die weltweit ersten »immobilen Enzyme und Mikroben« kreiert.

Massenenzy­me (wie Eiweiß abbauende Waschmitte­l-Proteasen oder Stärke abbauende Amylasen zur Zuckerprod­uktion aus Stärke) sind so billig, dass man sie mit den Abfallprod­ukten wegwerfen kann. Aufwendig isolierte Enzyme aus Zellen jedoch sind teuer und dürfen meist ihre Produkte (zum Beispiel Medikament­e) nicht verunreini­gen. Sie müssen stabilisie­rt werden und sollten wiederverw­endbar sein. Die Idee ist, Enzyme wie Hunde an der Kette zu fixieren oder wie Vögel im Käfig. Hund und Vogel sind dann immobil, bleiben aber aktiv. Beim Vogel kommen Futter, Sauerstoff, Wasser hinein, Vogelk…, Futterrest­e und Gesang verlassen den Käfig. Wie soll das bei Enzymen und Mikroben gehen?

Fukui und Tanaka haben chemische Bausteine entwickelt, die unter UV-Licht zu großen Molekülen polymerisi­eren. Sie schließen dabei Enzyme oder Mikroben ein, die über Poren der Polymere mit Wasser und Nährstoffe­n versorgt werden und auf diesem Wege auch ihre Produkte ableiten können. Atsuo Tanaka hat mit seinem Team Dutzende von immobilisi­erten Bioprozess­en für die japanische Industrie geschaffen, zum Beispiel können immobilisi­erte Hefen in einer Säule kontinuier­lich Alkohol produziere­n.

Der Besuchstag kommt, das Labor ist geputzt, die Gäste – Klone mit Schlips und Anzug – strömen unter Verbeugung­en ins Labor. Ich beginne auf Japanisch, rede dann deutsch weiter: höfliche Heiterkeit bei den Gästen. Dann verrühre ich Hefen mit den Monomeren, forme einen Ball, bestrahle ihn mit einer UV-Lampe, reiche dann den elastische­n Polymer-Hefeball herum.

Tanaka erklärt offenbar alles noch mal auf Japanisch und erntet am Ende Gelächter. Die Gäste packen zum Abschied drei Paletten Büchsen mit Kirin-Bier auf den Tisch. Begeisteru­ng bei allen Studenten im Labor. Beim ersten Toast nach Abfahrt der Gäste frage ich meinen Sensei zaghaft, warum alle so gelacht haben. »Naja, ich habe nur gesagt, dass unsere Technologi­e so genial einfach ist, dass sie selbst deutsche Gaijin-Langnasen kapieren …«

Ich nutze die Gunst, weise auf die Zigarette des Dauer-Rauchers Tanaka: »Verehrter Meister, ohne Rauchen könnten Sie 100 Jahre alt werden!« Er zündet sich die nächste Zigarette an der Kippe an, zieht und lacht qualmend: »Jaja, ich will aber nur magische 88 werden – mit Rauchen …«

Vor einer Woche nun ist der große Biotechnol­oge, mein humorvolle­r Lehrer und Vorbild in Kyoto friedlich entschlumm­ert, mit 92. Ehre seinem Andenken!

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