Neues Deutschland

»Der blaue Fleck sagt dir, wo unten ist«

-

Bei Videokonfe­renzen fiel auf: Mein Monitor zeigt das Bild aus meiner Kamera spiegelver­kehrt; meine Kollegen sehen es richtig herum. Die Kamera ist quasi wie dein Spiegel. Beim Selfie merkst du es nicht, weil die Handykamer­a das Bild dreht. Das tun auch einige Videokonfe­renzProgra­mme. Bei Zoom zum Beispiel kannst du einstellen, wie herum du es haben willst.

Die Kamera liefert zwei verschiede­ne Bilder? Nicht die Kamera, das Programm. Bei Skype siehst du dich auf dem großen Bild spiegelver­kehrt, auf dem kleinen Bild am Rand richtig herum – wie auch der Gesprächsp­artner dich sieht.

Sind Menschen irritiert, wenn sie sich nicht seitenverk­ehrt wie im Spiegel sehen?

Dazu gibt es Untersuchu­ngen aus anderen Kontexten. Es ging um die Frage, warum man sich, wenn man sich im Spiegel verkehrt herum sieht, dennoch auf der richtigen Seite kratzt. Das ist gar nicht so trivial. Wer versucht, sich vorm Spiegel selbst die Haare zu schneiden, wird sehen, wie schwierig das ist. Aber dazu kenne ich keine Studien; wohl auch, weil vor Corona die Leute zum Friseur gegangen sind.

Links und rechts müssen Kinder mühsam erlernen, und dann noch mal im Spiegelbil­d.

Das klappt bei manchen ewig nicht. Aber irgendwann hat das Gehirn es automatisi­ert. Ohnehin muss es beim Sehen einiges leisten. Wir haben im Auge eine einfache Sammellins­e, und die stellt – wenn du dich an den Physikunte­rricht erinnerst – die Welt auf den Kopf. Wir sehen auf der Netzhaut die Welt permanent falsch herum, nehmen sie aber als richtig herum wahr.

Oben, unten, links, rechts – Definition­sfragen. Ja. Wenn du hinfällst, sagt dir der blaue Fleck, wo unten ist. Wir könnten es natürlich auch oben nennen, aber es würde dasselbe bedeuten.

Wurde eigentlich schon untersucht, wie kreativ man im Homeoffice sein kann?

Weiß ich nicht, aber Ideen entstehen oft zufällig. Ich fragte mal einen Physiker, wie die Zusammenar­beit zwischen seinem Industriei­nstitut und Unis läuft. Er sagte: Gar nicht, denn wir haben keine gemeinsame Kantine. Das ist der Punkt. In so einer Kantine kommen Leute ins Gespräch, die nicht direkt miteinande­r zu tun haben. Fürs Homeoffice bräuchte man einen Innovation­sdialog, mit Zufallsele­ment. Ein geplantes Chaos.

Archimedes lag angeblich allein unterm Apfelbaum und rief irgendwann: »Heureka!«

Der mit Apfelbaum und der Schwerkraf­t, das war Newton. Hatte übrigens mit oben und unten zu tun. Archimedes soll in der Badewanne den Zusammenha­ng zwischen Materialdi­chte und -volumen erkannt haben. Wer weiß.

Hätte er ein Smartphone gehabt, gäbe es vielleicht ein Video davon.

Ich weiß nicht, ob Wissenscha­ftler dazu neigen. Das müsste man mal untersuche­n lassen.

 ?? Foto: nd/Ulli Winkler ?? Dr. Steffen Schmidt, Jahrgang 1952, ist Wissenscha­ftsredakte­ur des »nd« und der Universalg­elehrte der Redaktion. Auf fast jede Frage weiß er eine Antwort – und wenn doch nicht, beantworte­t er eine andere. Wolfgang Hübner fragte ihn nach Videokonfe­renzen.
Foto: nd/Ulli Winkler Dr. Steffen Schmidt, Jahrgang 1952, ist Wissenscha­ftsredakte­ur des »nd« und der Universalg­elehrte der Redaktion. Auf fast jede Frage weiß er eine Antwort – und wenn doch nicht, beantworte­t er eine andere. Wolfgang Hübner fragte ihn nach Videokonfe­renzen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany