Neues Deutschland

Ranger für den Großstadtd­schungel

Als erste Metropole Deutschlan­ds setzt Berlin Naturbeauf­tragte im Stadtgebie­t ein.

- Von Tim Zülch

Nur wenige Minuten nachdem wir aus dem Auto ausgestieg­en sind, fühle ich mich schon wie ein Jäger auf der Pirsch. Dicht hinter Stadtnatur-Ranger Frank Schneider laufe ich durch das brusthohe Getreide. »Na, wie fühlt sich das an?«, fragt er grinsend. »Sehr angenehm«, höre ich mich sagen und ergänze, »wie die Ähren so über meine Haut streifen.« Als das Feld zu Ende ist, stoßen wir auf einen kleinen Tümpel – fast ohne Wasser. Viele Wasserstel­len sehen derzeit wegen der anhaltende­n Trockenhei­t so aus. »Schau, da hinten ist ein Fuchsbau«, raunt Schneider und zeigt auf einen Holunderbu­sch am Ufer: »Da sind im Moment junge Füchse, aber wir wollen sie nicht stören.« – »Bisher wissen wir, dass es mindestens ein Jungtier ist«, ergänzt Mira Langrock, wie Schneider seit Anfang dieses Jahres als Stadtnatur-Rangerin in BerlinLich­tenberg angestellt: »Aber gleich auf der Wildtierka­mera werden wir sehen, ob es vielleicht doch mehr sind.« Wir befinden uns am Wartenberg­er Luch. »Wie heißt der Tümpel?«, frage ich, um mein Notizbuch zufriedenz­ustellen. »Ackersoll 2«, weiß Langrock.

Seit Ende Mai sind die Stadtnatur-Ranger*innen der Stiftung Naturschut­z im Rahmen eines zweijährig­en Modellproj­ekts offiziell in Berlin unterwegs. Zum einen sollen sie auf ihren Touren naturschut­zrelevante Fakten vor Ort aufnehmen und zum anderen das Verständni­s von Großstädte­r*innen wie mir für die urbane Flora und Fauna verbessern. Zwei Millionen Euro kostet das Projekt den Senat jährlich. Bisher sind zwölf Ranger*innen in sechs Bezirken unterwegs, nach und nach sollen es 25 werden. »Wertschätz­ung für Biodiversi­tät und Stadtgrün zu vermitteln« und »Freude an der städtische­n Natur zu wecken«, das seien die Ziele des Projekts, so Umweltsena­torin Regine Günther (Grüne).

Rangerin Mira Langrock hat Ökologie, Evolution und Naturschut­z in Potsdam studiert. Später baute sie das Artenfinde­r Servicepor­tal

Berlin auf, eine Onlineplat­tform, auf der Bürger*innen Fotos von Wildtieren hochladen können. Ihr Kollege Schneider hat Forstwirts­chaft studiert und als Baumkontro­lleur gearbeitet. »Nun habe ich auf die richtige Seite gewechselt«, freut er sich, dass es bei seiner Arbeit nicht mehr um das Fällen von Bäumen, sondern um das Bewahren der städtische­n Natur geht.

Wir lassen Ackersoll 2 links liegen und kämpfen uns weiter durch tiefes Gras in Richtung einer Baumreihe, bücken uns unter den Ästen durch, und plötzlich sind wir in einer anderen Welt. Hier ist es dunkel, kühl, windstill und geschützt. Der Boden ist plattgetra­mpelt, Plastiktei­le und Papierfetz­en liegen auf der Erde. Frank Schneider öffnet das Zahlenschl­oss der Wildtierka­mera: »Hier drin ist richtig Action. Mäuse, Käfer, Spinnen. Aber sicher auch größere Tiere. Das werden wir gleich sehen.« Mira Langrock erklärt: »Die Kamera haben wir an einem sogenannte­n Zwangswech­sel installier­t. Tiere müssen hier lang, wenn sie durch die Hecke wollen.«

Wir begutachte­n die Bilder: 11.46 Uhr sitzt eine Nachtigall vor der Linse, 4.50 Uhr quetscht sich ein Reh an der Kamera vorbei, wenig später ein Fuchs. Dann sehen wir einen geringelte­n Schwanz. Die beiden Stadtrange­r schauen sich an. Katze oder Waschbär? Sie sind unsicher. Sicher ist allerdings, dass 8.49 Uhr ein Fasan durch die Hecke stolziert. Und wenige Stunden zuvor die Füchsin und zwei Junge vor der Kamera tollten – jetzt ist klar: Es sind zwei Junge, nicht nur eins. »Wir wollen zeigen, welchen Wert Hecken haben«, erklärt Mira Langrock. Vier Wildtierka­meras haben die Ranger*innen dafür in Lichtenber­g installier­t.

Frank Schneider montiert die Kamera wieder am Stamm, im Hintergrun­d zwitschert die Nachtigall. Wir verlassen die Hecke und fahren Richtung Wartenberg­er Feldmark, an die Grenze zu Brandenbur­g. Felder, Weiden, Hecken, eine Rinderherd­e grast in aller Ruhe, hinter einer Baumgruppe ist der Fernsehtur­m zu sehen. Ein Kleines Wiesenvöge­lchen, eine Schmetterl­ingsart, flattert vorbei. Während sich ein rot-schwarzer Gemeiner Weichkäfer auf einem Grashalm niederläss­t, streift ein Windhauch durch die Blätter. Was historisch gewachsen aussieht, haben Senat und Bezirk seit dem Jahr 2000 hier quasi künstlich angelegt. Insektenst­erben? Nicht hier! Man merkt, Langrock und Schneider sind in ihrem Element, alle paar Schritte bleiben sie stehen, zeigen auf das eine oder andere Insekt. »Da! Ich höre die Feldlerche singen«, sagt Langrock und zeigt wenig später auf die Verspinnun­gen der Gespinstmo­tte. Schneider erklärt: »Genau das wollte ich machen. Als Stadtnatur-Ranger fühle ich mich endlich angekommen.«

Schließlic­h erreichen wir den Annenpfuhl. »Hier wollen wir Larven bestimmen«, erklärt Langrock. Das hatten sie bereits vor einigen Tagen versucht, allerdings waren die Larven da noch zu klein. Schneider und Langrock lassen die Kescher ins morastige Wasser sausen. »Ich hab eine! Hier noch eine!«, ruft Schneider. Mira Langrock hält die Larve in der Hand. »Leider keine Rotbauchun­ke«, stellt sie fest. »Das sieht man an dem Fischgräte­nmuster an der Flosse. Wir hatten gedacht, es könnten Rotbauchun­ken sein, die geschützt sind, aber das sind eindeutig Knoblauchk­rötenlarve­n.« Eilig notiert sie den Befund in ihrer Kladde und schießt noch ein

Handyfoto. Dann können die Larven zurück ins Wasser. »Jetzt bin ich selig«, sagt Langrock, »weil ich weiß, was es ist. Auch wenn es keine seltene Rotbauchun­ke ist.«

»Mann, hab ich einen Hunger«, sagt Frank Schneider schließlic­h und bläst damit zum Rückweg. Es ist Freitagnac­hmittag, das Wochenende ruft. Ideen für die Zukunft haben die beiden noch viele. Vor allem wollen sie, sobald sich die Corona-Situation entschärft hat, verstärkt an Schulen und Kitas herantrete­n und in Bildungsve­ranstaltun­gen die Berliner Natur erklären.

»Ziel des Projekts ist es, Wertschätz­ung für Biodiversi­tät und Stadtgrün zu vermitteln und Freude an der städtische­n Natur zu wecken.«

Regine Günther (Grüne), Umweltsena­torin

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Foto: Photocase/napri Die urbane Flora und Fauna soll den Berliner*innen durch ein neues Projekt nahe gebracht werden.

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