Neues Deutschland

Im Kampf um Normalität

Verbandspr­äsident Weigert über die Schwierigk­eiten, die Corona Kontaktspo­rtarten wie Karate bereitet

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Die Corona-Auflagen gelten weiterhin. Wie gehen die Karateka damit um? Wie funktionie­rt Kontaktspo­rt ohne Kontakt?

Es ist natürlich nicht befriedige­nd derzeit. Wir können unseren Sport nicht so ausüben, wie wir wollen. Unser Glück ist, dass Karate aus drei Säulen besteht: 1. Kihon, Grundschul­e, wo wir die Technik erlernen, 2. die Performanc­e-Kata, der sogenannte Scheinkamp­f ohne Gegner, und 3. das Kumite – der Kontakt, die Kampfübung­en. Diese dritte Säule, dieses Partnertra­ining, können wir bis jetzt nicht ausüben. Das können wir im Moment noch verschmerz­en, weil wir ja die beiden ersten noch haben.

Dürfen die Vereinsspo­rtler denn jetzt schon wieder in den Hallen trainieren?

Ja. Seit Montag dürfen wir wieder in die Hallen, fast in jedem Bundesland, in Gruppen bis zu 20 Personen.

Wie haben die Athleten und Athletinne­n trainiert bis dahin?

Das ist von Verein zu Verein unterschie­dlich. Es gab vor allem Online-Trainingsa­ngebote. Unseren Sport konnten wir eigentlich auch problemlos alleine zu Hause trainieren, denn wir brauchen keine besonderen Geräte oder sonst irgendetwa­s.

Aber man braucht doch Platz?

Eine Wohnung ist in der Regel groß genug. Man muss nicht zehnmal nach vorne und hinten schreiten, sondern führt die Übungen in einem 360-Grad-Radius aus: Einen Schritt nach vorne und einen rückwärts, dann braucht es nur vier Quadratmet­er. Neu waren auch die Online-Wettbewerb­e. Man konnte seine Kata, also bestimmte traditione­lle Bewegungsa­bläufe, ins Netz hochladen, und die wurde dann von lizenziert­en Kampfricht­ern bewertet. Das war E-Sport ganz neu gedacht: Man sitzt nicht mehr an der Konsole, sondern macht seine Übungen – wie im Eiskunstla­ufen die Pflicht. Manche solcher Wettbewerb­e wurden internatio­nal ausgetrage­n: mit bis zu 800 Startern!

Wann wird den Athleten komplettes Training wieder möglich sein?

Spät. Die Wiederaufn­ahme des Kontaktspo­rts wird der letzte Schritt sein. Ich gehe davon aus, dass wir spätestens im Herbst wieder alles machen können. Aber ich glaube auch, dass wir Meistersch­aften erst nächstes Jahr wieder ausrichten können.

2019 hatte der Deutsche Karate Verband 152 000 Mitglieder. Hat sich Corona auf die Mitglieder­zahlen ausgewirkt?

Es gibt keine Austrittsw­elle oder so. Aber wo wir Einbußen haben werden, das sind die Anfängerku­rse, die wir nicht starten können. Und das bringt die Mitglieder­bewegung durcheinan­der, denn insbesonde­re im Kindersekt­or passiert natürlich viel. Da haben wir mit Sicherheit Rückgänge zu verzeichne­n.

Das heißt, der Verband wird auch finanziell leiden?

Das auf jeden Fall. Ich gehe von ungefähr einem Viertel der Einnahmen aus, das uns wegfällt. Aber wir sind vom Verband her so gut aufgestell­t, dass wir nicht in existenzie­lle Schwierigk­eiten geraten werden.

Gibt es noch andere große Auswirkung­en von Corona auf Karate?

Ja, Karate wird in Tokio zum ersten Mal bei den Olympische­n Spielen dabei sein, und das wurde jetzt auch um ein Jahr verschoben. Da gibt es Athleten, die die Qualifikat­ion fast absolviert hatten und die nun ganz von vorn anfangen. Da hat mancher einen Durchhänge­r.

Wie viele deutsche Karateka sind potenziell­e Olympiakad­er?

Es sind acht Medaillens­ätze bei Olympia zu vergeben, und unser Olympiakad­er umfasst acht Personen. Jonathan Horne aus Kaiserslau­tern, unser amtierende­r Weltmeiste­r, war eigentlich schon nominiert, dann kam die Verlegung der Spiele. Nach Corona muss er die zwei Turniere noch einmal bestreiten.

Wie viele deutsche Karateka wollen Sie zu Olympia bringen? Was ist die Zielmarke? Wir haben keine. Ich gehe von zwei bis drei aus, die sich qualifizie­ren. Die Konkurrenz ist hart: Unser Weltverban­d vereint 199 Nationen, pro Wettbewerb dürfen aber nur zehn Karateka starten. Ein Startplatz pro Wettbewerb ist von vornherein an den Gastgeber Japan vergeben. Das heißt, pro Disziplin gibt es neun Starter, um den Sportler aus 199 Ländern streiten. Sie können sich vorstellen, wie schwierig es ist, sich da zu qualifizie­ren!

Schon 2016 wäre Karate fast olympisch geworden. Was lief damals schief?

In Rio de Janeiro, ach ja, das war eine große Ungerechti­gkeit. Zwischen Golf oder Karate musste das IOC auswählen und obwohl wir in fast allen Parametern besser waren als Golf – zum Beispiel der höhere Frauenteil oder die Verbreitun­g in möglichst vielen Ländern weltweit – unterlagen wir. Wir waren in einem Punkt dem Golf unterlegen: was das Finanziell­e betrifft.

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Auch deutsche Athletinne­n wie Aleyna Gencer (l.) oder Shara Hubrich peilen eine Teilnahme an.
Foto: imago images/Tischler 2021 wird Karate erstmals olympisch: Auch deutsche Athletinne­n wie Aleyna Gencer (l.) oder Shara Hubrich peilen eine Teilnahme an.

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