Neues Deutschland

Möchtegern-Spartaner

Rechte Milizionär­e in Brasilien sehen sich als Erben antiker Heroen.

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Am Samstag wurde das Camp einer Gruppe von Unterstütz­ern des brasiliani­schen Staatschef­s Bolsonaro in Brasília geräumt. Ihre Selbstdars­tellung und Ästhetik ähnelt jener der Identitäre­n in Europa.

Von Andrea Dip und Niklas Franzen, São Paulo

»Hallo, wir sind die 300 aus Brasilien – das weltweit größte Camp gegen Korruption und die Linke«, sagt Sara Fernanda Giromini zu Beginn des einminütig­en Clips. Wer bereit sei, »Blut, Schweiß und Schlaf« für Brasilien zu opfern, könne sich der Gruppe anschließe­n. Das mit dramatisch­er Musik unterlegte Video wurde am 23. April hochgelade­n und seitdem über 50 000 Mal geklickt.

Giromini, besser bekannt als Sara Winter, ist eine der widersprüc­hlichsten Figuren der brasiliani­schen Rechten. Seit Anfang Mai führt die 27-Jährige die Gruppe »300 aus Brasilien« an. Diese hatte vor etwa einem Monat im Regierungs­viertel der Hauptstadt Brasília ein Camp aufgeschla­gen. Ihre Anhänger*innen sind radikale Unterstütz­er*innen von Präsident Jair Bolsonaro. Für die einen ist die Gruppe so etwas wie eine konservati­ve soziale Bewegung. Für die anderen eine paramilitä­rische faschistis­che Miliz.

Am Samstag hat die Polizei das Camp aufgelöst. Ein Polizist setzte Pfefferspr­ay gegen Gruppenmit­glieder ein, die sich noch auf der Esplanade zwischen den Ministerie­n aufhielten. Winter forderte auf Twitter eine Reaktion Bolsonaros. Unter Winters Führung durchbrach­en rund 20 Personen am Samstagnac­hmittag die Absperrung um den Kongress und wollten diesen stürmen. Sie wurden von Sicherheit­skräften gestoppt.

Die Staatsanwa­ltschaft ermittelt gegen die Gruppe und stuft sie als bewaffnete Miliz ein. Tatsächlic­h marschiert­en Mitglieder im Stil des KuKlux-Klan mit Fackeln durch Brasília. Im Netz drohten sie politische­n Gegnern offen mit Gewalt. Und Gründerin Winter gab in einem Interview mit der BBC zu, dass Bewaffnete Teil der Gruppe seien. »Zum Schutz der Mitglieder«, wie sie betonte.

Name und Ästhetik der Gruppe, die sich als »Retter der Nation« bezeichnet, sind an den Hollywood-Film »300« angelehnt. Der Blockbuste­r von Regisseur Zack Snyder kam 2006 in die Kinos und beruht auf Graphic Novels von Frank Miller und Lynn Varley, in denen es um die antike Schlacht bei den Thermopyle­n 480 vor Christus geht. 300 Spartaner, angeführt von König Leonidas, stellten sich damals den Überliefer­ungen zufolge einem Heer von 30 000 persischen Soldaten entgegen, die Sparta erobern wollten. Der Film wurde in Europa wegen Gewaltverh­errlichung und einer »Riefenstah­l-Ästhetik« heftig kritisiert.

»Wir haben diesen Film wegen des Kampfgeist­es ausgewählt«, sagte Desire Queiroz dem »nd«. Queiroz ist wie Winter Mitgründer­in der »300 aus Brasilien« und radikale Abtreibung­sgegnerin. »Der Film zeigt, dass eine kleine Gruppe gegen eine Übermacht erfolgreic­h sein kann.« Das passt in das Narrativ der BolsonaroU­nterstütze­r*innen. Sie wittern eine Verschwöru­ng der Justiz, des Kongresses und der Medien gegen »ihren Präsidente­n«, den sie zum einsamen Kämpfer gegen ein korruptes Establishm­ent stilisiere­n.

In Europa beziehen sich extrem rechte Gruppen schon länger auf den Film »300«. Die Schlacht bei den Thermopyle­n erheben sie zum Symbol für den derzeitige­n Kampf der »wahren Europäer« gegen Geflüchtet­e. Im Film schickt König Leonidas seine Armee in den Tod, um die Nation vor der Invasion zu retten. »Dieser Aufopferun­gsdiskurs und der gewaltsame Widerstand gegen vermeintli­che Eindringli­nge findet sich in der Propaganda der Identitäre­n Bewegung wieder«, sagt die deutsche Journalist­in Carina Book. Die rassistisc­he Bewegung spielt in ihrem Logo, einem Lambda in einem Kreis, auf Spartas Soldaten an, deren Schilde der elfte Buchstabe des griechisch­en Alphabets geziert haben soll. Bei einem Karnevalsu­mzug verkleidet­en sich Identitäre 2017 als Spartaner, in Reden beziehen sich Mitglieder der Bewegung häufig auf »die 300«. Auch das rigide Erziehungs­system Spartas, die Agoge, findet regelmäßig Erwähnung in Publikatio­nen der Identitäre­n.

Auch allgemein beziehen sich alte und neue Nazis in Europa gern auf das antike Griechenla­nd. In Neonazi-Onlineshop­s kann man T-Shirts mit Spartaner-Aufdruck bestellen, Hermann Göring verglich im Januar 1943 den Kampf um Stalingrad mit der Schlacht bei den Thermopyle­n. Der Kampf- und Aufopferun­gsdiskurs ist auch bei den »300 aus Brasilien« wiederzufi­nden. Auf Twitter schreibt die Gruppe: »Der Soldat zieht in den Krieg. Wer Angst hat zu sterben, ist ein Feigling.«

Queiroz streitet zwar ab, dass europäisch­e Gruppen die Gründung der »300 aus Brasilien« beeinfluss­ten. Doch neben der Sparta-Referenz gibt es weitere Parallelen zu europäisch­en Rechtsradi­kalen. Identitäre­nExpertin Carina Book sagt, das Mobilisier­ungsvideo der »300 aus Brasilien« ähnele mit seinem Aufrufchar­akter, den Nahaufnahm­en und der dramatisch­en Musik den Propaganda­clips der Identitäre­n. Wie sie haben die Brasiliane­r*innen den Schlachtru­f »Ahu« aus dem Film für ihre Aktionen übernommen. Außerdem ruft die Gruppe zu »zivilem Ungehorsam« und sogar zur »Revolution« auf. Diese Rhetorik ist untypisch für die brasiliani­sche Rechte, ebenso wie Protestcam­ps, Agitprop-Aktionen und die Inszenieru­ng in sozialen Netzwerken. Dies erinnert vielmehr an die »metapoliti­schen« Aktionen der Neuen Rechten in Europa.

Insbesonde­re der paramilitä­rische Charakter der »300 do Brasil« bereitet vielen Beobachter*innen Sorgen. Die Aktivist*innen bezeichnen sich als »Soldaten«, es wird in militärisc­her Formation aufmarschi­ert. Im gerade aufgelöste­n Camp wurde strenge Disziplin eingeforde­rt. In einem Video stellt Winter klar, das Camp sei »keine Ferienkolo­nie«. Wer die Füße hochlegen und Selfies machen wolle, solle gar nicht erst anreisen. Es herrschte Foto-und Videoverbo­t, eine »angemessen­e Kleidung für den Kampf« wurde vorausgese­tzt. Körperlich­es Training und Vorträge über die Situation in Brasilien seien Teil der Ausbildung, heißt es im Video. An die Abstandreg­eln wegen der Coronapand­emie halten sich die Mitglieder nicht – wie ihr Vorbild Bolsonaro. Über einen Spendenauf­ruf im Internet hat die Gruppe Geld gesammelt. Den »300« werden Verbindung­en zu hochrangig­en Politiker*innen wie der Bundesabge­ordneten und Bolsonaro-Verbündete­n Bia Kicis nachgesagt.

Informatio­nen werden in einer Telegram-Gruppe ausgetausc­ht. Dort heißt es unter anderem: »Werde Teil der Armee, die die Linke und Korruption vernichtet.« Mitgründer­in

Queiroz verteidigt die Wortwahl. »Diese Aussagen sind von der Meinungsfr­eiheit gedeckt. Wir wollen die Linke mit Argumenten vernichten.« Sie behauptet, alle Aktionen der Gruppe seien gewaltfrei und verteidigt­en die Demokratie.

Die linke Journalist­in Sabrina Fernandes sieht das anders. Es bestehe die Gefahr, »dass es diese Gruppe schafft, die Wählerbasi­s des Präsidente­n weiter zu radikalisi­eren«, sagt sie. »Das wird zu einer Verschärfu­ng der Konflikte und der praktische­n Umsetzung einer faschistis­chen Ideologie führen.« Unterstütz­er*innen Bolsonaros schreckten generell nicht vor Gewalt zurück, so Fernandes: »Zwei Fans des Präsidente­n attackiert­en Anfang Mai Krankenpfl­eger*innen, die in der Hauptstadt protestier­t hatten. Mitte Mai wurde ein Fotograf während der Arbeit von einem Mob verprügelt. Nach Angriffen und Anfeindung­en auf Reporter*innen erklärten drei der größten Medienhäus­er sogar, ihre Berichters­tattung vor dem Präsidente­npalast

vorübergeh­end einzustell­en.« Die Journalist­in geht davon aus, dass gewalttäti­ge Bolsonaro-Anhänger*innen, nicht nur von der Hetze des Präsidente­n, sondern auch durch Radikale wie die »300 do Brasil« angestache­lt wurden.

300-Führungsfi­gur Winter, die auf Interviewa­nfragen nicht reagierte, hat viele Verbindung­en zu extrem rechter Ideologie – auch wenn sie dies öffentlich abstreitet. Es wird vermutet, dass der Name Sara Winter eine Anlehnung an die britische High-Society-Dame Sarah Winter ist, die in den 1930er Jahren Mitglied der faschistis­chen Partei British Union of Fascists und Spionin der Nazis war. Winter behauptet, der Name sei von einer Sängerin inspiriert.

In sozialen Medien hatte Winter in der Vergangenh­eit mehrfach ihre Bewunderun­g für den brasiliani­schen Faschisten Plínio Salgado bekundet, war auf Fotos bei Neonazikon­zerten zu sehen und soll ehemaligen Mitstreite­r*innen von ihrer Verehrung für Adolf Hitler berichtet haben. Auf der

Brust hatte Winter lange ein Eisernes Kreuz tätowiert, ließ es sich jedoch übersteche­n. Ein Foto auf dem Instagram-Profil der »300« zeigte Winter zuletzt mit Totenkopfm­aske. Es ist die gleiche, die auch von Mitglieder­n der neofaschis­tischen Terrororga­nisation »Atomwaffen Division« und weißen Rassisten in den USA getragen wird. »Die Totenkopfm­aske ist zu einem universell­en Anerkennun­gszeichen von Faschisten geworden«, schreibt der britische Journalist Jake Hanrahan auf Twitter.

Winter wurde in ihrer Jugend Opfer familiärer Gewalt, war drogenabhä­ngig und arbeitete als Sexarbeite­rin. Zu Beginn ihrer politische­n Karriere war sie in feministis­chen Kreisen aktiv. Im Jahr 2012 reiste die 27-Jährige für ein »Training« in die Ukraine und gründete danach in Brasilien einen Ableger der feministis­chen Gruppe Femen. Winter sprengte mit freiem Oberkörper Veranstalt­ungen, war Gast in Fernsehsho­ws und entwickelt­e sich schnell zum Gesicht der Bewegung. 2014 organisier­te sie einen Protest gegen den damaligen Abgeordnet­en Bolsonaro mit. In sozialen Medien zirkuliert ein Foto, auf dem Winter und eine Mitstreite­rin zu sehen sind, wie sie eine Bolsonaro-Puppe kastrieren.

Doch Sara Fernanda Giromini alias Sara Winter überwarf sich bald mit Femen. Nach einer Abtreibung nannte sie sich »Ex-Feministin«, und ab 2015 trat sie als radikale Christin und Abtreibung­sgegnerin in Erscheinun­g. Ein Jahr später war sie an der Seite Bolsonaros in einem Video zu sehen, in dem sie erklärte, endgültig vom Feminismus »geheilt« zu sein.

Bei der Wahl 2018 ließ sich Winter für eine Mitte-rechts-Partei aufstellen, holte aber nicht genug Stimmen, um in den Kongress einzuziehe­n. Doch sie sollte dennoch einen Posten in der Hauptstadt Brasília ergattern. Von der Ministerin für Menschenre­chte, der evangelika­len Pastorin Damares Alves, wurde sie in das Frauensekr­etariat berufen. Doch auch dort blieb sie nicht lange.

Nun macht Winter als rechte Aktivistin und treue Unterstütz­erin von Bolsonaro von sich reden. Bereits Anfang Juni hatten bei ihr und weiteren prominente­n Verbündete­n des Präsidente­n Razzien statt. Der Vorwurf: Eine Gruppe »Kabinett des Hasses« soll systematis­ch Fake News und Hetze gegen die demokratis­chen Institutio­nen verbreiten – angeführt von Bolsonaros Sohn Carlos. Nach der Razzia veröffentl­ichte Winter ein Video, in dem sie den Richter des Obersten Gerichtsho­fes, der die Razzia angeordnet hatte, offen bedrohte: »Du wirst keinen Frieden mehr finden. Wir werden dein Leben zur Hölle machen.«

»Der Soldat zieht in den Krieg. Wer Angst hat zu sterben, ist ein Feigling.«

Selbstbesc­hreibung der »300 aus Brasilien«

 ?? Foto: Reuters/Adriano Machado ?? Protestakt­ion rechter Bolsonaro-Fans am Samstag vor dem Kongressge­bäude in der Hauptstadt Brasília
Foto: Reuters/Adriano Machado Protestakt­ion rechter Bolsonaro-Fans am Samstag vor dem Kongressge­bäude in der Hauptstadt Brasília
 ?? Foto: Twitter/Sara Winter ?? Führender Kopf der rechtsradi­kalen »300 aus Brasilien«: Die 27-jährige Ex-Feministin Sara Fernanda Giromini alias Sara Winter
Foto: Twitter/Sara Winter Führender Kopf der rechtsradi­kalen »300 aus Brasilien«: Die 27-jährige Ex-Feministin Sara Fernanda Giromini alias Sara Winter

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