Neues Deutschland

Immobilien­riese im Shoppingwa­hn

Mieter schließen sich zusammen gegen den Verkauf ihrer Häuser an die Deutsche Wohnen

- Von Yannic Walther

Während der Immobilien­konzern Deutsche Wohnen die Lufthansa aus dem DAX verdrängt, fragen sich berlinweit Mieter, ob sie die nächsten sind.

Altbau, begehrte Lage, warum nicht? Das wird sich wahrschein­lich auch die Deutsche Wohnen gedacht haben. Am 5. Juni ist bekannt geworden, dass das Immobilien­unternehme­n 21 Häuser in Berlin gekauft hat. Elf davon in Kreuzberge­r Milieuschu­tzgebieten. Die Mieter sind davon wenig begeistert und organisier­ten sich am Sonntag bei einer Versammlun­g auf dem Mariannenp­latz.

Insgesamt 90 Millionen Euro hat sich die Deutsche Wohnen ihre jüngste Shoppingto­ur auf dem Berliner Markt kosten lassen. Das will auch wieder reingeholt werden. »Die Deutsche Wohnen ist kreativ darin, ihren Gewinn zu erhöhen, indem sie zum Beispiel die Häuser nicht mehr instand hält«, sagt Lorena, die ihren vollständi­gen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Ihr Haus in der Sorauer Straße gehört zu den Altbauten, die der Immobilien­riese kürzlich kaufte. Dass das Haus in Eigentumsw­ohnungen umgewandel­t werden könnte, ist eine große Sorge, die ihre Hausgemein­schaft umtreibt.

Zu Recht, sagt Susanna Raab. »Mit dem Kauf von Altbaubest­and in begehrten Lagen, hat sich die Deutsche Wohnen eine Exit-Option geschaffen.« Raab ist Sprecherin der Initiative »Deutsche Wohnen und Co enteignen«, die auch zu der Mietervers­ammlung eingeladen hat. »Altbauten bieten die Möglichkei­t, diese gegebenenf­alls in Eigentumsw­ohnungen aufzuteile­n und schnell zu verkaufen, falls der Mietendeck­el in Kraft bleibt und wir mit unserem Volksbegeh­ren Erfolg haben.«

Mit dieser Befürchtun­g stehen die Mieter der Deutschen Wohnen nicht allein. Auch in Wedding an der Ecke Osloer Straße und Koloniestr­aße, wo drei Häuser im Paket mit zahlreiche­n anderen von der Skjerven Gruppe angekauft wurden, haben die Mieter Furcht vor einer Umwandlung. Geschäftsf­ührer Einar Skjerven bestätigt zwar gegenüber »nd«: »Eine Aufteilung der Häuser in Eigentumsw­ohnungen und umfassende Modernisie­rungen sind nicht vorgesehen.« Doch mit Versprechu­ngen wollen sich die Mieter nicht zufrieden geben – die von Skjerven in Wedding ebenso wenig wie die der Deutschen Wohnen in Kreuzberg.

Lorena aus der Sorauer Straße hofft darauf, dass der Bezirk sein Vorkaufsre­cht ausübt. Mit diesem würde ein Dritter, etwa eine Genossensc­haft oder eine landeseige­ne Wohnungsba­ugesellsch­aft, ihr Haus kaufen. Allerdings fehlen den Landeseige­nen durch den Mietendeck­el bereits einkalkuli­erte Einnahmen, so der Baustadtra­t von Mitte, Ephraim Gothe (SPD), zu »nd«. Auch die CoronaMehr­ausgaben machen es fraglich, inwieweit das Land einen Vorkauf bezuschuss­en kann. Gothe sagt: »Bei der Deutsche Wohnen koordinier­en die Bezirke sich untereinan­der. Wir müssen sehen, ob wir gemeinsam mit dem Senat etwas herausverh­andeln können – und wenn es eine Abwendungs­vereinbaru­ng für alle gibt.« Mit einer Abwendungs­vereinbaru­ng würde sich die Deutsche Wohnen zu sozialen Erhaltungs­kriterien verpflicht­en. Mittes Baustadtra­t berichtet von einem anderen Fall, bei dem die Deutsche Wohnen zwar bereit war, sich an diese Kriterien zu halten. »Sie wollte Mieterschu­tz aber nur für zwölf Jahre zusichern«, so Gothe. Normalerwe­ise liegt die Frist bei mindestens 20 Jahren.

Die Befürchtun­g, dass soziale Kriterien dem Profitinte­resse geopfert werden könnten, wird auch durch die bevorstehe­nde Aufnahme des Immobilien­unternehme­ns in den Deutschen Aktieninde­x (DAX) verstärkt. Was des einen Freud ist, könnte zum

Leid der Mieter werden. Denn Investoren schauen zuerst auf den DAX, wenn sie in Deutschlan­d investiere­n. Der Renditedru­ck könnte deshalb steigen und damit der Wille, möglichst viel Geld aus den neu erworbenen Häuser herauszuho­len.

»Wir enteignen natürlich viel lieber ein DAX-Unternehme­n«, sagt Susanna Raab. Am letzten Donnerstag hat die rot-rot-grüne Koalition zugesicher­t, bis Anfang Juli die rechtliche Prüfung des Volksbegeh­rens über die Enteignung von Wohnungsun­ternehmen mit mehr als 3000 Wohnungen in Berlin abzuschlie­ßen. Sollte die Initiative Erfolg haben, braucht es in einem nächsten Schritt 170 000 Unterstütz­er. Zur Abgeordnet­enhauswahl im Herbst 2021 könnten die Berliner in einem Volksentsc­heid dann auch darüber abstimmen, wie Mieter ihre Sonntage verbringen – ob mit einer Kundgebung gegen Verdrängun­g oder mit angenehmer­en Beschäftig­ungen.

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Foto: Florian Boillot Mieter der Hausgemein­schaft Maybachufe­r 6 am Mariannenp­latz in Kreuzberg

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