Neues Deutschland

Sri Lanka: Tamilen vor deutschem Gericht

Prozessauf­takt wegen Spendensam­mlungen für die tamilische Unabhängig­keitsbeweg­ung

- VINA THIRU

Die Geschichte der tamilische­n Unabhängig­keitsbeweg­ung auf Sri Lanka spiegelt sich in einem Prozess in Düsseldorf wider. Dort sind mehrere Sri Lanker der Unterstütz­ung der Befreiungs­tiger angeklagt.

Vor dem Oberlandes­gericht in Düsseldorf begann am Mittwoch der erste von sechs Prozesstag­en gegen ehemalige Mitglieder des Tamil Coordinati­on Commitee (TCC). 13 Jahre nachdem die sri-lankische Armee die tamilische­n Befreiungs­tiger der LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) besiegt hat, wird vier Männern für den Zeitraum 2007 bis 2009 insbesonde­re das Sammeln von Spenden vorgeworfe­n.

Laut Anklagesch­rift sei ihnen bewusst gewesen, dass diese Summen von jeweils insgesamt 33 000 bis 775 000 Euro zu Teilen den »kriegerisc­hen Auseinande­rsetzungen« der LTTE zugutekame­n, deren Aktivitäte­n die Staatsanwa­ltschaft als »terroristi­sche Unternehmu­ngen« einstuft. 2009, in den letzten Monaten dieses Bürgerkrie­ges kamen rund 60 000 bis 70 000 Tamilen im Norden der Insel ums Leben. Viele wurden in den vom staatliche­n Militär bombardier­ten Waffenstil­lstandszon­en getötet, die vorher von der Regierung selbst ernannt worden waren. Der Vorwurf des Völkermord­s steht im Raum.

Die im Gerichtssa­al anwesenden Personen hören gebannt zu, als die Rechtsanwä­ltin aus der Erklärungs­rede ihres Mandaten Pathmanath­an T. vorträgt: »Tag für Tag konnten wir diese Gräueltate­n auf Videos sehen und mitverfolg­en, die aus dem Vanni gesendet wurden. Aber nur wir schienen sie zu sehen, denn niemand auf der Welt schien sich dafür zu interessie­ren, obwohl es weltweit große Demonstrat­ionen dagegen gab.« Er berichtet aus einer schmerzhaf­ten Erfahrungs­welt, die viele in der Diaspora lebende Tamil*innen teilen.

Kurz vorher noch hatte Pathmanath­an T., alias Nathan Thambi, seine Verteidigu­ngsrede selbst gesprochen. Zunächst erzählte er von seiner familiären und berufliche­n Situation und kam dann zum Tatvorwurf: »Es ist wahr, dass ich Geldspende­n für die Selbstvert­eidigung des tamilische­n Volkes gesammelt habe.« Als er auszuführe­n versucht, dass es ihm um den Schutz, die Freiheit und den Frieden seiner Familie und seines Volkes gegangen sei, hält er plötzlich inne. Ihm versagt die Stimme, entschuldi­gend bittet er seine Verteidige­rin weiter vorzulesen.

Zuvor wurden allen vier Personen, im Falle eines Geständnis­ses und abhängig von der Höhe der Summe ihrer Spendensam­mlungen, Bewährungs­strafen von 6 bis 24 Monaten in Aussicht gestellt. Ihre Entscheidu­ngen fallen unterschie­dlich aus: Zwei möchten dies wahrnehmen und gestehen – die anderen beiden lehnen die Angebote ab. Nathan Thambi, dem dann sogar nur eine Geldstrafe gedroht hätte, gehört zu Letzteren.

Die zwei ehemaligen TCC-Mitglieder, die das Verständig­ungsangebo­t annehmen, machen Angaben zu ihrer Person und erklären in ihrem Geständnis die Hintergrün­de. Sie erzählen von der Unterdrück­ung und Gewalt gegen Tamil*innen auf Sri Lanka, die sie selbst erlebten. Sie berichten sowohl von ihrer Flucht nach Deutschlan­d und damit einhergehe­nden Schwierigk­eiten als auch davon, wie sie während des Friedenspr­ozesses ab 2002 in die Heimat reisten und positive Entwicklun­gen und Visionen beobachtet­en. Aber diese Hoffnungen seien während der letzten Kriegsjahr­e mehr und mehr in Trauer und Verzweiflu­ng umgeschlag­en. Beide erkennen an, dass sie, eingebette­t in diesen Kontext, gegen deutsche Gesetze verstoßen haben, und beantworte­n schließlic­h noch Fragen der Richter*innen.

Elayathamb­i A. hingegen sieht in seinen Tätigkeite­n keine kriminelle­n Handlungen und führt in seiner Erklärungs­rede zu den Wurzeln seiner politische­n Aktivitäte­n aus: »Wie für die meisten Tamilen der Diaspora war auch für mich der Gedanke unerträgli­ch, in Sicherheit zu sein und untätig zuzusehen, wie mein Volk, das ich zurückgela­ssen hatte, in der Heimat um sein Überleben kämpfte.«

Nathan Thambi führt gar aus, dass er vielmehr das 2006 erlassene Verbot der LTTE in der EU kritisiere, statt ein Verbrechen anzuerkenn­en.« Diese Frage der Kriminalis­ierung ist nicht nur für die Eelam-Tamilen wichtig, sondern für alle unterdrück­ten Gruppen auf der ganzen Welt. Nach dem Vortrag aller vier Erklärunge­n wird abschließe­nd ohne weiteren Kommentar der richterlic­hen Seite die erste Sitzung nach einem langen Tag gegen 16.30 Uhr beendet.

Fünf weitere Gerichtste­rmine sind in den nächsten Wochen angesetzt, ebenfalls in dem abseits gelegenen Hochsicher­heitstrakt des OLG Düsseldorf. Am letzten Prozesstag am 10. Juni werden schließlic­h die Urteile über die vier ehemaligen TCC-Aktivisten verkündet.

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